Aktuell, im Vorfeld der Bundestagswahl im kommenden Herbst, ist die Leichte Sprache stärker in der öffentlichen Wahrnehmung als sonst, da die meisten Parteien ihre Wahlprogramme auch in Leichter Sprache veröffentlichen. Das ruft Kritiker und Kritikerinnen auf den Plan. Anne Leichtfuß vom Ohrenkuss-Magazin ordnet ein.

Adrian Lobe spricht in der FAZ von „Nachrichten im Kinderbuch-Stil“, Alfred Rettkowski von „dümmlichem Deutsch“ und Jan-Philipp Hein von „ästhetikfeindlichen Eingriffen“ in die deutsche Sprache. Alfred Dorfer schreibt in der ZEIT über eine „schmutzig-unkorrekte Sprache“ und konstatiert, Sprache sei eben schwierig. Immer. In Sorge um Goethe und Schiller glaubt man, selbige müssen sich im Grabe umdrehen und Deutschlehrern wird unterstellt, sich zu wenig Mühe zu machen mit der Vermittlung sprachlicher Fähigkeiten. Würden sie ihre Arbeit besser machen, sei Leichte Sprache ja schließlich nicht mehr erforderlich.

Daraus kann man schließen: Viele Menschen wissen nicht genau, was Leichte Sprache ist – auch wenn sie darüber schreiben. Leichte Sprache ist eine vereinfachte Form des Deutschen. Es gibt sie in Wort und Schrift. Ihre Form ist weniger komplex. Sie hat feste Regeln.

Prüfer*innen für Leichte Sprache mit Mindestlohn

Ein wichtiges Grundprinzip der Leichten Sprache wird aber in der Berichterstattung meist außen vor gelassen. Texte in Leichter Sprache zu verfassen, geht nicht ohne Personen aus der Zielgruppe. Jeder Text, der das Siegel Leichte Sprache haben will, muss von mindestens zwei Prüfpersonen mit Lernschwierigkeiten gegengelesen werden. Sie prüfen: Ist der Text wirklich verständlich? Wenn nicht, müssen Änderungen vorgenommen werden.

Das Konzept der Leichten Sprache ist aus der Praxis heraus entstanden. Menschen mit Lernschwierigkeiten haben ihren Bedarf an einer leichter verständlichen Sprache formuliert, da ihnen ohne sie viele wichtige Informationen unzugänglich bleiben oder sie Assistenz brauchen, um sie zu entschlüsseln. Nur folgerichtig also, dass sie auch als Expertinnen und Experten teilhaben an der Erstellung der Texte. Was zunehmend dazu führt, dass sie in Büros für Leichte Sprache Arbeitsplätze finden, an denen sie gefordert und nach gesetzlichem Mindestlohn bezahlt werden.

In Deutschland gibt es aktuell etwa 80 Büros für Leichte Sprache. Die Prüferinnen und Prüfer absolvieren dort eine Ausbildung und prüfen Texte verschiedener AuftraggeberInnen. In diesem Video wird erklärt, wie die Zusammenarbeit zwischen Menschen mit und ohne Lernschwierigkeiten in einem Büro für Leichte Sprache funktioniert:

Eine Tätigkeit als Prüferin und Prüfer ist anspruchsvoll und erfordert einen hohen Grad an Abstraktionsvermögen. Ich muss nicht nur überprüfen, ob der Text für mich als Einzelperson verständlich ist, sondern für die Mehrheit der Leserinnen und Leser. Das erfordert Übung. Andererseits, wenn eine Prüf-Person den siebten Text zum Thema Urban Gardening prüft, ist sie nicht mehr repräsentativ für das Textverständnis einer breiten Zielgruppe, sodass das Team der Prüferinnen und Prüfer ausreichend groß sein muss, damit ausreichend Wechsel bei wiederkehrenden Themen möglich ist.

Zu wenig Leichte Sprache nach UN-BRK umgesetzt

Seit 2011 gibt es mit der Barrierefreien Informationstechnikverordnung (BITV 2.0) eine gesetzliche Grundlage, die besagt, dass „wichtige Informationen alternativ in Leichter Sprache vorzuhalten“ sind. Das gilt bisher leider nur für Einrichtungen des Bundes. Im Aktionsplan zur Umsetzung der UN Behindertenrechtskonvention in Deutschland wird angemahnt, dass zu wenig Informationen in Leichter Sprache verbreitet werden.

Zielgruppen Einfacher und Leichter Sprache

Die Kritik, die an der Leichten Sprache geäußert wird, ist zynisch und greift zu kurz. Außerdem scheint sie davon auszugehen, Menschen mit Leseschwierigkeiten seien die einzige Zielgruppe für Leichte Sprache. Streng genommen sind sie das gar nicht, sie gehören zur Zielgruppe der Einfachen Sprache. Leichte und Einfache Sprache unterscheiden sich durch Sprachniveau und Zielgruppe.

Die Zielgruppe der Leichten Sprache sind vor allem Menschen mit Lernschwierigkeiten, die Zielgruppe für Einfache Sprache sind Nicht-Muttersprachler, bei denen man davon ausgeht, dass sie sich zunehmend mehr Deutschkenntnisse erarbeiten und irgendwann vom Lesen in Leichter Sprache zur komplexen Sprache wechseln werden. Leichte Sprache entspricht etwa dem Sprachniveau A1, Einfache Sprache etwa dem Sprachniveau B1.

Wer gehört also zur Zielgruppe der Leichten Sprache und um wie viele Personen handelt es sich dabei in Zahlen? Den Versuch, das aufzulisten, machte der Duden Leichte Sprache, der im vergangenen Jahr erschienen ist.

