Jahresrückblick 2015 – Berichterstattung über Menschen mit Behinderung

Foto von der Fashionshow der Kollektion "Auf Augenhöhe", die auf der Berlin Fashion Week 2015 gezeigt wurde. Man sieht eine blonde kleinwüchsige Frau im chiquen schwarzen Kleid lächelnd neben größeren Frauen über den Laufsteg gehen.

Screenshot: ze.tt

Der Rollentausch beginnt – 2015 moderierten endlich behinderte Medienprofis Sendungen mit vielfältigen Themen und kamen auch mal Väter von Kindern mit Behinderung zu Wort. Doch ausgerechnet junge Leute zeigen die ambivalenteste Sicht auf Behinderung. Ein Jahresrückblick auf die Berichterstattung über behinderte Menschen von Lilian Masuhr.

Der Realitätscheck: Immer noch werden RollstuhlfahrerInnen auf Veranstaltungen und Podiumsdiskussionen in Räume ohne Rampe eingeladen, kleinwüchsige Menschen zum Amusement von Partygästen durch Clubs gejagt und die Polizei gerufen, wenn mal ein Mann mit einer sog. “geistigen Behinderung” allein unterwegs ist. Es bleibt unklar, wie das Teilhabegesetz umgesetzt wird (trotz großer Unterstützung) und unter den Geflüchteten befinden sich viele schlecht versorgte Menschen mit Behinderungen. Aber: Es gibt jetzt das Wahlpflichtfach Gebärdensprache an einigen Hamburger Schulen und die Bertelsmannstudie verrät, das inklusive Bildung letztlich für alle gut ist.

Wir befinden uns im Schwebezustand zwischen Inklusion 1.0 – Menschen mit Behinderung werden sichtbar – und Inklusion 2.0 – ihre Sichtbarkeit ist selbstverständlich. Ein Blick in die Medienwelt 2015 verrät: Die Lust am Außergewöhnlichen bleibt, aber das Interesse für das Alltägliche steigt.

Gefesselte Politiker und exotische Märchenwesen

Die Beschreibung “an den Rollstuhl gefesselt” ist nun Teil der “15 Floskeln, die Journalisten aus ihrem Wortsatz streichen sollten”, wird aber weiter, v.a. häufig bei Artikeln über einflussreiche Männer verwendet, ob Stephen Hawking, Helmut Kohl oder Wolfgang Schäuble. Die Verwendung dieser Floskeln unterläuft einigen JournalistInnen selbst bei der Bearbeitung einer modernen Thematik wie z.B. „inklusive Mode“ und lässt sich anscheinend auch nicht verhindern, wenn ausdrücklich darauf hingewiesen wird (siehe Dezember). Jedoch wird auch bewusst provoziert, um am Ende aufzulösen, wie der Film “Der Kotzbrocken” (ARD) zeigte. Auch die Floskeln “taubstumm” und “Zeichensprache” bei gehörlosen Menschen bleiben bestehen. Noch kreativer, wenn auch diskriminierender, ist im Fernsehen immer noch die Rede vom “Schildkröten-Jungen” und “Glasknochenmann” (RTL 2) sowie den “Zwergenmenschen” Guineas (ARTE).

Zwischen Modeltraum und Werbungsinstrument

Inwieweit behinderte Menschen instrumentalisiert werden und gleichsam der Unterhaltung dienen, ließe sich auch am Beispiel der auffälligen Begeisterung für behinderte Models diskutieren. Doch wenn es stimmt, dass die Gesellschaft mehr “Wahrheit und Ehrlichkeit” sehen will (Zitat R J Mitte, “Breaking Bad”), und von guten Verträgen auszugehen ist, dann haben die Fashion Week in New York mit Jamie Brewer und die in Berlin mit kleinwüchsigen Models der Kollektion “Auf Augenhöhe” alles richtig gemacht. Und kleiner Tipp für Rollstuhlmodels: Echte fragen.

Auch in der Werbung werden neue Perspektiven gezeigt: bei Ikea jene eines gehörlosen Paars und bei Samsung gleich die gehörlose Nachbarschaft. Im Kleenex-Spot ist es dann das Doppelpack Mann und Hund, jeweils mit Querschnittslähmung. Es bleibt jedoch umstritten, inwiefern hier bei allen drei Spots Inspiration Porn gefördert wird, statt echtes Engagement. Eindeutig geschmacklos war die Werbung für die Früherkennung des Downsyndroms in der Schwangerschaft mit einem Kind mit Downsyndrom, deren Mutter davon gar nichts wusste.

