Reporter der Paralympics Zeitung: „Bei den Paralympics geht es emotionaler zu“

Gruppenfoto von 22 jungen Journalisten der Paralympics Zeitung 2016 am Strand in Rio de Janeiro/ Brasilien.

Die Nachwuchsredakteure der Paralympics Zeitung. Foto: Thilo Rückeis/Tagesspiegel

 

22 junge Journalist*innen bilden das Team der diesjährigen „Paralympics Zeitung“, ein Projekt der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung und des Tagesspiegel. Die erste Printausgabe erscheint am 8. September. Wir haben den jungen Reporter David Hock zum Gespräch getroffen.

Leidmedien: Wie kam es zu deiner Mitarbeit bei der „Paralympics Zeitung“?

David Hock: Es gab im letzten Jahr eine Ausschreibung, auf die ich schon länger gewartet habe. Denn bei der letzten Paralympics Zeitung 2012 war ich noch zu jung. Aufmerksam auf die Zeitung wurde ich damals durch ihre Sonderausgabe zum Film „GOLD – Du kannst mehr als Du denkst“. Die Erzählungen der Filmemacher, die ich 2013 sogar persönlich kennengelernt habe, haben mir enormen Appetit darauf gemacht, auch mal bei den Paralympics als Journalist dabei zu sein. Die nun anstehende Reise direkt nach dem Abitur ist für mich ein echtes Highlight.

Leidmedien: Wann habt ihr eure Arbeit begonnen?

David Hock: Mitte November hat sich das zehnköpfige, deutsche Team zum ersten Mal in Berlin getroffen. Auch zwei Britinnen waren dabei, die für die internationale Ausgabe „Paralympic Post“ schreiben. Wir haben Einiges über eine angemessene Berichterstattung im Behindertensport gelernt, zum Beispiel bei einem Workshop mit Leidmedien.de. Außerdem waren wir in der Druckerei, im Unfallklinikum Berlin und bei einem Empfang in der Brasilianischen Botschaft.

Im Mai waren wir dann alle zusammen in Brasilien und haben die brasilianischen JournalistInnen getroffen. Wir waren bei Leichtathletikveranstaltungen und in der Redaktion einer brasilianischen Zeitung. Bei der Gelegenheit entstanden dann die ersten Artikel. Als nächstes haben wir einzelne Sportarten als Themenschwerpunkt zugewiesen bekommen. Im Auftrag der Paralympics Zeitung war ich zum Beispiel beim Paralympic Media Award und bei den IDM-Schwimmeisterschaften in Berlin. Online sind schon einige Artikel zu lesen und die erste Printausgabe erscheint zum Auftakt der Spiele.

Leidmedien: Welchen Schwerpunkt hast Du bei der Berichterstattung?

David Hock: Wir sind zu viert in einem Team – zwei Brasilianer und zwei Deutsche – der Sportart Schwimmen zugeteilt. Die deutschen und brasilianischen Schwimmer sind sehr stark, hier werden wir hoffentlich die eine oder andere Goldmedaille sehen. Ich werde aber auch auf SportlerInnen achten, die medial noch nicht so bekannt sind und diese porträtieren.

Leidmedien: Wie wird eure Arbeit vor Ort aussehen?

David Hock: Wir haben alle Sportarten aufgeteilt und müssen bis zum Beginn der Spiele ExpertInnen in unserer eingeteilten Disziplin werden. In der Printausgabe zum Ende der Spiele wird es vor allem ausführliche Porträts geben. Im Tagesgeschäft nutzen wir den Internetauftritt und die Social Media Kanäle. Wir wurden auch dazu ermutigt, in unseren Lokalmedien Veröffentlichungen anzubieten.

