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Mit Hamlet per Du – Sebastian Urbanski Porträt

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Sebastian Urbanski als Tänzer in der Inszenierung “Jahreszeiten” vom Theater Ramba Zamba . Er ist grün geschminkt und trägt waldähnliche Kleidungsfetzen und blickt mit ausgebreiteten Händen auf den Boden. Er wird beleuchtet von orangenen Licht, der Hintergrund ist schwarz.

Sebastian Urbanski als Tänzer in der Inszenierung “Jahreszeiten” (R: Gisela Höhne/Tomi Paasonen) – Fotocredit: Rob de Vrij

Theater, Kino, Film – Sebastian Urbanski stand als Schauspieler schon auf vielen Bühnen. Bekannt wurde er durch die Synchronisation des Hauptdarstellers, Pablo Pineda, in dem spanischen Kinofilm „Me too“ und als Schauspieler im Film „So wie du bist“ (ARD). Jetzt erschien sein erstes Buch „Am liebsten bin ich Hamlet“ im Fischer Verlag (2015). Doch bis SchauspielerInnen mit Downsyndrom in Sachen Anerkennung und Gehalt dort angekommen sind, wo SchauspielerInnen ohne Downsyndrom sind, ist es noch ein weiter Weg. Judyta Smykowski traf Sebastian Urbanski an seinem Arbeitsplatz, dem Theater RambaZamba.

Sebastian Urbanski ist als Hamlet in der Inszenierung "Lost Love Lost" vom Theater Rambazamba zu sehen. Er hockt ernst schauend und gestikulierend in einem weißen Topf auf der Bühne. Er trägt eine schwarze Hose, ein schwarzes Kurzarmshirt und sein Haar ist verwuschelt. Neben ihm hängt ein Seil von der Decke. Hinter ihm sitzt ein Mann mit nacktem Oberkörper und weiß geschminktem Gesicht.

Sebastian Urbanski als Hamlet in der Inszenierung “Lost Love Lost” (R: Gisela Höhne) – Fotocredit: Ralf Henning

Sebastian Urbanski kommt in die Probebühne des integrativen Berliner Theaters RambaZamba. Er sieht müde aus, seine Augen sind klein und zusammengekniffen. Der 37-jährige ist Schauspieler und hat das Downsyndrom. Er trägt eine schwarze Jogginghose und einen schwarzen Hoodie, 3-Tage-Bart, sehr lässig sieht er aus. Ein Künstler mit Starallüren – und das ist durchweg positiv gemeint. In seinem schwarzen Haar schimmern ein paar graue Strähnen. Sebastian ist ein gestandener Mann und Schauspieler. Er ist furchtbar nett und unkompliziert. Auch im Schauspielerensemble sei er derjenige, der sich immer ordentlich benehme, behauptet er zumindest und man nimmt es ihm ab.

„Mein Vati hat mir, als ich klein war, ein Puppentheater aus blauem und rotem Holz mit Handpuppen gebaut. Er hat mir Geschichten vorgespielt und irgendwann habe ich es dann auch versucht und gemerkt, wie schön das ist. Das war die Geburtsstunde meines Schauspielerdaseins.“ Er gab dann öfter kleine Vorstellungen für seine Eltern, spielte Szenen aus Theaterstücken und Filmen nach. Irgendwann wussten seine Eltern, dass sie ihren Sohn und seine Begabung weiter fördern müssen.

Erfolgreich auf der Bühne

Mit 23 kam der gebürtige Berliner dann zu seinem ersten Theater, ins RambaZamba. Doch bevor Urbanski dort anfangen durfte, wurde er von den Regisseuren beobachtet. „Die wollten erst einmal sehen, wie ich mich mache, ob ich mich reinhängen kann. Ob es passt, ob ich es durchziehe. Am Ende habe ich es geschafft“, sagt er mit Stolz, aber auch mit einer selbstsicheren Selbstverständlichkeit. Seit 14 Jahren ist er nun dabei. Seine Kollegen wurden schnell zu Freunden. Das Textlernen bringe ihm Spaß, er möge seinen Beruf. Eine wichtige Sache lernte er ebenfalls in den Proben „Ich wurde im wahrsten Sinne des Wortes geerdet. Mir wurde beigebracht, mit beiden Beinen fest auf dem Boden zu stehen. So konnte ich dann die Rolle des Hermes im Stück „Der Frieden – ein Fest“ (Regie: Gisela Höhne) spielen.“

Zu sehen sind die Protagonistinnen und Protagonisten der Serie "Zeig mir deine Welt" (ARD) . Es sind drei junge Frauen und drei junge Männer, die lachend und wie tanzend auf und vor einem weißen Sofa sitzen. Hinter ihnen sitzt Moderator Kai Pflaume.

„Zeig mir deine Welt“ (ARD); Quelle: daserste.de

Außerhalb der Theaterbühne ist er vor allem durch die Synchronisation des Hauptdarstellers in dem spanischen Kinofilm „Me too“ (2009) und als Schauspieler im Film „So wie du bist“ (2012) bekannt geworden. Außerdem war er in der ARD-Dokumentation von Kai Pflaume „Zeig mir Deine Welt“ zu sehen. Darin besuchte der Moderator verschiedene Menschen mit dem Downsyndrom in ihren Wohngemeinschaften oder bei den Familien und lernte ihren Alltag kennen.