Rollentausch – ExpertInnen in anderer Sache

Menschen mit Behinderung bekommen endlich die Chance, über was anderes als ihre Behinderung zu reden. Bei RTL moderiert Ninia La Grande seit 2015 die Sendung “Ninias Fashion Mag” und bei Sport1 Raúl Krauthausen das Kulturmagazin “Krauthausen Face to Face” und Kim Denise Hansmann das Jugendmagazin “Yoin”. Auch Interviews konzentrieren sich zunehmend mehr auf die Persönlichkeit, etwa den Paralympicssportler Markus Rehm bei DradioWissen und Schauspieler Sebastian Urbanski im MDR.

Es wird weiter heftig diskutiert, ob behinderte SchauspielerInnen nicht die besseren ExpertInnen für behinderte Figuren seien, wie es die Diskussion um Eddie Redmayne’s Oscar für seine Darstellung des Stephen Hawking zeigte (Kommentar). Und warum kann man eigentlich für’s Kino SchauspielerInnen die Beine wegretuschieren, aber nicht SchauspielerInnen ohne Beine welche hinzufügen? Während in Deutschland in Punkto Inklusion v.a. das Theater nur ganz langsam vorankommt (Samuel Koch), ist inklusive Filmarbeit v.a. in den USA gelungen, wo z.B. für Peter Dinklage (“Game of Thrones”) die Zwergenrolle nie in Frage käme. Funfact: James Bond jagt hauptsächlich Ganoven mit “Behinderung”.

Männliche Sicht auf Behinderung

Ist eine Person behindert, scheint es plötzlich egal zu sein, ob sie Frau oder Mann ist. So zeigen eigentlich gute Reportagen oft nur die männliche Sicht aufs Leben mit Behinderung (BR und Deutschlandfunk). Dabei bereichern Frauen mit Behinderung den Diskurs nicht nur um Reflektionen über Schönheit und Gewalt, sondern auch über Arbeit, Freundschaft und nicht zuletzt Liebe.

Doch gerade beim Thema Liebe und Sex gibt’s noch Aufklärungsbedarf (DradioWissen, “Dora oder die sexuellen Neurosen”) und häufig werden dazu vor allem Männer interviewt – zu Bordell-Besuchen (Spiegel Tv, ZDF) oder Sexualassistenz (DradioWissen). Oder es geht um den Fetisch im Internet gezielt als Mensch ohne Behinderung nach einem Mensch mit Behinderung als SexpartnerIn zu suchen. Manchmal werden Hochzeiten erwähnt, es bleibt eher ein Kampagnenthema (“The Special Proposal”). Dabei gibt es längst inklusive Paare, nicht nur in den USA (Brigitte), auch in Berlin (wobei das Foto gerade in New York hängt). Auch AutistInnen sind mehr als gefühlslose Mathegenies und wünschen sich eine weniger ableistische Sicht.

Anders als behinderte Männer waren Väter von behinderten Kindern vor 2015 meist unterrepräsentiert. Nun werden Reportagen wie “Mit Papa auf Augenhöhe – Väter mit Handicap” (MDR) und Kampagnen wie “Mon Papa” (Stiftung Jérôme LeJeune) gebracht. Auch Prominente wie Schauspieler Jürgen Vogel und Rapper George Boateng (BTNG) machten sich 2015 für Kinder mit Downsyndrom stark.

Soziale Medien und #behindert

Unter erfolgreichen YouTuberInnen finden sich zunehmend auch junge Menschen mit Behinderung: Sie gehen das Thema Behinderung entspannt an (“So behindert”), reden über genauso Alltägliches wie die ohne Behinderung (“Isoke”), oder verraten nur mal zwischendurch, dass sie ja auch eine Beeinträchtigung haben (”Le Floyd”).