Redakteur der Paralympics Zeitung: David Hock Foto: Thilo Rückeis/ Tagesspiegel

Redakteur der Paralympics Zeitung: David Hock Foto: Thilo Rückeis/ Tagesspiegel

Leidmedien: Du machst auch selbst Sport…

David Hock: Ja Fußball war immer mein großes Hobby, als HSV- Fan und als Spieler im Verein. Mit zunehmendem Alter wurde das Spiel aber körperlich härter und ich habe gemerkt, dass es gefährlich ist, wenn mich da irgendjemand mal richtig umnietet. Aufgrund meiner fehlenden Arme kann ich mich nicht abstützen. Dann habe ich mit Ausdauersport angefangen und laufe inzwischen regelmäßig Halbmarathons.

Leidmedien: Wie wird Deiner Meinung nach das Thema Behinderung in der Gesellschaft aufgenommen?

David Hock: Noch mit zu vielen Vorbehalten. Die Bilder-Kampagne auf Eurer Seite spricht mir da aus der Seele. Im Rollstuhl zu sitzen heißt nicht, daran „gefesselt“ zu sein. Durch meine eigene Behinderung bin ich diesbezüglich aber schon gut sensibilisiert. Meine körperliche Beeinträchtigung hat mir nie wirklich viel Lebensqualität genommen. Natürlich war aber auch nicht alles einfach. Meine Familie und meine Freunde sind eine liebevolle Unterstützung, wir gehen die Dinge nach dem Motto „Wir schaffen das“ an. Es läuft alles etwas anders ab, aber irgendwie geht es immer.

Leidmedien: Was möchtest Du mit der Berichterstattung für die Paralympics Zeitung erreichen?

David Hock: Ich möchte dazu beitragen, dass man weg davon kommt zu sagen, dass diese „armen“ Menschen auch mal eine Chance bekommen, über den Tellerrand hinauszuschauen und bei so etwas Großem mitmachen zu ‚dürfen‘. Das ist falsches Mitleid.

Leidmedien: Sollte man die Leistungen der SportlerInnen der Paralympischen und Olympischen Spiele allgemein vergleichen? 

David Hock: Der Leichtathlet Heinrich Popow hat gesagt, man soll aus der Rehm-Sache keine allgemeinen Schlüsse ziehen und nicht grundsätzlich behinderte gegen nichtbehinderte Sportler*innen antreten lassen. Die Voraussetzungen sind einfach häufig zu unterschiedlich. Jeder 100-Metersprint bei den Paralympics ist hochklassig, auch wenn die Sprinter nicht die Zeiten eines Usain Bolt erreichen können. Beim Wettkampf geht es meiner Meinung nach nicht nur um Zahlenwerte, sondern um Emotionen und darum, ob jemand haushoch und verdient gewinnt oder ganz knapp. Ich glaube sogar, dass es bei den Paralympics noch mehr Emotionen gibt als bei den Sportveranstaltungen der nichtbehinderten Menschen.

Leidmedien: Was ist dein Eindruck von Paralympics-SportlerInnen? Was sind das für Menschen?

David Hock: Tendenziell, so ist mein Eindruck, sind es Menschen, die einen Unfall hatten – häufig haben sie schon vorher Leistungssport betrieben. Deshalb werden die Paralympics als Inklusionsmotor dargestellt, die Menschen wieder teilhaben lassen. Durch den Sport wird ihnen wieder das Gefühl gegeben, dass sie etwas leisten können. Ich möchte den Fokus in meinen Berichten aber nicht darauf legen. Vor Kurzem habe ich die Parakanutin Edina Müller getroffen, die in London 2012 noch Rollstuhlbasketball spielte. Bei dem Interview stand für mich nicht die Behinderung im Vordergrund, sondern die spannende Frage, warum sie die Sportart gewechselt hat und wie ihr Sportlerleben abläuft.

Leidmedien: Wie geht es bei dir nach dem Abitur weiter?

David Hock: Ich werde weiter als Journalist arbeiten. Angefangen hat es mit der Schülerzeitung. Mittlerweile schreibe ich für mehrere Magazine und eine Tageszeitung – und nun steht ja erstmal die Reise nach Rio an.

 

Folgt David bei den Paralympics in Rio auf Twitter und Instagram.

Auch die Paralympics Zeitung ist auf Twitter, Instagram und Facebook vertreten. 

Das Interview führte Judyta Smykowski.

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