Jahresrückblick 2013 zur Berichterstattung über Menschen mit Behinderung

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Foto: Sonnenblumenmaedels / www.jugendfotos.de „Wunderkerzen“, (by-nc)

Viele glänzende Sterne entdeckten wir 2013 am Medienhimmel, wenn über Menschen mit Behinderungen berichtet wurde. Neue Formate wurden ausprobiert und neue Persönlichkeiten erschienen auf der Bildfläche. Während einige Floskeln weiterhin verwendet wurden, entwickelten sich zunehmend neue Perspektiven auf das Leben mit Behinderungen. Ein kurzer Rückblick auf 2013 von Lilian Masuhr.

Gäbe es einen Wettbewerb für die meisten Artikel über eine bestimmte Behinderung, so würden 2013 sehr wahrscheinlich Autisten und Menschen mit Trisomie 21 gewinnen.

Vom Rain Man zum IT-Spezialisten

War das verbreitete Bild eines Autisten in den Medien früher meist nur der “Rain Man”, wurde es 2013 um die Kategorie IT-Experte erweitert: SAP verkündete bis 2020 Hunderte Autisten einzustellen und folgte damit den Beispielen der Firmen Auticon und Specialisterne. Merkwürdig dann die Feststellung, dass Prominente wie Bischof Ludger Tebartz-van Elst und Fußballstar Lionel Messi sich als “Autisten” beschimpft sahen, was jedoch in der häufigen Kontextualisierung von Autismus mit Gewalt wie z.B. im TV-Krimi einleuchten könnte. Schließlich stellte das Magazin “Der Freitag” klar: “Autist” ist keine Beleidigung!

Süßes Kind oder doch Profi-Schauspielerin?

Berichte über Menschen mit Trisomie 21 (Downsyndrom) landen immer noch meist in der Rubrik “Gesundheit” (siehe Pränataldiagnostik). Dabei gibt es noch mehr interessante Kontexte, wie das gerade 15 Jahre alt gewordene Magazin “Ohrenkuss” zeigt. Spätestens seit Kai Pflaumes Sendung “Zeig mir deine Welt” ist auch den TV-Zuschauern klar, dass Menschen mit Trisomie 21 sehr wohl mehr können als nur süß auszuschauen oder jemandem einen Schrecken einzujagen: Sie leben in Wohngemeinschaften, führen Beziehungen und arbeiten auf dem ersten Arbeitsmarkt. Im Ausland wurde 2013 bereits weiter professionalisiert: Der Alfred-Kerr-Darstellerpreis 2013 ging an die Schweizer Schauspielerin Julia Häusermann, und Schauspieler und Lehrer Pablo Pineda moderiert jetzt im spanischen TV. Spanien stellte auch einfach eine Stadträtin mit Trisomie 21, Angela Bachiller, ein.

Nur fuchtelnde Arme oder gerappte Gebärdensprache

Manch einer merkte wohl erst mit der Trauerfeier für Nelson Mandela, was 2013 noch oft im TV fehlt: Gebärdensprache. Denn was Thamsanqa Jantijie live von Barack Obamas Rede dolmetschte, war alles andere als Gebärdensprache. Trotz neuem Rundfunkbeitrag protestierten auch hierzulande viele gehörlose Menschen 2013 für mehr Zugang zu Kommunikation – ob auf der Demo “Gebärdensprache macht stark” oder gegen den Sender Phoenix. Im Bayerischen Fernsehen und im WDR (Maus, Elefant) laufen hingegen mittlerweile Sendungen mit Gebärdensprache. Und die Teamarbeit von gehörlosen und hörenden Menschen scheint auch zu klappen: in SchulenCafés und Bars sowie auf Poetry-Slams und Fußballfeldern.

Auch Jungs im Rollstuhl können doof sein

Rollstuhlfahrenden wird auch 2013 in Deutschland oft noch wenig zugetraut – sie werden weiterhin „an den Rollstuhl gefesselt„, oder aber schon für das Füllen von Sandsäcken bei Hochwasser für den Deutschen Bürgerpreis nominiert. Dabei können „Jungs im Rollstuhl auch doof sein“ – wie in der Aktion-Mensch-Kampagne gezeigt wird – oder auch doof erscheinen, wie Männer mit Prothesen. Frische Rollstuhlgeschichten kommen hingegen aus den USA: Die Doku-Serie “Push Girls” und die Netz-Serie “My Gimpy Life” mit Teal Sherer. Immerhin behandelte im deutschen Fernsehen TV TOTAL einfach mal nur den Sport, als Rollstuhlskater Aaron Fotheringham zu Gast war – ein guter Hinweis für die Berichterstattung über die Paralympics in Sotschi im Frühjahr 2014! Übrigens gilt das auch für die Politik. Warum nicht Malu Dreyer mehr zu ihren politischen Forderungen befragen – statt zu ihrer MS-Erkrankung – so wie auch Wolfgang Schäuble vor allem zu Finanzen interviewt wird.