Soviel Respekt reicht aber noch nicht, so dass der Hashtag #behindert bei jung (und älter) auch das momentan beliebteste Schimpfwort für etwas Bescheuertes ist. Für viele hat das gar nichts mehr mit Behinderung zu tun (siehe Gespräch von “Unge” und Raúl Krauthausen). Poetry Slammerin Ninia La Grande findet’s dennoch schräg. Auch lachen nicht alle, wenn ein weißer, nicht behinderter Mann Witze über schwarze und behinderte Menschen macht.

Neue Formate und Perspektiven

Das Medien-Dossier “Wer darf leben?” über Pränataldiagnostik in Leichter Sprache (Zeitonline) machte deutlich, dass Berichte über das Downsyndrom auch von Menschen mit Downsyndrom gelesen werden wollen. Das Thema Behinderung passt auch zu im Mainstream beliebten Formaten, wie ein Gif-Interview bei Mit Vergnügen und ein Videoquiz bei Spiegelonline verdeutlichten.

Auch behinderte Menschen und ihre engsten Angehörigen produzierten vermehrt selbst Medienbeiträge: Eine junge Frau mit Downsyndrom drehte Filmausschnitte einer Doku über sich selbst (“Sophie findet ihren Weg”, ARD), ein junger Fotograf mit Downsyndrom gilt schon als sehr talentiert (Oliver Hellowell). Auch inklusive Geschwisterpaare meldeten sich zu Wort und v.a. Frauen drehten über ihre behinderten Schwestern Filme (“Lea – Meine kleine Schwester”, WDR) oder schrieben Essays (“Downsyndrom: Marina tanzt”, Spiegelonline).

Unsichtbare Behinderungen

Im letzten Jahresrückblick fragten wir uns, wie JournalistInnen mal das Thema “unsichtbare Behinderungen” aufgreifen würden. Tatsächlich gab es dazu Einiges: Ob Taubblindheit (ZDF, taz, Arte), unheilbare Erkrankungen wie Krebs (Vice), Multiple Sklerose (Brigitte), Legasthenie (Süddeutsche Zeitung) oder Depressionen und Tourette-Syndrom (ZDF). Aber auch Betroffene sorgten für Aufmerksamkeit, durch Kampagnen zur Akzeptanz des Stoma-Beutels, häufiger Krankenhausbesuche (“Hospital Glam”) oder Berichten für Akzeptanz von Hörgeräten.

Tschüss 2015, hallo 2016

Es war vielleicht vor allem ein Jahr für mehr Akzeptanz von Menschen mit Downsyndrom, die viel zu lange unterschätzt worden waren, und jetzt als Model, SchauspielerIn und Punkband erscheinen. Es war aber auch ein Jahr interessanter neuer Themenkombinationen, wenn auch mal RollstuhlfahrerInnen, die sich für Geflüchtete einsetzen (Hiba Boussi und Christiane Link) und ein Mann mit Glasknochen, der Yoga macht (Erwin Aljukic), interviewt werden.

Für 2016 bleibt offen: Übernimmt die deutsche Medienlandschaft weiter beliebte ausländische Sendekonzepte wie “Club der roten Bänder”? Gibt es noch mehr internationale Projekte wie Leidmedien.de? Wann passt sich die Barrierefreiheit von Sendungen an die Zuschauer-Struktur an (oft SeniorInnen)? Wann werden tolle Produktionen auch zur Primetime und nicht erst um Mitternacht gesendet? Und wann gibt’s endlich neue Schimpfwörter für Bescheuertes als “behindert”? Die Trennschärfe zwischen Lockerheit und Diskriminierung, zwischen dem Außergewöhnlichen und Alltäglichen gilt es weiter zu entdecken.

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Von
  • Manfred Wolter

    >“unter den Geflüchteten befinden sich viele schlecht versorgte Menschen mit Behinderungen“

    Die Richtlinie 2013/33/EU des Europäischen Parlaments und des Rates vom 26.06.2013
    zur Festlegung von Normen für die Aufnahme von Personen, die internationalen
    Schutz beantragen (AufnahmeRL)
    hier die Artikel 19, 21 + 22 verlangen „die spezielle Situation von schutzbedürftigen Personen wie …, Behinderten“ von der Aufnahme an, zu berücksichtigen.
    Die Anwesenheit von Flüchtlingen mit Behinderung wird z.B. in der Aufnahmeeinrichtung für Asylbewerber auf dem Stegskopf (mehr als 1000 Personen) ignoriert bzw. einfach geleugnet.