Gebrauch von Leichter Sprache in Deutschland

Personengruppe Anzahl in Deutschland (Jahr)
Menschen mit Lernschwierigkeiten* 470.000 (2006)
Menschen mit geistiger Behinderung* 400.000 – 800.000 (2011)
Menschen mit Demenz 1.300.000 (2008)
Menschen mit Aphasie 130.000-240.000 (2006)
Menschen mit prälingualer Gehörlosigkeit 80.000 (2015)
Menschen mit funktionalem Analphabetismus 7.500.000 (2011)
Menschen mit Deutsch als Fremdsprache > 1.000.000 (2011)

 

*Die Unterscheidung zwischen „Menschen mit Lernschwierigkeiten“ und „Menschen mit geistiger Behinderung“ entsteht durch unterschiedliche Begrifflichkeiten der zugrunde liegenden Erhebungen.

Quelle: Bredel, Maaß: Leichte Sprache. Theoretische Grundlagen. Orientierung für die Praxis, Duden 2016

Man sieht auf den ersten Blick: So klein wie zunächst vielleicht angenommen ist die Zielgruppe nicht. Und man kann noch weiter gehen als Bredel und Maaß das in ihrer Auflistung tun: Handelt es sich bei der Leserschaft eines Textes um fachfremde Laien oder eine stark heterogene Leserschaft, würde ich die Zielgruppe auf 81.459.000 Menschen beziffern – alle in Deutschland lebenden Personen. Je nach Ausgangstext, Thema und verwendetem Vokabular schaltet bei Veranstaltungen ein großer Teil der Zuhörerschaft auf den Leichte-Sprache-Kanal, und seit Kommunen Broschüren zur Beantragung von Elterngeld in Leichter Sprache anbieten, bleiben die in komplexer Sprache oft liegen.

Leichte Sprache hat noch eine andere wichtige Funktion: Sie hilft ihren Leserinnen und Lesern, Inhalte in einen Kontext einzuordnen, erklärt Fremdwörter und Fachbegriffe und liefert Beispiele zu komplexen Zusammenhängen. Unverständnis resultiert auch oft daher, dass Verfasser und Verfasserinnen Wissen als bekannt voraussetzen, das es nicht ist. Das passiert an vielen Stellen: in den Fernsehnachrichten, in Wandtexten im Museum oder beim Ausfüllen von Anträgen und Formularen. Nur wer Kenntnis von der deutsch-deutschen Teilung hat, kann einen Text verstehen, in dem es um die Lichtgrenze zum Jubiläum des Mauerfalls geht. Durch Unterschiede in Sozialisation und Beschulung haben nicht alle Menschen aus der Zielgruppe der Leichten Sprache diese Information. Das heißt: Will ich dafür sorgen, dass ein Text verständlich ist, muss ich diese Information mitliefern.

Johanna von Schönfeld ist 26 Jahre alt und hat das Down-Syndrom. Sie formuliert ihren Bedarf an Leichter Sprache so:

Bei Vielem kann ich gar nicht mitreden. Ich brauche, dass mir das jemand in Leichter Sprache erklärt, was es bedeutet. Weil es mich beschäftigt, was mit der Welt ist. Ich höre und ich sehe auch viel. Zum Beispiel: Ich höre morgens beim Frühstück Radio. Da kriege ich die Nachrichten mit. Da ist der Weltfrieden wirklich gefragt! Ich persönlich würde mir den wünschen nämlich. Was ich noch nicht so gut finde, an der Menschheit auf der Welt: Es gibt ja schwere Sprache und Leichte Sprache. Und manche Menschen, die nicht Trisomie 21 haben, die sprechen zu schnell und in schwerer Sprache. Einerseits finde ich das cool und will das auch. Andererseits kriege ich dann auch nicht alles mit und es muss für mich übersetzt werden.

Wenn Leichte Sprache gut gemacht ist, verändert sie nur die Form eines Textes, nicht den Inhalt. Natürlich gibt es auch schlecht gemachte Übersetzungen in Leichte Sprache. Welche, die beim Lesen keinen Spaß machen und bei denen man sich fragt, ob sich Leichte Sprache und Lesevergnügen grundsätzlich ausschließen. Oder Texte, die stark vereinfachen und zentrale Informationen weglassen.

Aber schlechte Übersetzungen gibt es in jeder Sprache. Bei Übersetzungen aus einer Fremdsprache führt das aber in der Regel nicht dazu, dass Stimmen laut werden, die fragen, ob Übersetzungen grundsätzlich eine gute Idee seien und ob man nicht von einem Japaner erwarten könne, er solle sich „etwas mehr Mühe geben“, dann klappe das schon mit dem Deutschen. Warum das bei der Leichten Sprache hingegen der Fall ist, erschließt sich mir nicht. Sie bietet Teilhabe im Alltag, Teilhabe an Kultur und an Informationen. Sie nimmt niemandem etwas weg. Jeder, der es möchte, kann Romeo und Julia im Original lesen – mit Dativ, Satzelipsen und Passiv. Wem sich der Inhalt in dieser Form jedoch nicht erschließt, kann diesen Klassiker 2017 zum Glück auch in einer vereinfachten Form lesen – statt gar nicht.

Titelfoto: Anne Leichtfuß mit Kolleginnen vom Ohrenkuss-Magazin, Bild: Katja de Bragança

Foto von Schauspielerin Johanna von Schönfeld: Britt Schilling

Dieser Artikel in Leichter Sprache

Was ist Leichte Sprache?