In den Medien war 2014 das Thema “Inklusion” sehr präsent – Redaktionen brachten ganze Serien und auch uns erreichten viele Anfragen für Themen und ProtagonistInnen mit Behinderung. Neue Perspektiven machten sich auf, doch Missverständnisse bleiben weiterhin. Ein Jahresrückblick auf die Berichterstattung über behinderte Menschen von Lilian Masuhr.

Es scheint, als haben ChefredakteurInnen dieses Jahr breitflächig verkündet: Inklusion ist jetzt das neue “Buzzword”, dazu sollten wir unbedingt was bringen! So wurde die Inklusion zum Inhalt von ganzen Medien-Serien (taz, Zeit, ZDF, ARD) und der Tagesspiegel brachte am “Internationalen Tag der Menschen mit Behinderung” sogar Fotos von Leidmedien.de in Rubriken wie “Wirtschaft” und einen Leitartikel in Einfacher Sprache. Selbst auf der Berlinale liefen mehrere Filme über das Blindsein und die Werbewelt entdeckte Behinderung als interessante Perspektive. Auch wichtige Positionen – ob politische Posten oder filmische Hauptrollen – wurden 2014 endlich mit behinderten Menschen besetzt. Dennoch: Einige Themen bleiben für Manche weiterhin Tabu…

Sport und Politik, ja! Sex und Politik, nein!

Ja, eine blinde Biathletin der Paralympics, Verena Bentele, kann nun seit Anfang 2014 als Beauftragte der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen über Politik entscheiden. Nein, der Landtagsabgeordnete Stefan Fricke aus NRW kann nicht an einer Dienstreise teilnehmen, da er im Rollstuhl sitzt. Und doppelt nein: Der seit fünf Jahren als Behindertenbeauftragter arbeitende Rollstuhlfahrer Christian Bayerlein, der sich plötzlich freizügig im Internet über sein Sexleben äußert, kommt der CDU der Stadt Koblenz als Kandidat nicht mehr in Frage. Zum Glück werden immerhin neue Zielgruppen in der Politik entdeckt: Die Bundeszentrale für politische Bildung brachte zur Europawahl im Mai eine Wahlbroschüre in Leichter Sprache für z.B. Menschen mit Trisomie 21 (Downsyndrom) wie Redakteurin Julia Bertmann, heraus.

Lernen und Lehren mit Trisomie 21 (Downsyndrom) – geht doch! 

Interessanter Weise ging es auch im Bezug zu Inklusion und Schule häufig um Menschen mit Trisomie 21 (Downsyndrom): Henri ist wohl mittlerweile das berühmteste Schulkind Deutschlands, da der Einsatz seiner Mutter für seinen Schulwechsel auf ein Gymnasium sich durch die Leitmedien über Talkshows bis hin zur Online-Petition zog (Bei Larissa und Lilly hat’s übrigens geklappt.) Einmal umgedacht: Können denn Erwachsene mit Trisomie 21 Lehrer sein? – “Auf keinen Fall!” meinte AfD-Politiker Thomas Hartung auf seiner Facebook-Seite – und musste auf öffentlichen Druck hin zurücktreten. Zu spät für ihn kam da der erfolgreiche Kurzfilm „Das Vorstellungsgespräch“ (ARTE), in dem ein junger Mann mit Trisomie 21 kompetent und eloquent auf dem 1. Arbeitsmarkt arbeitet.

Disability Mainstreaming: “ALS Ice Bucket Challenge” und “Happy”

Ähnlich wie sich das Thema Erwerbssuche mit Behinderung durch den Kurzfilm “Das Vorstellungsgepräch” viral in Deutschland verbreitete, waren behinderte Menschen 2014 auch international in viralen Videos und Diskussionen präsent. Im Frühling wurde Pharell Williams Ohrwurm „Happy“ am World Down Syndrom Day kurzerhand in eine YouTube-Version mit tanzenden Menschen mit Trisomie 21 umgewandelt (oder hier in der inklusiven Version aus Kambodscha). Dann ein Sommer der Erkenntnisse: Erst spekulieren die Medien, ob der BND-Doppelagent der Spionageaffäre am Asperger-Syndrom leide; dann schütten sich tausende Menschen weltweit einen Eiskübel über den Kopf, um mit dieser „Ice Bucket Challenge“ Geld für die Forschung über die Krankheit ALS (Amyotrophe Lateralsklerose) zu sammeln (auch Leidmedien.de war nominiert). Ach ja, zwischendurch brachte noch die Fußball-WM gleich zwei Menschen mit Behinderung ins Rampenlicht, einen Zuschauer mit Exoskelett und einen Torwart mit Tourette. Und der Super Bowl den tauben Footballer Derrick Coleman!

Werbung: Inklusive Getränke, Mode und Kinderspielzeug

Coleman wurde sogleich für einen Werbespot von Duracell engagiert und reiht sich damit ein in inklusive Werbespots, die 2014 die “perfekte” Werbewelt neu definierten: Guinness warb mit Rollstuhlbasketballern, Lift Apfelschorle mit Menschen mit Trisomie 21, Walmart mit Menschen mit Lernschwierigkeiten, Promart Homecenter mit gehörlosen Menschen und Diesel mit Modebloggerin und Rollstuhlfahrerin Jillian Mercado. Auch Kampagnen schafften es auf kreative Weise für wichtige Themen um Behinderung aufmerksam zu machen, wie z.B. die Spots der Norwegian Association of the Blind,  Social-Media-Aktionen à la “I am not my disability“, “Chatterbox Challenge” und “The R-Word Exchange” – oder Plakate der Antidiskriminierungsstelle des Bundes, auf denen Paralympics-Sportlerin Anna Schaffelhuber sich gegen Rassismus stark machte.

