Das Thema Barrierefreiheit in Museen scheint zunehmend in der Kulturszene anzukommen. Doch wie sieht es eigentlich mit behinderten Künstler*innen aus? Die in Brandenburg lebende Malerin Annton Beate Schmidt war auf der internationalen Tagung „Meeting Place 2017“ und gibt einen Einblick in die Förderung von Künstler*innen in Deutschland und Australien.

In der vergangenen Woche fand im Berliner Podewil der „Meeting Place 2017“ statt. Die eintägige Veranstaltung bot mit Keynotes, interaktiven Workshops und Diskussionsrunden vielfältige Möglichkeiten, um sich über die neuesten Entwicklungen im Zusammenhang von Kunst und Menschen mit Behinderungen zu informieren, miteinander zu diskutieren und um neue Wege zu denken. Entstanden ist die Tagung aus der Zusammenarbeit von Arts Access Australia, der Partnerorganisation Berlinklusion, einem neuen Netzwerk für Zugänglichkeit in Kunst und Kultur, dem Förderband e.V. und Diversity.Arts.Culture, dem Berliner Projektbüro für Diversitätsentwicklung.

Selbstverständnis für professionelles Arbeiten

Auffällig und für mich persönlich sehr motivierend, wurde von Anfang an ein großer Unterschied zwischen den deutschen und den australischen Teilnehmer*innen der Konferenz deutlich. Während wir uns in Deutschland immer wieder mit Ausführungen auseinandersetzen, wie sinnvoll eine inklusive Ausrichtung des Kunstmarktes bzw. des Kulturbetriebes sein könnte und immer noch Grundsätzliches in Frage gestellt wird, wie etwa die Wertigkeit von Kunst, wenn sie zum Beispiel in Leichter Sprache zugänglich gemacht wird, ist man Down Under über diese Punkte offensichtlich längst hinaus.

Die australischen Künstler*innen traten mit einem großen Selbstverständnis und -bewusstsein darüber auf, welch wichtigen Anteil sie am australischen Kulturbetrieb haben. Sie sprachen über den Tag hinweg immer wieder über ihren individuellen Werdegang, über Erfolge und Schwierigkeiten, die sich während ihrer Karrieren auftaten und sie diskutierten darüber, wie die Arbeitsbedingungen für Künstler*innen verbessert werden müssten, damit professionelles Arbeiten mit einer Behinderung möglich ist. Mir zeigte es, dass es also durchaus möglich ist, die dicke Decke des Zögerns, und vielleicht auch der Angst, zu durchbrechen und sich direkt an die Arbeit zu machen.

Als Künstlerin mit einer Behinderung, die sich seit über 15 Jahren als freischaffende Malerin im Kulturbetrieb bewegt, fand ich während der unterschiedlichsten Präsentationen immer wieder meine persönlichen Erfahrungen, Erfolge und auch Schwierigkeiten, widergespiegelt. So etwa in dem der Satz der Aquarellkünstlerin Chelle Destefano. „Irgendwie bekam ich stets Aufmerksamkeit und Bestätigung für meine Arbeit, aber wollte ich den nächsten professionellen Level erreichen, ging es dann einfach nicht weiter und ich musste große und anstrengende Umwege in Kauf nehmen.“ Inzwischen wurde ihre Arbeit u.a. bereits zweimal für die Biennale in Venedig (2015, 2016), sowie für die Biennale in London (2017) ausgewählt.

Oder in den Ausführungen von Belinda Locke, der stellvertretenden Vorsitzenden von Arts Access Australia, Schauspielerin und Theaterregisseurin, die davon sprach, dass häufig verzerrte Bilder über Behinderung, im Zusammenhang mit Alltag und Leistungsfähigkeit, das Fortkommen und das Miteinander arbeiten unnötig erschweren. Sie habe sich lange Zeit in einem permanenten Erklärungsmodus befunden, dem auch ich mich, selbst mit meinen vielen Jahren als Malerin und mit meinen vielfältigen Erfahrungen, immer wieder verpflichtet fühle.

Soziokultureller Kontext erschwert Karriere

In einem der angebotenen Workshops „Money Counts“ ging es schließlich um die Finanzierbarkeit von Kunst und um das materielle Überleben von Künstler*innen und ihren Projekten. Dieser Punkt ist natürlich auch für Künstler*innen ohne Behinderung immer existenziell. Das Leben als Künstler*in zu finanzieren, gestaltet sich generell schwierig. Als Künstler*in mit Behinderung sind allerdings auch die Angebote und Möglichkeiten von der eigenen Kunst leben zu können, um einiges eingeschränkter als ohnehin schon. Passend dazu bemerkte der Rapper Graf Fidi: „Rap soll sexy sein, die Vorstellungskraft, dass Rap von einem Musiker mit Behinderung sexy ist, kommt in der Welt der Plattenlabels nicht vor.“ Ohne aber ein Plattenlabel hinter sich zu haben, ist es um Längen schwerer das nötige Budget für Produktion, Videodreh und natürlich auch, für das tägliche Leben aufzubringen.