Leichte Sprache versteht halt nicht jeder

Wie die Parteien zu wichtigen gesellschaftlichen Themen stehen, wollten wir dann aber schon wissen. Wir machten mit der 1. Pride Parade Berlin auf Inklusion aufmerksam, und checkten im Wahlkampf 2013 mit Guildo Horn Wahllokale auf Barrierefreiheit. Auch die Wahlprogramme in Leichter Sprache untersuchten wir. Nicht jeder ist mit der Idee von Leichter Sprache vertraut – wie der Chefredakteur von Focus Money, Frank Pöpsel, der die Absicht des Grünen-Fraktionschefs Anton Hofreiter für dessen Internetauftritt in Leichter Sprache verkannte und kritisierte. Die Folge: ein Shitstorm im Netz. Ihm entging wohl, dass sich der Bundestag, der Deutschlandfunk, ja ganze Bibliotheken bereits leicht mit Leichter Sprache tun.

Party oder nur “Süßigkeiten für die Zwerge”

Die Band Station 17 spielt schon lange auf großen Festivals, die auch im Rollstuhl (Wacken, Sziget) und für gehörlose Menschen zum Genuss werden. Wie kann es da noch in einer Cuxhavener Disco zu einer “Liliputaner Action” kommen? War Schaulustigkeit auf kleinwüchsige Menschen seit dem Ende der Schauwagen im rheinland-pfälzischen Freizeitpark 1996 nicht endgültig vorbei? Anscheinend nicht, was auch die Miley Cyrus Freak Show noch einmal bewies.

Schlechte Witze und guter Knigge zu Behinderung  

Welche Witze über behinderte Menschen gehen und welche nicht verriet uns eine Diskussion auf Facebook, nachdem die taz sich über den blinden Fußballspieler Robert Warzecha lustig gemacht hatte. Wir brauchen wohl noch mehr Berichterstattung über blinde Persönlichkeiten. Ähnliches betrifft Menschen mit psychischen Krisen: Die ZEIT lernte dazu, als sie erst über „irre erfolgreiche Wahnsinnstypen“ und dann über die Aktion „#isjairre“ berichtete. Uns gefielen auch die Spots in Hamburger Kinos über bipolare Störungen und Depressionen. Bei weiteren Unsicherheiten im Umgang mit behinderten Menschen hilft seit 2013 auch der Deutsche Knigge-Rat. Für Kulturkritiken empfehlen wir das Manifest des Theaterfestivals No Limits.

Echter Sex und Modepuppen

Auch bei der Kombination Sex und Behinderung könnte man hierzulande gelassener werden. Warum wird das Thema Beziehung zwischen behinderten und nicht behinderten Menschen oft als Tragödie thematisiert? Warum wird Prostitution für behinderte Menschen “Sexualassistenz” genannt? Inspirierende Beispiele waren 2013 das Online-Projekt “Zweisames” von Annette Schwindt, die Filme “Der Geschmack von Rost und Knochen” und „Du und ich“ und die Reportage “Küss mich, Frosch”. Was bedeutet eigentlich körperliche Attraktivität? Die Firma Pro Infirmis stellte in Zürich Modepuppen nach den Maßen behinderter Menschen wie Schauspieler Erwin Aljukic aus. Während das deutsche Model Mario Galla bereits die internationalen Laufstege erobert, fühlte sich manch einer auf der Fashion Week bei Patrick Mohr’s Show möglicherweise begafft. In den USA und Großbritannien zieren behinderte Menschen mittlerweile die Cover von Modemagazinen (Parents Magazine, Debenhams, Boden Clothing).

Tschüss 2013, hallo 2014

Wenn ihr uns fragt, was 2014 zum Thema Behinderung an Innovativem in den deutschen Medien laufen könnte, raten wir: Moderatoren, Schauspielerinnen und Models mit echter Behinderung vor die Kamera zu stellen, die aber auch etwas anderes von sich als ihre Behinderung zeigen. Behinderte Menschen in Straßenumfragen auch zu kulturellen und politischen Themen zu befragen. Und das Thema mal mehr aus dem Blickwinkel der Vielfalt anzugehen, vielleicht sogar vom “Disability Mainstreaming” zum “Diversity Mainstreaming”, wie es in der KiKA-Serie “Wir rocken Barcelona” schon klappte. Ein paar Impulse für neue Geschichten finden sich hier. Bis dahin sind wir gespannt auf Merkels Neujahrsansprache und wie sich schulische Inklusion nach Hubert Hüppes Wechsel 2014 entwickeln wird.

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Von
  • ???????? ?????????

    Hay, Lilian Masuhr! Hay, Dein Beitrag, der war schon echt interessant,
    hay. Aber, hay, geht es vielleicht auch mit etwas weniger „Hay!“, hay?
    Oder hast Du vielleicht Hay Fever?