Ist das Leben mit Rollstuhl lebenswert? Laut der Figur Will Traynor im Film “Ein ganzes halbes Jahr” ist es das nicht. Er möchte sterben. Menschen mit Behinderung kritisieren die Dramaturgie des Plots. Ein Kommentar von Judyta Smykowski.

“Me before you” oder auf deutsch “Ein ganzes halbes Jahr”, basierend auf dem Roman von Jojo Moyes, ist eine Liebesgeschichte, wie man sie aus Hollywood erwarten kann. Ein reicher, privilegierter Mann in England lernt eine ärmere, erfolglose Frau kennen und ermöglicht ihr ein Leben in Saus und Braus. Soweit der erwartbare, kitschige Teil, Romantik-Fans kommen auf ihre Kosten, wie die Reaktionen auf Twitter zeigen.

Dazwischen passiert aber so Einiges: Will Traynor (Sam Claflin) wird von einem Auto erfasst. Er überlebt mit einer Tetraplegie, kann nur seinen Kopf und zwei Finger bewegen. Seine Eltern wollen ihm Lebensfreude zurückgeben, um jeden Preis. Dafür engagieren sie eine junge Frau, Louisa Clark (Emilia Clarke, bekannt aus der TV-Serie “Game of Thrones”). Sie soll sich mit ihm beschäftigen, ihn aufheitern und Dinge mit ihm unternehmen. Denn: Will möchte nicht mehr weiter leben. Er hat mit seinen Eltern einen Pakt geschlossen: sechs Monate wird er noch leben. Er tut ihnen damit einen Gefallen, doch sie stellen Louisa mit dem Ziel ein, ihn umzustimmen, weiter zu leben. Soweit die Handlung.

Auch einen schönen Film muss man kritisieren

Es ist eine schöne Liebesgeschichte, berührend und mit leichten Momenten versehen. Diejenigen, die die Serie “Game of Thrones” mit Emilia Clarke schauen, werden vielleicht ein paar Momente brauchen, sich auf ihre neue Rolle als tollpatschige, junge Frau einzulassen. Der Film zeigt im weiteren Verlauf, dass eine inklusive Partnerschaft möglich ist.

Aber man kommt nicht umher, sich über die Darstellung des behinderten Mannes in der Beziehung Gedanken zu machen. Sam Claflin, der Will Traynor spielt, ist im wahren Leben kein Rollstuhlfahrer. Natürlich stellt sich hier die Frage, ob ein Rollstuhlfahrer auch einen Fußgänger spielen kann, wenn die Figur erst im Laufe des Films behindert wird.

Behinderung als Spannungsfaktor

Die Behinderung spielt jedenfalls eine wesentliche Rolle im Film. Sie ist der Aufhänger, an ihr liegt die Entscheidung zwischen dem Leben und dem Tod. Und da die Behinderung nicht einfach wieder weggeht, spricht wenig dafür, dass Will am Leben bleiben will. Aber für das Schicksal ist ja die quirllige Louisa zuständig, so die Rechnung der Eltern.

Sophie Albers Ben Chamo schreibt auf Stern.de: “Der Film hat neben all seiner Liebe und Leichtigkeit eine beachtliche Schwere.” Es ist natürlich die Behinderung, die für “die beachtliche Schwere” sorgt, nicht etwa der Druck von außen, von Seiten der Eltern, den die Hauptfigur ertragen muss. Die Neue Osnabrücker Zeitung kommt in ihrer Rezension beinahe ohne das Thema “Behinderung” aus, der Fokus liegt klar auf der Schauspielerin.

“Disability Death Porn”

Weiterhin muss man kritisieren, dass sich jemand, der durch einen Unfall vom Fußgänger zum Rollstuhlfahrer wird, umbringen möchte. Gut ist, dass die Debatte um die Frage der Sterbehilfe nicht tiefgreifender erörtert wird. Sonst wäre der Film thematisch maßlos überladen. Will Traynors Entscheidung wird nicht grundsätzlich hinterfragt, er wird auch nicht entmündigt oder nicht ernst genommen.

Kritik an der Darstellung des behinderten Menschen üben die Journalistinnen Rebecca Maskos und Christiane Link. Beide kritisieren, dass ein Leben mit Rollstuhl die Figur im Film dazu veranlasst, sein Leben beenden zu wollen. Link schreibt: “Das Buch setzt schon fast als logisch voraus, dass man nach einer Querschnittlähmung nicht mehr leben möchte. Dass das behinderte Menschen auf die Palme bringt, vor allem querschnittgelähmte Menschen, verstehe ich, denn klar ist, die Mehrheit möchte leben und das vermutlich meist unter weit schwierigeren Umständen als der Rollstuhlfahrer im Buch.”

