Psychische Krisen kennen wir vor allem durch die vermehrte Berichterstattung über das „Burnout-Syndrom“. Dabei gibt es ganz verschiedene Ausprägungen von Krisen. Doch obwohl in Deutschland viele Menschen etwa von Depression oder Schizophrenie betroffen sind, bleiben diese Einschränkungen unsichtbar. Heike Oldenburg versucht eine Einordnung.

Ein Tabu ist es noch heute, über die eigene psychische Erkrankung konkret und direkt zu sprechen. In meiner Selbsthilfegruppe ist eine Frau, die einer „Freundin“ noch nach einem Jahr nicht davon erzählt hatte. So etwas wäre für mich keine Freundschaft. Dabei ist jede fünfte Bundesbürgerin und jeder fünfte Bundesbürger mindestens einmal in ihrem/ seinem Leben von einer psychiatrischen „Erkrankung“ betroffen. Es gibt offiziell rund 7,6 Millionen behinderte Menschen in der Bundesrepublik. „Wir“ sind mehr … Viele Menschen mit psychiatrischen Diagnosen könnten einen Schwerbehindertenausweis beantragen, wollen dies jedoch ungern – wegen des Stigmas.

Der schizophrene Täter und die durchgeknallte Frau im Film 

Die Berichterstattung über und das Bild in Spielfilmen von „uns“ ist oft genauso tendenziös wie bei Körperbehinderten. Im Film „Silver Linings Playbock“ (2012) spielt Jennifer Lawrence eine Frau, die vor lauter „Depression“ mit jedem Mann im Büro schläft. Viele erinnern sich bestimmt auch, wie sie über die Zwangsstörung von Jack Nicholson in „Besser geht’s nicht“ (1997) lachten oder Mitgefühl hatten mit dem schizophrenen Mathematiker John Nash in „A beautiful mind“ (2006) (übrigens ein Film, der das weit verbreitete Vorurteil der „Unheilbarkeit“ von Schizophrenie korrigiert). Wenn dann in der Filmkritik von “Kill the boss” (2011) von “Irren” und “Trotteln” die Rede ist, wirken die Darstellenden eher abstoßend. Diese Filmbesprechung enthält übrigens ein Detail („… werden von ihren Chefs in den Wahnsinn getrieben.“), das in unserer Leistungsgesellschaft nur zu wahr ist: Die härter werdenden Arbeitsbedingungen machen immer mehr Menschen krank. Heute ist eine psychische Erkrankung die häufigste Ursache für eine Erwerbsunfähigkeitsrente.

Psychische Krise heißt nicht sofort Aggressivität 

Gibt man “Irrer” bei Google ein, findet man viele Artikel, in denen psychische Krisenerfahrungen und Gewaltausübung verknüpft sind (hier ein Beispiel mit äußerst bedenklicher Doppeldiskriminierung, getoppt per Bild). Bei Laien werden so Assoziationen wie „Tod“, „Gefahr“ und „böse“ gefördert. Forensische Statistiken widersprechen seit Jahrzehnten dem Vorurteil, dass Menschen mit psychischen Krisen häufiger als andere Menschen zu Aggressionen neigen. „Wir“ sind überwiegend autoaggressiv, also eher aggressiv gegen uns selbst, als aggressiv nach außen.

Menschen mit psychischen Gesundheitsproblemen leiden nicht immer 

Schizophrenie, Depression oder andere psychische Gesundheitsprobleme können den gewohnten Alltag stark verändern. Jedoch nicht alle von „uns“ leiden permanent. Den Fokus beim Berichten nur auf Leiden zu richten, ist eine eingeschränkte Sichtweise auf „unsere“ Lebenswirklichkeit. Eine Krise kann auch eine Mitteilung sein. Unser Körper will uns etwas sagen. Wir reagieren auf die Umwelt „ver-rückt“, d.h. sensibler als sogenannte „Normale“. Viele von uns erarbeiten sich in und nach Krisen persönliche Wege, wie sie Krisen bewältigen können (Sport, Bachblüten…). Wir brauchen viel Zeit, Geduld und Behutsamkeit im Umgang mit uns in diesen Krisenphasen. Die Aufforderung „Reiß dich mal zusammen” geht völlig am Kern des Problems vorbei und hilft nicht. Unklar ist, ob genetische Anteile das Risiko zu erkranken erhöhen. “Wir” können nichts dafür, dass dieser innere Zustand kommt und müssen vor allem damit umgehen. Es ist oft schwer, sich auszuhalten und (sich) nicht aufzugeben. Die meisten Krisen klingen nach durchschnittlich zwei Monaten mit oder ohne Medikamente ab. Es gilt, sich auf der Skala „100 % gesund – 100 % krank“ wieder mehr in Richtung des Pols „gesund“ zu bewegen.

Normaler Umgang mit Menschen mit psychiatrischen Diagnosen 

Menschen mit psychischen Gesundheitsproblemen wollen auch im Interview normal behandelt werden, d.h. auf gleicher Augenebene. Wenn Gesundheit das Interviewthema ist, ist es sinnvoll nachzufragen, wie die Person sich mit ihren psychischen Gesundheitsproblemen fühlt und wie sie damit umgeht. Eine diagnostizierte Schizophrenie heißt zum Beispiel nicht, dass alle Menschen mit dieser Diagnose die gleichen Symptome erleben. Selbst Betroffene untereinander können nicht davon ausgehen, dass die Kollegin/der Kollege dieselben Empfindungen hat wie sie/er selbst. InterviewerInnen sollten sich auch vor voreiligen Schlussfolgerungen hüten. Zum Beispiel leidet nicht jeder Mensch mit Erschöpfungssymptomen unter Burnout. Da es bisher keine allgemein verbindlichen Kriterien für diese Mode-Diagnose gibt, ist auch eine Gleichsetzung mit einer behandlungsbedürftigen Depression nicht angemessen.