Seine Biografie wurde auch schon veröffentlicht. „Mutti meinte treffend, dass ich eine linke und eine rechte Hand beim Schreiben brauche. Also hat sie zusammen mit der Co-Autorin Marion Appelt mein Leben aufgeschrieben. Wir trafen uns in meiner WG und auch bei meinen Eltern. Da habe ich dann vieles erzählt und die beiden schrieben es auf. Wochenlang ging das, von früh bis spät. Da wurden die Geheimnisse meiner Kindheit gelüftet. Wie ich früher so war. Sein „Vati“ habe für das Buch auch viel erzählt, das sei schön gewesen. Seine Mutter ist Journalistin bei der Berliner Zeitung. Aus seiner Biografie „Am liebsten bin ich Hamlet“ ließt man die enge Bindung und den herzlichen Umgang mit seinen Eltern heraus. Die Motivation und Ermutigung, die er im Elternhaus erfährt, macht ihn zu einem starken Menschen.

So rede ich doch gar nicht“

„Wir sind verdammt noch mal alle Menschen.“ Diesen energischen Appell richtete Sebastian Urbanski 2012 in der Bundespressekonferenz an Politik und Gesellschaft, als es darum ging, ob ein Bluttest eingeführt werden darf, der Trisomie 21 während der Schwangerschaft erkennen lässt. Dieser Test ist inzwischen zugelassen. Sebastian ist ein Mensch, der seine Rechte an die Zuständigen adressiert, verteidigt und sich auch für andere einsetzt. In seiner Biografie wurde jeder Satz von ihm selbst abgesegnet. Dem Wunsch des Verlags, das Buch in Jugendsprache zu veröffentlichen, kam er nicht nach. „Das war abgefahren. Da habe ich nur gefragt: Was ist das für eine Sprache? So rede ich doch gar nicht. Ich sag nicht dauernd ‚Ey, Alter!‘, vollkommener Blödsinn war das.“

„Liebesfilme, Actionfilme, Alles“

Ich wurde vom Theater für die Synchronisation ausgewählt. Wochenlang habe ich den deutschen Text eingesprochen, das war toll. Ein Sprungbrett für meine Karriere. Als dann meine Theaterchefin Gisela Höhne gesehen hat, wie gut ich das geschafft hatte, hat sie mich als Schauspieler für den Film „So wie du bist“ nominiert.“

Auf die Frage, was ihm am meisten Spaß mache – Synchronisieren, schauspielern auf der Theaterbühne oder auf der Leinwand – sagt er: „Alles. Ich mache alles wahnsinnig gerne. Im Film würde ich gerne mal die ganz großen Rollen spielen. Mal den Bösen, mal den Guten, mal mit zwei Gesichtern. Vielleicht auch mal einen hinterhältigen Charakter. Liebesfilme, Actionfilme, Science-Fiction-Filme. Alles.“, sagt der selbstbewusste Schauspieler. Aber kann er seine Träume und beruflichen Ziele auch selbstbestimmt durchsetzen? Denn noch immer dürfen in Deutschland Menschen mit Behinderung, die wie Sebastian Urbanski mit Assistenz leben, nicht mehr als 2.600 Euro an Gesamtvermögen besitzen.

Beim Schauspiel könne man alle Emotionen zeigen. Aber beim Theater kommt Sebastian Urbanski dann doch am meisten ins Schwärmen: „Ich mag es, wie sich die Kulissen für die Stücke verändern. Wie sich die Rollen verändern. Ich mag zeigen, wie bunt Theater sein kann.“ Das Repertoire des Theaters RambaZamba beträgt 15 Stücke, pro Jahr kommen 2-3 Neuerscheinungen hinzu. Was schlechtes am Schauspielern gebe es nicht. Nur dass die Kollegen manchmal nervig seien. „Manchmal zicken wir uns während der Anprobe an, aber auf der Bühne ist dann wieder alles gut. Nach den Vorstellungen machen wir immer eine Kritikrunde mit unserer Regisseurin. Ich bin meistens gut, im Großen und Ganzen. Aber wenn ich dann mal kritisiert werde, nehme ich das gerne an und meckere nicht herum.“ Vor Kurzem spielte er die Rolle der „Zeit“ im Theaterstück „Alice in den Fluchten“: „Das ist eine Rolle, wo ich mich auch mal von meiner bösen Seite zeigen kann. Die Zeit treibt alle an. Die Rolle geht vom Leisen, Bösen bis ins Laute, Gute…“

Weitere Links:

  • „Klassik à la carte. Gast: Sebastian Urbanski“ (NDR)
  • „Raus aus der Behindertenwerkstatt, rauf auf die Bühne“ (Berliner Zeitung)
  • „Sebastian Urbanski – Mit Down-Syndrom mitten im Leben“ (MDR)
  • „Mit Down-Syndrom auf der Bühne. ‚Ich bin ganz normal'“ (Stern)
  • „Schauspieler mit Downsyndrom spielt am liebsten Hamlet“ (Focus)
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