Laura Chrobok, 28, ist seit sechs Jahren ausgebildete Bürokauffrau. Bis heute hat die Rollstuhlfahrerin in ihrem Beruf keine dauerhafte Anstellung gefunden. Ein Gespräch über die teils zermürbende Arbeitssuche.

Leidmedien.de: Seit 2011, nach ihrer Ausbildung, sind Sie mit einigen Unterbrechungen auf Arbeitssuche. Können Sie sagen, wie viele Bewerbungen Sie bereits geschrieben haben?

Laura Chrobok: Etwa 100 schriftliche Bewerbungen, aber dazu kommen noch unzählige E-Mails und Kontaktformulare.

Leidmedien.de: Jetzt haben Sie Ihr Buch „Haben Sie den Rollstuhl auch mal unbeaufsichtigt gelassen?“ herausgebracht, in dem Sie von Ihrer Jobsuche und anderen Erlebnissen erzählen. Für wen haben Sie das Buch geschrieben?

Laura Chrobok: Menschen in meiner Lage, also Menschen mit Behinderung. Aber eben auch nicht behinderte Menschen, weil ich auch Dinge beschreibe, die Menschen, die keine Zelebralparese haben, interessieren könnten. Ich habe nahezu alles, was mir in meinem Leben widerfahren ist, aufgeschrieben.

Leidmedien.de: Sie haben Ihr Abitur auf einem Regelgymnasium gemacht. Danach absolvierten Sie aber die Ausbildung zur Bürokauffrau in einem Berufsbildungswerk, also nicht auf dem freien Markt. Wie kam es dazu? Sie beschreiben diesen Umstand selbst als sehr unglücklich.

Laura Chrobok: Man landet quasi auf einem Abstellgleis. Vorher habe ich einfach keinen Ausbildungsplatz gefunden auf dem sogenannten freien Markt. Weil es dabei immer irgendwelche Hindernisse gab, die ein kleines Unternehmen hier bei uns auf dem Land davon abhalten, eine Rollstuhlfahrerin einzustellen.

Leidmedien.de: Wurde Ihnen das auch so gesagt? Meistens bekommt man ja gar keine Rückmeldung zur Absage, damit man keine rechtliche Grundlage für einen Widerspruch hat.

Laura Chrobok: Am Anfang habe ich bei einer Absage nachgefragt und durchaus eine Antwort bekommen. Dann hieß es zum Beispiel: “Unsere Räumlichkeiten sind nicht gut ausgestattet für Rollstühle.” Meine Antwort war dann: Die Umbauten werden von der Arbeitsagentur subventioniert. Doch im Endeffekt wurde gesagt, dass es zu aufwendig sei. Da habe ich persönlich nichts dagegen, weil ich das einen ehrlichen Umgang finde. Die meisten schreiben eine ganz normale Absage und wünschen einem alles Gute für die Zukunft. Andere sagen wiederum, dass ich nicht genügend Berufserfahrung aufweisen kann. Da beißt sich die Katze in den Schwanz: Wenn man nirgendwo angestellt wird, wie soll man dann Erfahrungen sammeln?

Leidmedien.de: Wie lange haben Sie auf dem ersten Arbeitsmarkt eine Ausbildung gesucht, bevor Sie zum Berufsbildungswerk gingen?

Laura Chrobok: Ich habe mich um verschiedene Ausbildungsplätze beworben. Da ich aber arbeitslos gemeldet war, schaltete sich ziemlich schnell die Agentur für Arbeit ein, um mich zu vermitteln. Daraufhin wurde ich in eine sogenannte Maßnahme vermittelt. Deshalb bin ich an das Berufbildungswerk Hannover gegangen, wo die Ausbildung zur Bürokauffrau ganz regulär auch drei Jahre dauert.

Leidmedien.de: Den Beruf der Bürokauffrau beschreiben Sie sehr negativ im Buch, fast langweilig. Haben Sie überhaupt Lust darauf?

Laura Chrobok: Ich habe diese Ausbildung gemacht, weil ich es musste. Der Beruf der Kaufleute allgemein ist heute nicht mehr sonderlich gefragt. Das hat aber nichts damit zu tun, ob man im Rollstuhl sitzt oder nicht. Als ich auf Jobsuche war, merkte ich, dass Unternehmen immer stärker andere Qualifikationen wie Sprachen zusätzlich verlangen. Wenn man nur Kaufmann oder -Frau ist, dann sticht man nicht so hervor, wie das teilweise gewünscht wird.

Leidmedien.de: Beim Lesen kam der Eindruck auf, dass Sie mit dem Beruf und der Suche schon abgeschlossen haben. Stimmt das?

Laura Chrobok: Ich suche weiter. Aber ich möchte meine Lage nicht beschönigen. Ich suche schon sehr lange und je länger man sucht, desto unwahrscheinlicher ist es, dass man große Hoffnungen hat.

Leidmedien.de: Ist es nicht ein Widerspruch, dass Sie sagen, Kaufleute sind gar nicht mehr gefragt und Sie aber trotzdem weiter eine Beschäftigung als Bürokauffrau suchen?

