Fiese Kinder und ein „Zwerg“ – Filmkritik „Auf Augenhöhe“

Filmplakat zum Film "Auf Augenhöhe": Sohn Michi und Vater Tom stehen sich Kopf an Kopf gegenüber und lächeln sich an. Im Hintergrund fahren Kinder Skateboard.

„Auf Augenhöhe“ zeigt die schwierige Annäherung eines Heim-Kindes an seinen kleinwüchsigen Vater. Mit dabei: Eine richtige Botschaft, ein paar Gags, und ein „schweres Schicksal“. Am 15. September ist der Kinderfilm in den Kinos angelaufen. Rebecca Maskos hat ihn sich für Leidmedien.de angeschaut.

Seine Mutter ist tot, sein Vater unbekannt. Michi ist zehn und lebt seit seinem fünften Lebensjahr im Heim. Durch Zufall findet er in einer Kiste mit Andenken einen geheimnisvollen Brief. Seine Mutter schrieb ihn an den Vater ihres Kindes, schickte ihn aber nicht ab. Auf der Rückseite die Adresse eines unbekannten Mannes. Michis Augen leuchten. Das muss sein Vater sein! Und wahrscheinlich weiß der bis jetzt gar nichts von ihm. Im Internet findet er den Mann und macht sich auf den Weg.

Doch dann die Enttäuschung: Michis Vater Tom entspricht so gar nicht dem, was er sich von einem Vater erhofft: Groß, stark, beschützend zu sein. Tom ist kleinwüchsig – und damit sogar ein Stück kleiner als Michi. Was nun folgt ist ein Gefühlschaos: Auf eine lange Phase der Ablehnung und Scham folgt schließlich Akzeptanz und Zuneigung.

Wichtige Botschaft, viele Klischees

Die Botschaft des Kinderfilms „Auf Augenhöhe“ von Evi Goldbrunner und Joachim Dollhopf lautet: Pfeif auf das, was die anderen sagen, und nehm Dich und Deine Eltern so wie sie sind. Das zu lernen ist für alle Kinder wichtig, und die Botschaft kommt an. Doch bis zu dieser Erkenntnis am Ende nehmen die Kinder falsche Vorstellungen über Kleinwuchs mit. Zum Beispiel, dass man kleinwüchsige Menschen wohl gemeinhin Zwerge nennt. Dass sie sich für ihre Körpergröße schämen und eigentlich lieber groß sein wollen. Dass Kleinwüchsigkeit depressiv macht, und dass sich das ganze Leben darum dreht.

Schulhofszene: Michis Vater Tom begegnet Michis Freunden. Sie setzen sich auf ihre Knie, um genauso groß zu sein wie der kleinwüchsige Vater.

Es geht schon in den ersten Szenen los. Da besucht Tom, gespielt vom Kanadier Jordan Prentice, seinen Sohn im Heim. Michi, herausragend gespielt von Luis Vorbach, ist das sehr unangenehm. Er hatte vorher bei seinen Kumpels mit dem neuen Vater angegeben, und jetzt kommt da dieser kleine Mann an. Prompt regnet es erst übelste „Zwergen“-Beschimpfungen auf Tom, später auch Wasserbomben. Toms Reaktion: Er brüllt los und fährt weinend nach Hause. In den folgenden Stunden ist nun Michi Ziel des Mobbings. Mitten in der Nacht packt er seine Sachen und brennt durch – zu Tom. Der nimmt ihn auf und zeigt sich liebevoll väterlich, schmiert ihm Brote, deckt ihn zu, richtet ihm später sogar ein Zimmer in der Wohnung ein. Doch Michi fremdelt weiterhin sehr mit Tom, straft ihn mit Verachtung.

Auch Michis neue FreundInnen lassen keinen Zwergenspruch aus. Da haben Lügen kurze Beine, da hat Tom wohl zu heiß gebadet und wohnt in einer Schneewittchen-Wohnung. Wir lernen, was wir schon wussten: Kinder können echt fies sein. Es ist gut, dass der Film Mobbing, Spott und Häme nicht ausblendet. Schwer auszuhalten jedoch, dass die kleinwüchsige Hauptfigur alles weitgehend passiv über sich ergehen lässt.

