Blinde Kuh trifft Taube Nuss – Metaphern der Behinderung

Foto: Premshree Pillai / Flickr.com (CC BY-NC-SA 2.0)

Es gibt viele Metaphern über „Behinderung“. Generell helfen uns Metaphern, abstrakte Situationen, Gefühle, Gegenstände und vieles mehr auszudrücken. Doch mit der Zeit können aus Metaphern auch Floskeln werden, die unbedacht geäußert werden und eigentlich nur noch windschiefe und manchmal auch diskriminierende Bilder sind. In der Glosse von Rebecca Maskos trafen sich solche Wortbilder auf einen Kaffee.

Die Blinde Kuh und die Taube Nuss saßen in einem Café und tranken Milchkaffee.

„Ist Dir schon mal aufgefallen, dass das Deutsche voller Sprachbilder steckt?“ fragte die Blinde Kuh. „Weißt Du, so Metaphern – so nennen das diese Literaturkritiker. Und bei den Sprachbildern dreht es sich ganz oft um den Körper. Um den Körper, der nicht richtig funktioniert.“

„Hä?“ fragte die Taube Nuss, – sie hatte das akustisch nicht so ganz verstanden.

„Na, das sieht doch ein Blinder mit ’nem Krückstock!“ meinte die Blinde Kuh und machte ungeduldig tak-tak-tak mit ihrem Blindenstock auf dem Boden. Und dachte bei sich: „Manchmal ist sie eine ganz schön lahme Ente, die Taube Nuss“.

 „Nimm doch mal das Wort blind“, sagte die Blinde Kuh, „die ganz großen Gefühle sind angeblich blind – Liebe, Hass, Wut, dann gibt’s das blinde Vertrauen…“

Da klingelte das „Krüppel-Handy“ der Tauben Nuss. „…Ja, ja..mhm, ist ok“, rief sie ins Handy. „Verdammt, meine bucklige Verwandschaft kommt gleich vorbei!“, schimpfte sie laut. „Ich hab nicht alles genau verstanden, war irgendwie zu leise… ich wollte auf laut stellen, aber ich hab die Schaltfläche so schnell nicht gefunden. Dabei haben die im Laden gesagt, das Handy ist idiotensicher!“

„Ach weißt Du, Lügen haben kurze Beine“, erwiderte die Blinde Kuh… „die im Laden erzählen einem immer so viel Quatsch, dass einem Hören und Sehen vergeht..!  Geh da doch nochmal hin und mach einen Zwergenaufstand.“

„Naja, jetzt muss ich erstmal schnell nach Hause und alles vorbereiten, die kommen schon in zwei Stunden angewackelt“, murmelte die Taube Nuss und blickte finster. „Warte mal, Blinde Kuh, kannst Du für mich kurz mal den Verkehrsfunk auf dem Handy-Radio abhören? Ich hab nämlich vorhin mitbekommen, dass heute irgendwo so eine Bombe entschärft werden soll. Ein Blindgänger!“

In ihrem blinden Gehorsam tat die Blinde Kuh wie ihr geheißen und fummelte eine Weile am Handy der Tauben Nuss herum – auch wenn sie das Display kaum erkennen konnte, sie sah ja so schlecht. Schließlich fand sie den Sender. „Der Blindgänger hat eine Leitung lahmgelegt. In einigen Haushalten ist die Stromversorgung unterbrochen. Im Bereich Invalidenstraße müssen Autofahrer mit Behinderungen rechnen.“

„Mist,“ rief die Taube Nuss, „jetzt muss ich einen Umweg fahren! Und dann kommt nacher auch noch mein Onkel mit, auf den hab ich gar keine Lust. Der ist irgendwie seelisch verkrüppelt und ziemlich konservativ – auf dem rechten Auge total blind!“.

„Ach weißt Du, sein Verstand geht halt am Stock“, versuchte die blinde Kuh zu beschwichtigen. „…Ok, ich gebe zu, der Vergleich hinkt. Im Grunde kann er Dir doch den Buckel ‚runterrutschen. Ein bisschen tust Du mir aber schon leid.”

„Naja, lieber arm dran als Arm ab“, lachte die Taube Nuss.

„Na dann zisch ab, meine Taube, oder ich mach Dir Beine“, grinste die Blinde Kuh. Die Taube Nuss nahm ihre Jacke vom Stummen Diener und verabschiedete sich.

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