Behindert auf der Flucht

 

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Screenshot: Faz.net

Unter den Flüchtenden nach Europa sind auch Menschen mit Behinderung. Doch meist werden sie weder von den Behörden registriert noch angemessen untergebracht. Auch die Medien erzählen eher von Einzelschicksalen als von einer Angelegenheit, die viele betrifft. Karin Chladek über den Status quo in Deutschland und Österreich.

Dass Geflüchtete mit Behinderungen unter den vielen Tausenden sind, die derzeit nach Europa kommen, ist unbestritten. Es gibt Fotos von flüchtenden Menschen etwa in Rollstühlen, die von ihren Freunden und Familienangehörigen geschoben werden. Meistens behaupten Behördenvertreter, dies wären „Einzelfälle“. Auch die mediale Berichterstattung konzentriert sich auf drastische individuelle Schicksale – siehe etwa diesen Artikel im Spiegel. Der Tenor ist: Natürlich muss die Gesellschaft in Europa tun, was geht, um diesen Wenigen, die extra viel Pech im Leben hatten, zu helfen, aber um ein Massenphänomen handelt es sich nicht.

Keine Registrierung, keine barrierefreie Unterkunft

Doch stimmt das? Sind Flüchtlinge mit (einer) Behinderung(en) wirklich nur Einzelfälle? Oder sind 15, gar 20 oder 30 Prozent der Asylsuchenden betroffen? Tatsache ist, es werden keine Statistiken erhoben. Weder in Deutschland noch in Österreich. Man könnte fragen, ob es die Behörden überhaupt so genau wissen wollen. Denn würde sich herausstellen, dass relativ viele Asylsuchende von Behinderungen betroffen sind, müsste man mit ihnen gemäß der UN-Behindertenrechtskonvention, die sowohl Deutschland als auch Österreich unterzeichnet haben, anders umgehen.

Über die Lage in Berlin meint die Künstlerin und freiwillige Helferin Annton Beate Schmidt: „Die Situation, zumindest kann ich das für Berlin sagen, ist katastrophal. Auch hier gibt es keinerlei Statistik. Auf dem sogenannten B-Bogen bei der Registrierung existiert bisher nicht einmal eine Rubrik Krankheiten oder Behinderungen. Das bedeutet, wenn der Sachbearbeiter nicht aufmerksam oder geschult ist, landen schwerkranke und schwerstbehinderte Menschen in den vollkommen ungeeigneten Notunterkünften.“

Vorbereitung der Gesellschaft auf Herausforderungen

Der Frage, ob überhaupt und wenn ja, wie viele Menschen mit Behinderungen sich aktuell auf die Flucht nach Europa begeben, ging Mitte November eine Veranstaltung der Organisation Licht für die Welt (aus der in Deutschland bekannten Christoffel-Blindenmission hervorgegangen) in Wien nach. Licht für die Welt setzt sich schon lange für Menschen mit Behinderungen in Ländern des Globalen Südens ein. In einer Podiumsrunde diskutierten VertreterInnen von österreichischen Organisationen, PolitikerInnen, JournalistInnen und ein sehbeeinträchtigter Geflüchteter. Es wurde das allgemeine Thema der nachhaltigen Entwicklung angesprochen: Wie gut ist eine Gesellschaft dazu gerüstet, mit neuen oder größeren Herausforderungen umzugehen? Im Umgang mit Schwächeren – Flüchtenden und Menschen mit Behinderungen etwa – zeigt sich, wie gut eine Gesellschaft für die Zukunft vorbereitet ist. Mitteleuropa kam beispielsweise schlecht weg, wie bei der Podiumsdiskussion zu hören war.

TeilnehmerInnen der Podiumsdiskussion

Die TeilnehmerInnen der Podiumsdiskussion vlnr Madeleine Auer (Train of Hope), Franz Joseph Huainigg (NR-Abgeordneter, ÖVP), Ines Egger (Licht für die Welt), Helene Jarmer (NR-Abgeordnete, Grüne), Christiane Link (Journalistin), Katja Horniger (Moderation / Licht für die Welt) und Herr R. (Flüchtling aus Afghanistan), „Im Rollstuhl nach Europa – Menschen mit Behinderung auf der Flucht“, Presseclub Concordia, Wien, am 17.11.2015. Quelle: facebook.com/lichtfuerdiewelt

Versäumnisse der letzten Jahrzehnte werden sichtbar

Die Journalistin und Unternehmerin Christiane Link, die selbst mit einem Rollstuhl unterwegs ist, fasste zusammen: „Der Umgang mit Flüchtlingen wirkt wie ein Brennglas und macht sichtbar, was im System seit 20, 30 Jahren versäumt wurde. Basics wie barrierefreie Wohnungen sind schwer zu finden, aufwendige Behördenwege betreffen alle Menschen mit Behinderungen, egal, ob sie StaatsbürgerInnen oder Flüchtende sind.“ Wenn Bundeswehrsoldaten Flüchtende an den Grenzen zwingen, stundenlang auf dem kalten Boden sitzen zu bleiben und nicht auf die Idee kommen, dass das mit amputierten Gliedmaßen oder Prothesen schmerzhaft sein könnte, wird klar, dass es an grundlegender Sensibilisierung fehlt.