Weder Clown noch starker Mann 

Bereits vor dem ersten Treffen teilt der Vater seinem Sohn am Telefon mit: „Du musst wissen, ich bin nicht normal groß!“. Seinen Kumpels vom Ruderverein gegenüber zweifelt Tom: „Aber ich kann das nicht!“. Später behauptet er: „Mein Sohn hasst mich, weil ich klein bin!“ Er unterstellt seinen Ruderkollegen, deren Steuermann er auch bei Wettkämpfen ist: „Mich habt ihr doch nur dabei, weil ihr durch mich 20 Kilo Gewicht einspart!“ Und als Michi einmal befürchtet, selbst klein zu bleiben, sagt er beruhigend-ironisch: „Dann wärst du jetzt schon viel kleiner als deine Mitschüler. Deine Mutter hat sicher vor deiner Geburt so einen Test gemacht. Glück gehabt!“

Michi und sein Vater Tom laufen über die Straße. Ihre Gesichter sind ernst. Tom trägt ein blaues locker hochgekrempeltes Hemd. Michi eine schwarze Lederjacke und einen Rucksack.

In ihren Rezensionen über „Auf Augenhöhe“ weisen RP-Online und Filmstarts zwar darauf hin, dass der Film keine klassischen Kleinwuchs-Klischees zeigt. Der Film wird auch in anderen Kritiken unisono für seine Klischeefreiheit und emotionale Tiefe gefeiert. Wir sehen Tom tatsächlich nicht als Clown oder Spaßvogel, und auch nicht als unheimlich und unnahbar. Stattdessen aber auch keinen selbstbewussten, starken kleinwüchsigen Mann. Tom wird fast ausschließlich als „Opfer“ seiner Körpergröße gezeichnet, der mit seinem schweren Schicksal hadert. Doch die Vorstellung, dass ein Leben mit Kleinwuchs vor allem Leiden und Schmerzen bedeutet, ist ebenso ein Klischee.

Selbst-Ironie und viel Mitleid

Neu für’s Kino ist, dass wir sehen, wie eine stylische kleinwuchsgerechte Wohnung aussieht, und wir Zeuge von wilden Autofahrten mit Handgas werden. Nah an der Wirklichkeit ist auch die Selbst-Ironie, mit der viele Kleinwüchsige mit ihrer Körpergröße umgehen –  zum Beispiel in der Szene, als Tom und Michi im Auto von der Polizei angehalten werden und Toms (diesmal vorgespielte) Mitleidstour tatsächlich den Polizisten in die Flucht schlägt („Dass Sie mich jetzt anhalten, nur weil ich kleinwüchsig bin kostet mich jetzt wieder eine Stunde bei meinem Therapeuten!“). Der Film hätte mehr solcher realistischer Situationen zeigen können, und auch, dass Zweifel und Mitleid eher aus dem großgewachsenen Umfeld kommen. Meistens wissen behinderte Eltern sehr genau, dass sie gute Eltern sein können und ihre Kinder sie lieben – doch andere sprechen ihnen die Kompetenz als Eltern ab.

Einen ganz besonderen Moment der Realitätsverzerrung erleben wir gegen Ende des Films, bei dem Toms Ruder-Kumpels zugeben, sie hätten ihn immer viel zu normal behandelt, das sei „nicht ehrlich“ gewesen: „In Wahrheit sind wir echt froh, nicht Deine Probleme zu haben!“. Vielleicht spiegelt sich in dieser Situation ein Erlebnis der Regisseurin Evi Goldbrunner, über das sie im Interview mit dem Münchner Merkur erzählt: Die Begegnung mit einer kleinwüchsigen Frau habe ihr gezeigt, dass sie zu Unrecht „unzufrieden mit dem eigenen Leben“ sei. Die Vorstellung, dass man als nichtbehinderter Mensch doch froh sein müsste, das „schwere Schicksal“ Behinderung nicht zu teilen, ist das Opfer-Narrativ „at it’s best“.

Echter kleinwüchsiger Schauspieler überzeugt, mehr davon!

Mit Jordan Prentice wurde – anders als in der aktuellen Filmkomödie „Mein ziemlich kleiner Freund“ – ein wirklich von Kleinwuchs betroffener Schauspieler gecastet, und das auch noch für die Hauptrolle, das hat Vorbildfunktion. Er selbst zeigt sich in Interviews souverän im Umgang mit seiner Behinderung, so wie viele andere kleinwüchsige Menschen. Ich bin selbst kleinwüchsig und mag mich mit meiner Körpergröße, auch wenn sie gesellschaftliches Stigma darstellt. Diese Realität zu zeigen, auch wenn sie nicht so gut zu ihren „Stories“ passt, das sollten Filme zum Thema Behinderung wenigstens versuchen. Sonst bleibt es beim Mobbing und keiner Begegnung auf „Augenhöhe“.

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