Einer der vermutlich grundsätzlichsten Ansätze, um die Arbeitsbedingungen von Künstler*innen mit Behinderungen maßgeblich zu verbessern, ist die Förderung dieser aus dem soziokulturellen Kontext herausnehmen. Das gleiche gilt für Projekte oder Arbeiten, die sich entweder selbst inklusiv nennen oder die sich mit inklusiven Themen auseinandersetzen. Bisher stellen Kooperationen mit soziokulturellen Trägern oft einen großen Anteil der Finanzierung und des Unterhaltes für Künstler*innen mit Behinderung dar. So sehr diese Angebote und die Bemühungen der verschiedenen Träger natürlich wertzuschätzen sind, enden sie allerdings meist in einer Sackgasse. Soziokulturelle Arbeit wird im künstlerischen Kontext nicht gleich bewertet, nicht anerkannt. Das mag man gut oder kritikwürdig finden, aber so kommt es eben oft vor, dass zwar ein Projekt, eine Arbeit erfolgreich finanziert und realisiert werden konnte, es danach aber nur noch schwer bis gar nicht mehr möglich ist, im professionellen Kunstbetrieb durchzustarten.

Öffnung der künstlerischen Ausbildung für behinderte Menschen

Des Weiteren kann die Arbeit von Künstler*innen mit Behinderungen, wie bei allen anderen Künstler*innen auch, nur wirklich gut mit entsprechend fundierter Aus- und Weiterbildung stattfinden. So wie Inklusion in der Grundschule und bis hin zum Abitur gedacht wird, muss diese auch in der künstlerischen Ausbildung fortgesetzt werden. Kunsthochschulen, Schauspielschulen; Künstleraufenthalte, Stipendien oder Workshops sind essentiell für die Professionalisierung. Und dabei geht es nicht hauptsächlich um bauliche Barrierefreiheit der Institutionen oder um inklusivere Bewerbungsprozesse, sondern vielmehr um ein strukturelles Umdenken. Erst wenn Menschen mit Behinderungen etwa an den Hochschulen erwartet und auch auf der Ebene von Führungspositionen gedacht werden, dann auch wird die Zusammensetzung des Kulturbetriebes langfristig vielfältiger und repräsentiert einen realistischen, gesellschaftlichen Querschnitt.

Stipendien und Künstleraufenthalte müssen flexibler gestaltet werden. Sowohl was die technische Barrierefreiheit angeht, wie Rampen und Dolmetscher*innen, als auch den Bereich der geplanten Budgets. Im Falle etwa, dass Künstler*innen mit Behinderung sich für ein Stipendium qualifiziert haben oder einen Künstleraufenthalt antreten möchten, sollte bei Bedarf eine Assistenz ohne riesigen, bürokratischen Aufwand ermöglicht werden. Wenn ich mich auch sonst strikt gegen gesonderte Fördertöpfe ausspreche, wäre es für diese Fälle eine Überlegung wert, eine übergeordnete Möglichkeit zu schaffen, die den Institutionen zur Hilfe kommt und die, die Differenz der Budgets in solchen Fällen ausgleichen kann. Klar ist, dass nur gut ausgebildete und fundiert aufgestellte Künstler*innen langfristig den Weg auf Messen, in Galerien und Museen finden werden und so eine vielfältige und reiche Kulturszene mitgestalten können.

 

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Fokus auf die Kunst, nicht auf die Behinderung

Schließlich wurde während des „Meeting Place 2017“ noch ein weiterer Punkt sehr deutlich, der sich von außen mit den, von Belinda Locke erwähnten verzerrten Bildern auseinandersetzt: Wie berichten wir über Künstler*innen mit Behinderungen, wie werden sie in den Medien dargestellt und wie ihre Arbeiten besprochen? Mediale Wahrnehmung ist in der Professionalisierung von künstlerischer Arbeit fast ebenso so wichtig, wie Budgets. Aufmerksamkeit um jeden Preis jedoch nicht. Es sollte immer darum gehen, genau zu überprüfen, was hinter der Arbeit steht und, etwa als Journalist*in oder als Künstler*in selbst, genau zu hinterfragen, wann die Erwähnung einer Behinderung in Bezug auf die Werke Sinn macht. Und wann sie lediglich als Mittel zum Zweck benutzt wird, um Aufmerksamkeit zu erregen. In Rückblick auf meine Erfahrungen, habe ich im vergangenen Jahr zum ersten Mal erlebt, dass eine Journalistin in einem Porträt über mich und meine Arbeit, meine Behinderung mit keinem Wort erwähnte. Lediglich im beigefügten Foto war zu erkennen, dass ich Krücken benutze.

 

Fotocredits:

Titelbild: Andi Weiland / Gesellschaftsbilder.de

Bild 1: Adelaidenow.com.au

Bild 2: Andi Weiland / Gesellschaftsbilder.de