Von “Disability Death Porn” ist in Blog die Rede, einem “Genre, das das Sterben behinderter Menschen zum Fetisch erhebt”. Beispiele dafür seien Filme wie “Das Meer in mir” oder auch “Million Dollar Baby”, “Der englische Patient”, “Gattaca”, “Der Elefantenmensch”, “Der Glöckner von Notre Dame” und der NS-Propagandafilm “Ich klage an”. In diesen Filmen gäbe es immer das gleiche Muster: “Am Ende muss immer einer sterben: der behinderte oder chronisch kranke Charakter”, so Maskos. Will Traynor sei in ‘Ein ganzes halbes Jahr’ offensichtlich depressiv, so wie viele „Disability Death Porn“-Protagonisten, meint Maskos. Dass Menschen nach einem Unfall oder dem Beginn einer schweren Krankheit depressiv werden, sei normal. In Filmen würde es einfach akzeptiert werden, dass behinderte Filmcharaktere suizidal sind, es würde sogar legitimiert werden.

Einfach mal zufrieden sein und von Dinos gefressen werden

Dabei könnte ein behinderter Charakter auch einfach mal als zufriedene Hauptrolle vorkommen – oder auch eine beiläufige Nebenrolle, die mit ähnlichen Gefahren kämpft, wie nicht behinderte Figuren auch. Jenni Gold, Gründerin des Netzwerks “CinemAbility” sagt: “Even in a film like ‘Jurassic World,’ where you have a scene that’s in basically a theme park, there’s nobody [with a disability] that crosses. I’m sort of fighting for our right to just be eaten by dinosaurs.” Ihre Organisation analysiert, auf welche Art und Weise behinderte Menschen in Filmen dargestellt werden.

Nun darf Kunst alles. Das ist gut so, das soll auch immer so bleiben. Denn es war allein die Entscheidung der Autorin der Romanvorlage zum Film, Jojo Moyes, die Figur auf diese Weise zu konzipieren. Sie soll laut Medienberichten niemanden kennen, der auf einen Rollstuhl angewiesen ist. Als Rechercheweg für ein Buchprojekt ist das in mancher Hinsicht vielleicht fragwürdig, aber es ist Literatur. Literatur ist Kunst, Kunst darf alles.

Die Kritik ist aber durchaus berechtigt. Menschen mit Behinderung kämpfen intensiv gegen Vorurteile, Mitleid und feste Rollen, in die sie immer wieder gesteckt werden. Bei der Darstellung in den Medien natürlich besonders gegen die Rollen des Opfers, in dem sie für alles bemitleidet werden, was sie vermeintlich erleiden müssen. Oder gegen die Rolle des Helden, in der sie für alles gefeiert werden, was sie „trotz“ ihrer Behinderung tun.

Es gibt schon Vorbilder

Und auch die Sache mit einem nicht behinderten Schauspieler kann besser sein. Beim US-Sender ABC startet eine neue Serie, sie heißt “Speechless”, es geht um eine Familie deren Mitglied auch ein Kind mit einer Behinderung ist. Das Kind wird von einem behinderten Schauspieler gespielt. Einen behinderten Schauspieler einzusetzen ist eine grundsätzliche Entscheidung, die mehr und mehr fallen sollte, wie es zum Beispiel auch mit Walter Junior, dem Sohn der Hauptfigur in der Serie “Breaking Bad” der Fall ist.

Losgelöst von der Bedeutungsträchtigkeit, den einige Erzählstränge rund um Will Trainor in der Behindertenszene haben, ist es einfach eine Liebesgeschichte mit ein bisschen Dramatik. Nicht mehr und nicht weniger. Die Debatte, wie behinderte Menschen im Film dargestellt werden, ist richtig und wichtig, aber sie sollte eher eine der grundsätzlichen Natur sein, um die Freiheit der Filmemacher*innen nicht zu beschneiden. Mehr Bewusstsein und Sensibilität dafür schaffen, dass auch ein Leben mit Behinderung lebenswert ist, anstatt am Werk direkt zu kritisieren. Proaktiv statt reaktiv die Botschaft vermitteln. Dennoch brauchen wir einfach mehr Filme, die etwa wie “Ziemlich beste Freunde” oder “Der Geschmack von Rost und Knochen” die Zufriedenheit am Ende durchschimmern lassen.

Reaktionen auf Twitter

Weiterführende Links

Titelbild: Will Traynor (Sam Claflin) und Louisa Clark (Emilia Clarke) Foto: Warner Bros