Menschen mit psychosozialen Gesundheitsproblemen – Worte 

Viele Begriffe für Menschen mit psychosozialen Gesundheitsproblemen oder Krisen sind meiner Meinung nach veraltet bis diskriminierend, wie etwa  „verrückt”,  „seelisch gestört” oder  „psychisch krank”. Begriffe wie „irre“ oder „geisteskrank“ sind glücklicherweise aus der Mode gekommen, doch es gibt immer noch hin und wieder Verwirrungen diesbezüglich (siehe die “Psycho-Falle” des SPIEGELS). Der Vorschlag von „Menschen mit psychosozialen Gesundheitsproblemen“ zu sprechen, setzt von Anfang an einen anderen Grundton. Darin ist die oben angesprochene Dualität gut erfasst: „Krise als eine Antwort auf das soziale Umfeld einer Person  – und/oder Krise, die in der Person von innen heraus entsteht.“ Hier gilt ähnlich wie bei Menschen mit körperlichen oder „geistigen“ Behinderungen – sie werden auch durch die Gesellschaft behindert, statt es nur selbst zu sein. Begriffe wie  „psychisch Erkrankte” oder  „psychische Störungen” finde ich inakzeptabel, da damit automatisch transportiert wird, dass psychische Gesundheitsprobleme Krankheiten oder schwere Störungen sind.  „Menschen mit psychischen Krisen”, „Krisenerfahrene“ oder „Psychiatrie-Erfahrene“ sind weitere mögliche angemessene Begriffe. Allgemein ist es doch die Frage: Wer legt eigentlich fest, wer oder was normal ist? Und wer legt fest, wer oder was verrückt ist? Manchmal ist es hilfreich, bei sich selbst zu gucken: Wie ver-rückt finde i c h, was mir gerade passiert oder begegnet? Kann oder will ich mich darauf einlassen? Zum Beispiel Menschen, die unter hohem Leistungs- und Zeitdruck arbeiten, wie etwa ManagerInnen oder JournalistInnen, können davon profitieren, sich zu fragen: Ist das noch „normal“, wie ich mit mir umgehe?

Positive Beispiele für die Berichterstattung

Stellvertretend für viele andere engagierte Projekte, die Öffentlichkeit angemessen über Krisenerfahrene zu informieren, seien hier die Bremer Publikationen  IRRTURM und die „Zeitung für v e r r ü c k t e  und andere Normale“  genannt. Genau hinhören, innehalten und nachspüren – darum bemühen wir uns beim IRRTURM, einer Bremer Zeitungsinitiative, in der Psychiatrie-Erfahrene seit 24 Jahren eigene Texte und Bilder einmal jährlich veröffentlichen können. In der „Zeitung für v e r r ü c k t e und andere Normale“ der Blauen Karawane, einem Bremer Projekt für selbstbestimmtes Leben und Arbeiten, wird besonders auf sorgsame Sprache geachtet. Immer mehr Psychiatrie-Erfahrene gehen wieder ins Erwerbsleben zurück. Um ihnen den (Wieder-) Einstieg zu erleichtern, werden im Projekt EX-IN, EXPERIENCED INVOLVEMENT, bundesweit Betroffene zu GenesungsbegleiterInnen sowie DozentInnen ausgebildet. Die GenesungsbegleiterInnen helfen, Wissenslücken auf beiden Seiten zu schließen, bei den MitarbeiterInnen in Betrieben und bei Krisenerfahrenen mit längeren beruflichen Auszeiten. Psychiatrie-Erfahrene haben großes Erfahrungswissen über unterstützende Haltungen, Methoden und Strukturen. Dieses „Expertenwissen aus Erfahrung“ soll stärker in die bestehende Versorgung fließen. In Köln gibt es inzwischen auch eine Journalistin mit dieser Ausbildung (Bettina Jahnke). „Respekt!“ Dieses Wort bekamen wir häufig anerkennend in der Abschlussrunde unseres Berliner Projektes (dasselbe in Hamburg) von den SchülerInnen zu hören, nachdem wir – zwei Psychiatrie-Erfahrene und ein/e ModeratorIn – in der Schulklasse erzählt hatten, was es heißt, mit dieser Form von Beeinträchtigung zu leben. Dabei konnte man fast eine Stecknadel fallen hören, so interessiert und beeindruckt waren die Jugendlichen von unserem Bericht. Einmal fragte ein Schüler direkt vor dieser dritten Phase: „Wann kommen ´die´ denn endlich?!“ Wir stellen uns bewusst am Anfang nur als MitarbeiterInnen vor. Die SchülerInnen hatten noch gar nicht gemerkt, dass „die“ schon da sind!

Weiterführender Literaturtipp:

Dorothea Buck, Bildhauerin, Autorin und Psychiatrie-Erfahrene, hat ihre psychischen Ausnahmezustände aufgelöst, indem sie die Bedeutung ihrer Krisen verstanden hat. In ihrem Buch „Auf der Spur des Morgensterns“ sowie in dem Film „Himmel und mehr“ von Alexandra Pohlmeier  kann man ihren Weg der Verarbeitung sehr gut nachvollziehen.

Heike Oldenburg, „Expertin in eigener Sache“, in Zusammenarbeit mit dem Leidmedien-Team (Die Überschrift ist der Titel der Selbsthilfegruppe im Netzwerk behinderter Frauen Berlin)

Titelbild: Stefan Franke / www.jugendfotos.de, CC-Lizenz(by-nc-nd)