Laura Chrobok: Ich habe einfach nicht die Möglichkeit, ohne Weiteres etwas Anderes zu tun. Das ist zum einen der körperlichen Einschränkung geschuldet, die ich habe. Zum anderen bin ich als ALG-2-Bezieherin bei allem, was ich tue, auf das OK vom Jobcenter bzw. der Agentur für Arbeit angewiesen. Ich habe das Cambridge Zertifikat gemacht, weil mir die englische Sprache liegt. Das Zertifikat habe ich mir von Familienmitgliedern subventionieren lassen. Das ist eine Zusatzqualifikation, damit ist man als Bürokauffrau nicht mehr ganz so eintönig. Die Arbeitsagentur hat dafür keine Notwendigkeit gesehen und es mir deshalb nicht bezahlt.

Leidmedien.de: Im letzten Kapitel deuten Sie vieles an, aber eigentlich ist die Zukunft ungewiss, weil Sie auch Angst vor der vorzeitigen Verrentung haben. Als Leserin habe ich mich gefragt, wie es mit Ihnen weitergeht.

Laura Chrobok: Ich hatte eine Stelle in Aussicht, aber die Bürokratiemaschinerie wurde nur langsam in Gang gesetzt, sodass ich die Stelle nicht bekam.

Da ich pflegeintensiv bin, kann es länger dauern, bis ich anfangen kann zu arbeiten, weil ich z.B. erst eine Assistenz und einen Fahrdienst beantragen muss. Das kann ich wiederum erst, wenn der Arbeitsvertrag in trockenen Tüchern ist. Die Agentur des hier angesprochenen Stellenangebots verlangte jedoch, dass ich den Bus nehmen sollte, weil er in der Nähe meines Wohnorts ist. Ich komme aber mit meinem motorisierten Rollstuhl alleine nicht rein. Wir leben hier in einer ländlichen Gegend.

Das zweite Problem wäre gewesen, dass keine rollstuhlgerechte Toilette vorhanden ist, und ich einen Pflegedienst hätte beauftragen müssen für eventuelle Toilettengänge vor Ort. Bei der Suche hilft das Jobcenter oder die Agentur für Arbeit nicht. Die Finanzierung haben sich dann wiederum die Arbeitsagentur und der Landschaftsverband gegenseitig in die Schuhe geschoben. Ich habe da auch ein gewisses Verständnis, dass die Arbeitgeber davor zurückschrecken, Menschen mit Behinderung einzustellen.

Leidmedien.de: Haben Sie wirklich Verständnis dafür? Das hilft Ihnen bei der Jobsuche nicht weiter.

Laura Chrobok: Ich bin ausgebildete Bürokauffrau, da lernt man alle möglichen Belange innerhalb von Betrieben kennen und verstehen. Ich kann also in gewisser Weise nachvollziehen, dass es im schlimmsten Fall unwirtschaftlich ist, mich einzustellen. Ein potentieller Arbeitgeber könnte diese Leistungen auch beantragen, aber er muss sich damit auskennen und die Ressourcen für die Anträge haben.

Leidmedien.de: Haben Sie noch die Kraft, weiter eine Arbeit zu suchen?

Laura Chrobok: Ich hatte neulich ein Vorstellungsgespräch bei der Stadtverwaltung. Natürlich kam dabei wieder die Frage, wo und warum ich in diesem einen Betrieb eine Ausbildung gemacht habe. Ich habe denen genau das Gleiche geantwortet wie Ihnen: Weil ich schlicht keinen Ausbildungsplatz gefunden habe. Anschließend sagte man mir, dass nicht alle Arbeitsbereiche barrierefrei zugänglich sind. In diesen Situationen frage ich mich, warum ich überhaupt zu einem Gespräch eingeladen werde.

Leidmedien.de: Was würden Sie jungen Menschen mit Behinderung, die auch gerade auf Jobsuche sind, raten?

Laura Chrobok: Man sollte sich auf jeden Fall etwas suchen, was man gerne macht und gucken, inwieweit das wirklich möglich ist. Solche Institutionen wie Berufsbildungswerke muss es geben, aber ich würde in diesem Fall wirklich davon abraten. Ich bin seit 2011, in diesem Jahr habe ich die Ausbildung dort in einer sogenannten Übungsfirma beendet, niemandem begegnet, der dieser Ausbildung vorbehaltslos gegenüberstand.

Das Buch

Ein Buchcover ist zu sehen. Darauf eine Figur die im Rollstuhl sitzt. Im Rollstuhlrad befindet sich die Weltkugel.“Haben Sie den Rollstuhl auch mal unbeaufsichtigt gelassen?”
Behindernde Wege durch ein krankendes System – und zu schöneren Orten
erhältlich als E-Book und als Soft-Cover

Das Blog
lmwheels.wordpress.com

Adressen und Kontakte für Menschen mit Behinderung, die einen Job suchen: die-andersmacher.org/job-beratung

Titelbild: Privat