Keine Zahlen, nur Schätzungen

Derzeit werden keine Statistiken darüber geführt, wie viele Flüchtende (eine) Behinderung(en) haben. Man schätzt, dass 15 Prozent aller Menschen weltweit mindestens eine Behinderung haben und kann davon ausgehen, dass diese Anzahl in Kriegs- und Krisengebieten wegen oft unbehandelt bleibender Verletzungen und chronischer Erkrankungen tendenziell höher ist. So kann man auch annehmen, dass Millionen Menschen mit Behinderungen auf der Flucht sind. Oft sind Behinderungen – etwa Prothesen – auf den ersten Blick auch nicht erkennbar. Ines Egger von Licht für die Welt schätzt, dass es mehr Menschen mit Behinderungen als diese 15 Prozent sein müssen, die aus Kriegsgebieten mit akuter Unterversorgung flüchten. Genaue Zahlen sind aufgrund der Tatsache, dass keine Statistiken geführt werden, derzeit unbekannt. Auch Hilfsorganisationen wie „Licht für die Welt“ sind auf Schätzungen angewiesen. Dennoch sei es nach Ines Egger schon jetzt wichtig, sich umzustellen: „Für die Flüchtlinge mit Behinderung müssen ausreichend Hilfsmittel und eine bedürfnisgerechte Versorgung bereitgestellt werden. Sie werden in humanitären Krisen jedoch oft übersehen. Insgesamt richtet sich nur ein Prozent der internationalen humanitären Hilfe spezifisch an behinderte und ältere Menschen.“

Pflichten des Staates…

Die österreichische Politik dürfe nicht auf die UN-Konvention zu den Rechten von Menschen mit Behinderungen vergessen, meinte Helene Jarmer, Sprecherin für Menschen mit Behinderung der Grünen Österreich. Der Staat hätte die Pflicht, Flüchtlinge mit Behinderungen angemessen zu versorgen. Etwa, indem barrierefreie Unterkünfte oder Hilfsmittel bereitgestellt werden, ergänzte Franz Joseph Huainigg, Sprecher für Menschen mit Behinderung und Entwicklungszusammenarbeit der Österreichischen Volkspartei (ÖVP).

…und Taten der Zivilgesellschaft

Derzeit müsse die Zivilgesellschaft für Versäumnisse des Staates einspringen, wurde von Licht für die Welt betont. Das funktioniere mittlerweile, wie Madeleine Auer erläuterte, vor allem über Social Media, wo sie über das Wiener Projekt „Train of Hope“ sehr effizient Hilfsmittel wie Rollstühle oder Krücken organisieren konnte, wie auch Christiane Link bestätigt. In Deutschland ist es z.B. das Münchner Projekt „ComIn“, das sich für Flüchtende mit Behinderung einsetzt.

Die Aussage, wonach zivilgesellschaftliche Organisationen für Versäumnisse des Staates einspringen müsste, kann Annton Beate Schmidt auch für Berlin bestätigen: „Da ich selbst über einige Kontakte zu Orthopädiemechanikern, Heimen und Einrichtungen verfüge, kann ich Hilfsmittel für Flüchtende organisieren. Ohne diese Kontakte und die im Grunde illegale Weitergabe von Hilfsmitteln aus deren Kellerbeständen gäbe es keine Hilfsmittel für Flüchtende mit Behinderungen. Ganz zu schweigen von behindertengerechter Unterkunft. Einige Menschen haben wir letztendlich in unserer Wohnung aufgenommen.“

Zu den Zahlen sagt sie: „Nach kurzer Rücksprache mit der Organisation MOABIT HILFT kann ich sagen: Es kommen etwa 40% Geflüchtete mit besonderer Schutzbedürftigkeit an; Kriegsverletzungen, unterbrochene Chemotherapien, HIV, Schwangere und so weiter. Traumatisierungen noch nicht mit eingerechnet.“ Derzeit sind es vorrangig zivilgesellschaftliche Netzwerke und auch engagierte Beamte, die sich um die ankommenden Menschen mit und ohne Behinderung kümmern. Doch man kann sich fragen, wie lange das noch so weitergehen kann.

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