„Was könnte die Leserin bzw. den Leser interessieren?“ – Diese Frage stellen sich Redaktionen jeden Tag. Dabei ist das Außergewöhnliche manchmal auch einfach nur der Alltag. So möchte der Blogger Heiko Kunert lieber Berichte über alltägliche Probleme von Menschen mit Behinderungen lesen, als über „Superblinde“.

Neuigkeiten, Besonderes und Skandale sind für Leser*innen und Zuschauer*innen interessant – weniger die Alltagserlebnisse blinder und sehbehinderter Senior*innen. So spiegeln sich die Grundregeln des Journalismus in Berichten über Blindheit und Sehbehinderung wieder: Es überwiegen Artikel über Joana Zimmers erste Tanzschritte, über Fehler bei medizinischen Eingriffen oder über blinde Kinder, die sich mithilfe von Schnalzlauten orientieren. Nur selten wird über 80jährige sehbehinderte Frauen berichtet, die dringend auf Hilfsmittel angewiesen sind, sie aber nicht erhalten, weil sich die Krankenkassen weigern, sie zu bezahlen.

Mehr Geschichten des Alltags statt von “Superblinden”

Und die Berichterstattung ist nicht frei von Stereotypen. Auf der einen Seite findet man die „Superblinden“, die auf keinerlei Hilfe angewiesen sind, deren verbleibende Sinne extrem geschärft und die überaus musikalisch und frei von jeder Oberflächlichkeit sind. Auf der anderen Seite sind es die hilflosen Blinden, die keinen Schritt allein gehen können, die ein Leben in absoluter Dunkelheit führen, die traurig und wütend sind und sich nach ihrem Sehen sehnen.

Die Lebenswirklichkeit der allermeisten blinden und sehbehinderten Menschen liegt irgendwo zwischen diesen Extremen. Sie führen ein ganz normales und – wenn ihre Umwelt es erlaubt – selbstbestimmtes Leben, und dennoch sind sie hin und wieder auf menschliche Hilfe oder auf finanzielle Nachteilsausgleiche wie das Blindengeld angewiesen. Das medial vermittelte Bild von blinden und sehbehinderten Menschen weicht also erheblich vom Großteil der Personengruppe ab.

Auch mal sehbehinderte und nicht nur blinde Menschen porträtieren

Die allermeisten Betroffenen sind sehbehindert, sie sind also nicht vollkommen blind. Groben Schätzungen zufolge gibt es knapp 150.000 blinde Menschen, aber 500.000 bis eine Million sehbehinderte Menschen in Deutschland. Und doch überwiegt bis heute die Berichterstattung über Blindheit. Und der Durchschnittssehbehinderte ist im Seniorenalter. Über 40% sind 80 Jahre oder älter. Dennoch zeigen Medien meist nur jüngere Menschen.

Nicht nur ein Leben in “absoluter Dunkelheit”

Die Berichterstattung verzichtet zunehmend auf falsches Mitleid, und immer mehr Journalist*innen versuchen, ein differenzierteres Bild von Blindheit zu zeichnen. Trotzdem brauchen wir mehr Sensibilität in den Medien für die Lebensrealität behinderter Menschen und einen bewussteren Umgang mit Sprache. Immer noch heißt es in Artikeln zum Beispiel „sie lebt in absoluter Dunkelheit“. In dieser Formulierung schwingt mit, dass durch die Behinderung das ganze Leben dunkel wird. Sprich: die Betroffenen sind hilflos, isoliert, traurig. Und in der Tat empfinden viele neu von einer Sehbehinderung Betroffene es so. Viele fassen aber mit der Zeit, nach absolviertem Mobilitätstraining, mit entsprechenden Hilfsmitteln und nach dem Austausch mit anderen Betroffenen wieder Mut. Ihr Leben kann nicht mehr auf ihre Behinderung reduziert werden. Und Menschen, die seit ihrer Geburt blind sind, kennen es gar nicht anders.

Blinde und sehbehinderte Menschen sind so unterschiedlich wie Sehende: Die einen haben das “absolute Gehör”, die anderen sind vollkommen unmusikalisch. Die einen wandern allein mit ihrem weißen Stock durch amerikanische Nationalparks, die anderen verlaufen sich schon in kleinen Wohnungen. Die einen schwören auf ihren Blindenführhund, die anderen verlassen sich lieber auf ihren eigenen Orientierungssinn. Am Ende läuft es auf den Wunsch hinaus, dass der einzelne Mensch in den Mittelpunkt gerückt wird und nicht seine Behinderung. Weitere Informationen, Zahlen & Fakten finden gibt es beim BSVH e.V.

Titelbild: epsos.de / Flickr.com (CC BY 2.0)