Doch was ist mit der Zielgruppe Kinder? Ein 10-Jähriges Mädchen aus den USA wünschte sich zu Weihnachten eine Puppe im Rollstuhl und das Projekt “Lego Wheelchair” inklusive Legofiguren. Lego organisierte auch das Projekt “Blind Art”, in dem blinde Kinder mit LEGO-Steinen das nachbauten, was sie über “Das Blaue Pferd” von Franz Marc hörten. Das Team von Leidmedien.de organisierte übrigens Lesungen mit inklusiven Kinderbüchern im Deutschen Institut für Menschenrechte und dem Berliner Büchertisch – und Raul Krauthausen formulierte Tipps für Kinder mit Behinderung für eine glückliche Zukunft.

Umgang mit Behinderung – Lanz versus Hirschhausen

Gute Tipps hätte auch Moderator Markus Lanz gebrauchen können, denn unweigerlich wird die im Dezember zum letzten Mal ausgetrahlte “Wetten, dass..?”- Sendung vor allem für sein missglücktes Interview mit Samuel Koch in Erinnerung bleiben. Mutiger im Umgang mit RollstuhlfahrerInnen waren 2014 andere Reporter wie Eckart von Hirschhausen (ARD) und Jenke von Wilmsdorff (RTL) und testeten selbst eine Tour mit dem Gefährt. Der gegenseitige Erfahrungsaustausch hält sich jedoch bei einigen Menschen noch in Grenzen – so bekommen weiterhin Menschen mit Behinderung Mal- statt Speisekarten, Poolnudeln statt Blindenstöcke oder werden eingeschlossen statt mit eingeschlossen. Tipps für den Umgang mit behinderten Menschen gibt übrigens Leidmedien.de in Workshops und zeigen die Spots der Kampagne  “End the akward” und das “Disability Sensitity Training”, sowie der Beitrag “Wo will der Rollstuhl denn raus?” der Süddeutschen Zeitung und der Beitrag “Bist du behindert, oder was?!” von JAM, dem Jugendportal der Aktion Mensch.

Internationale Vorbilder: Von Dr. House zu Dr. Klein

Sowie sich bereits eine junge internationale Generation von Menschen mit Behinderung im Netz gegenseitig zu neuen Projekten inspiriert, orientiert sich auch die deutsche Fernsehlandschaft an internationalen Vorbildern. Aus den US-amerikanischen Push Girls (SundanceTV), einer Dokusoap über das Leben einer Gruppe von Rollstuhlfahrerinnen, wurden “Ziemlich starke Frauen” (Zdf-Neo). Auch die Krankenhausserie “Dr. Klein” (ZDF) zeigte in der Hauptrolle eine Ärztin mit Behinderung (ChrisTine Urspruch) – ähnlich wie wir es von “Dr. House” kennen (nur dass sein Humpeln ihn nicht gleich zu “Dr. Limping” macht).

Dass “Dr. House”-Darsteller Hugh Laurie im wirklichen Leben nicht humpelt – und ihm dass sogar Haltungsschäden einbrachte – führt immer wieder zu der Frage: Warum gibt es in Filmen nicht mehr SchauspielerInnen mit einer echten Behinderung? In Hollywood spielt Peter Dinklage ganz selbstverständlich eine tragende Rolle in der preisgekrönten Serie “Game of Thrones” , ist RJ Mitte ganz selbstverständlich der Sohn mit einer Lähmung in “Breaking Bad”. Es gibt viele gelungene Beispiele, man scheint sich in Hollywood einig über die Notwendigkeit von Inklusion im Film. Dennoch ist es der ökonomische Druck, der dann doch zur Besetzung der Figur mit Behinderung mit einem bekannten Schauspieler führt. Immerhin gab man hierzulande im “Tatortreiniger” (NDR) der Protagonistin im Rollstuhl die Rolle der “Veganerin” und nicht nur die der “behinderten Frau”.

Tschüss 2014, hallo 2015 

Das Jahr 2014 war auch verbunden mit einigen Abschieden von bedeutenden Persönlichkeiten, unter ihnen die Aktivistin und Comedian Stella Young. Der Tod von Schauspieler Robin Williams entfachte auch Diskussionen darüber, wie die Berichterstattung über Depressionen in Zukunft aussehen könnte, und die Kampagne “NotJustSad” inspirierte zur Aufklärung. Unsichtbare Behinderungen bleiben im neuen Jahr sicher ein interessantes Thema für Medienprojekte und wir sind gespannt, wie Medien Themen wie Popkultur à la Viktoria Modesta (böse!), Musik wie Blind & Lame (Ohrwurm!), Mode wie trendige Hilfsmittel (cool!), Sport mit Markus Rehm (zu gut!), Technik wie 3-D-Drucker-Rampen (praktisch!), inklusiven Feminismus (weiblich!), sowie politische Themen wie das Teilhabegesetz (wichtig!) aufgreifen werden.