Zur Navigation Zum Inhalt

Schizophrenie, Depression, Suizid – Tipps für Medien

Von
Wolken und schwarze fliegende Regenschirme

Foto von: Felix Ivefeldt / www.jugendfotos.de „Deprivation“, CC-Lizenz(by-nc-nd)

In welchem Kontext wird meist über Menschen mit psychischen Erkrankungen berichtet? Und welche klischeehafte Bildsprache wird verwendet? Im Workshop “Journalistische Berichterstattung über Menschen mit psychischen Erkrankungen”, organisiert vom Aktionsbündnis Seelische Gesundheit, trafen sich Psychiater, Journalisten und Betroffene. Lilian Masuhr von Leidmedien hat daran teilgenommen.

Wie ist es mit einer an Schizophrenie erkrankten Tochter zu leben? Davon erzählt Autorin Janine Berg-Peer in dem Workshop „Journalistische Berichterstattung über Menschen mit psychischen Erkrankungen“, den das Aktionsbündnis Seelische Gesundheit in den Räumen des Tagesspiegels in Berlin veranstaltete. Berg-Peer hat gerade das Buch „Schizophrenie ist scheiße, Mama! Mein Leben mit meiner psychisch erkrankten Tochter“ geschrieben. Sie und andere TeilnehmerInnen des Workshops berichten, welchen Einfluss das Umfeld auf die Betroffenen und ihre Angehörigen haben kann: Bei Bekanntwerden der Diagnose Schizophrenie kam es zu Problemen in der Schule, zur Kündigung des Jobs, Scheidung, Sorgerechtskonflikten, und vor allem zu Berührungsängsten von Verwandten und Freunden.

Metaphern rund um Angst, Gewalt und Unzurechenbarkeit“

Der Grund für die gesellschaftliche Stigmatisierung scheint nicht zuletzt das Bild zu sein, das von den Medien über Menschen mit psychischen Erkrankungen transportiert wird. Denn meist wird über sie in einem negativen Kontext von Gewaltverbrechen (z.B. Der Tagesspiegel „Nach Bluttat in Kreuzberg Schizophrenie bei Orhan S. diagnostiziert“), und in einer angsteinflößenden Bildsprache, z.B. von Mauern und Fesseln, berichtet. Ruth Fricke, Vorstandsmitglied des Bundesverbands Psychiatrie-Erfahrener e.V. (BPE e.V.) betont zudem, dass die allgemeine Psychiatrie häufig mit dem Maßregelvollzug“, der allein für Straftäter vorgesehen ist, verwechselt werde (z.B. die BILD: „Psychiatrie-Horror Zwangseinweisung“). Der Begriff „schizophren“ werde außerdem immer häufiger auch metaphorisch verwendet, z.B. für die Umschreibung der negativen Eigenschaft „unzurechenbar“: Der Zeitung „Die Welt“ zufolge, verhalte sich Frau Merkel beispielsweise „bei Griechenland schizophren“ und in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung wird im Zusammenhang von hohen Einschaltquoten  im öffentlich-rechtlichen Fernsehen trotz mangelnder Qualität von einer „ausgebufften Schizophrenie“ gesprochen.

„Burnout statt Depression“

Auch wenn ein „Burnout“ im Gegensatz zu einer Depression keine Krankheit, sondern einen Risikozustand beschreibe, helfe die vermehrte aufklärende Berichterstattung über das „Burnout“ zur Sichtbarmachung des Problems in unserer Gesellschaft, sagt Prof. Dr. Wolfgang Maier, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN). Die Folge der Thematisierung in den Medien sei ein vermehrtes Aufsuchen von professioneller Hilfe sowie die Verabschiedung von Gesetzesinitiativen zum Schutz vor Risikofaktoren von psychischen Erkrankungen am Arbeitsplatz. Dennoch sei die Einstellung der Bevölkerung zu psychischen Erkrankungen weiterhin geprägt von sozialer Distanz und Vorurteilen. Dies kann wiederum die Symptome bei den Betroffenen wie Depressionen und sozialen Rückzug verstärken.

„Psychose als Auszeit“

Was bedeutet das nun für eine neue Berichterstattung über Menschen mit psychischen Erkrankungen? Eine neue Perspektive, die den Menschen nicht mehr nur auf seine Diagnose reduziert, sondern seine Persönlichkeit als Ganzes sieht, meint der Dipl.-Psychologe Prof. Dr. Thomas Bock. Die „Geschichte“ eines journalistischen Beitrags finde sich demnach auch in den guten Momenten eines Lebens mit einer psychischen Erkrankung. Um die Angst vor der Diagnose „psychische Erkrankung“ zu nehmen, weist Bock auch auf die positiven Elemente einer solchen Erkrankung hin: Ein Angstzustand bedeute auch Schutz vor der Gefahr, eine Psychose auch eine Reizoffenheit, eine Manie auch eine Befreiung von Grenzen, und eine Borderline-Störung auch ein Finden der Balance zwischen Bindung und Autonomie.

„Wie über einen Selbstmord berichten?“

Auch über Suizide könne man anders berichten und sogar eine „präventive Berichterstattung“ herbeiführen, so die Initiative der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention (DGS) in einer Broschüre. Dies bedeute beispielsweise über Warnsignale und Risikofaktoren für eine Suizidgefährdung und über konkrete Hilfsangebote zu berichten. Zu vermeiden sei eine besonders spektakuläre (auf der Titelseite) oder romantisierende Darstellung eines Suizids („Im Tod mit seiner Liebsten vereint“), sowie die Veröffentlichung von Abschiedsbriefen.

„Wünsche an JournalistInnen“

1) neue Kontexte und wichtige Themen im Zusammenhang mit psychischen Erkrankungen

  • problematische Eltern-Kinder-Beziehung bei psychischen Erkrankungen
  • fehlende Nachsorge ehemaliger Psychiatrie-Erfahrener mit Risiko der Verwahrlosung
  • fehlende Aufklärung über Alltagswissen zu psychischen Erkrankungen seitens der Ärzte
  • Zuständigkeitskonflikte für Psychiatrie-Patienten an Kliniken, geforderte Konsequenzen für Politik wie Wohnraum, sinnvolle Arbeit, Inklusion, Peer-Berater als Genesungsoptionen

2) Vorgespräch vor dem Interview (v.a. bei Radio- und Fernsehinterviews)

  • eventuelle Rückfragen der/des Interviewten berücksichtigen
  • die/den Interviewten nicht zum Coming-Out überreden, aber wenn erlaubt, Krankheit genau benennen (z.B. Differenzierung Burnout/Depression) bzw. nur schauen wo sie wirklich einen Nachrichtenwert hat (z.B. ob Täter/in wirklich psychisch erkrankt ist)

3) Sprache und Bildsprache bewusst passend zum Thema einsetzen und nicht standardisiert im Kontext von Gewalt

  • Unterscheidung Psychiatrie von Maßregelvollzug
  • Täter/in wirklich psychisch erkrankt?

Am Ende des Workshops gab es dann noch einen anderen Perspektivwechsel: Die Kampagne „OpenFace“ der Familien-Selbsthilfe Psychiatrie aus Bonn möchte Menschen mit psychischen Erkrankungen im Umgang mit der medialen Öffentlichkeit schulen, damit diese als selbstbewusste und selbstbestimmte InterviewpartnerInnen ihre Geschichte JournalistInnen erzählen wollen und auch können.

Linktipps

Literatur

Journalistenpreis

Forschung

Projekte

Print Friendly