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Eine Behinderung spielen? Eddie Redmayne und der Oscar

Von
Eddie Redmayne auf der Bühne mit einem Oscar in der Hand

Quelle: Welt.de

Für die Darstellung von Stephen Hawking im Kinofilm “Die Entdeckung der Unendlichkeit” bekam Eddie Redmayne einen Oscar. Im Netz diskutierte man über das Phänomen, dass wieder ein nicht behinderter Schauspieler einen Preis für die Darstellung einer Behinderung bekommt. Ninia LaGrande erklärt, warum sie in einem Biopic über ihr eigenes Leben am liebsten von Drew Barrymore verkörpert würde.

Dieser Artikel kitzelte schon lange in den Fingern. Durch die aktuelle Auszeichnung Eddie Redmaynes mit dem Oscar für die beste männliche Hauptrolle hatte ich endlich einen aktuellen Anlass mir das ganze Thema mal wieder durch den Kopf gehen zu lassen. Redmayne spielte den Physiker Stephen Hawking in dem Film „Die Entdeckung der Unendlichkeit“, und zwar sehr überzeugend. Jedoch drängt sich mir der Gedanke auf, dass seine schauspielerische Leistung nicht der einzige Grund für die Auszeichnung war.

In der ganzen Oscargeschichte machte es sich immer gut, wenn jemand einen Menschen mit Behinderung spielt. Aber: Wo sind eigentlich die SchauspielerInnen mit Behinderung? Vielfalt scheint für die Academy, die jedes Jahr über die Vergabe der Oscars entscheidet, ein Fremdwort zu sein: 20 von 20 SchauspielerInnen, die dieses Jahr nominiert waren, waren weiß. 94 Prozent der Mitglieder der Academy sind weiß. 77 Prozent sind männlich. Wie viele Mitglieder eine Behinderung haben, lässt sich leider nicht herausfinden. Ich fürchte aber, die Zahlen werden auch hier nicht besonders positiv ausfallen.

Nicht authentisch genug?

Innerhalb der „Inklusionsszene“, was vielleicht so etwas wie der „Netzfeminismus™“ ist, wird oft darüber diskutiert, wie Menschen mit Behinderungen in den Medien dargestellt werden. Dazu gehört natürlich auch die Diskussion, welche Rollen im Fernsehen und Kino eigentlich von nicht behinderten SchauspielerInnen dargestellt werden und welche von SchauspielerInnen mit Behinderung. Einige sind der Meinung, dass SchauspielerInnen, die selbst keine Behinderung haben, ein Leben mit Behinderung nicht nachvollziehen können und deshalb nicht authentisch darstellen können. Das Argument: Sie würden ein falsches Bild eines Menschen mit Behinderung zeigen. Außerdem wird der Vergleich zum so genannten „Blackfacing“ gezogen mit „blacking up“ versus „cripping up“. Die rassistische Tradition des Blackface lässt sich aus meiner Sicht nicht mit der Darstellung von Menschen mit Behinderungen vergleichen, es handelt sich hierbei um zwei völlig verschiedene Dinge.

Mir geht diese Forderung nicht weit genug. Na klar, ein Schauspieler wie Eddie Redmayne, der sonst durch die Gegend läuft, weiß nicht, wie man in einem Rollstuhl sitzt, wenn man auf ihn angewiesen ist. Das ist sicher ein Problem der Authentizität. Aber: Dann lässt er sich das eben zeigen:

Für seine Rolle arbeitete der gebürtige Londoner hart: Über Monate studierte er Hawkings Nervenkrankheit ALS, traf sich mit Betroffenen, sprach mit Ärzten, trainierte seinen Körper mit einer Choreographin und las und schaute alles, was ihm über den Physiker in die Finger kam. (Welt.de)

Mit jedem anderen Kram, den die Rolle erfüllen muss, beschäftigt er sich im Vorfeld ja auch. Und wenn es für diese Rolle einen passenden Schauspieler gibt, der im Rollstuhl sitzt, dann bekommt er die Rolle. Das ist auch schön! Was ich damit sagen möchte: Eddie Redmayne ist auch kein Physiker. Und er hat trotzdem einen gespielt. ChrisTine Urspruch ist auch keine Ärztin. Und hat trotzdem eine gespielt. Ich glaube, sie ist auch keine Pathologin, wie im Münsteraner Tatort, aber das macht sie, wie alles, sehr überzeugend. Wenn ich mal sehr berühmt werde und mein Leben verfilmt würde, dann muss ich nicht unbedingt von einer Schauspielerin verkörpert werden, die auch kleinwüchsig ist. Ich würde mir wünschen, dass es Drew Barrymore macht, aber die müsste ich erst fragen. Wenn sie aber in der Lage ist, mich insgesamt super darzustellen, dann soll sie das tun. Das ist ihr Job. Dinge spielen, die eigentlich nicht ihrem Charakter, Erscheinungsbild und Erfahrungen entsprechen. Aleksander Knauerhase hat dazu schon vor einiger Zeit einen guten Artikel geschrieben:

[…]Eines darf man hier nämlich nie vergessen: Kennst Du einen Menschen mit Behinderung kennst du genau diesen einen. Nicht jeder Rollifahrer, blinde Mensch oder autistischer Mensch ist gleich. Wir sind alle unterschiedlich und so wird immer jemand sagen: Das war aber nicht realistisch gespielt.

Es gibt nicht genug SchauspielerInnen mit Behinderung

Was ich mich aber frage: Welche bekannten SchauspielerInnen mit Behinderung gibt es überhaupt? Tja. So viele nämlich nicht. Na klar, da ist eine ChrisTine Urspruch, ein Rolf Brederlow und ein Erwin Aljukic und in den USA fällt einer vielleicht als erstes Peter Dinklage aus „Game of Thrones“ ein. Und wenn es dann doch mal einen Film über einen Menschen mit Behinderung gibt, dann ist es – zumindest leider immer noch im deutschen TV – der zu bemitleidende beste Freund, die Tochter, die einen tragischen Unfall hatte oder die bedauernswerte Schwester, die eine angeborene Behinderung hat. Die Filme, in denen ein Mensch mit Behinderung im Mittelpunkt steht, kann man an einer Hand abzählen und diese drehen sich dann trotzdem in der Hauptsache um die Behinderung und nicht um die Suche nach der großen Liebe und nach dem aufregenden Abenteuer. Zum Beispiel: “Irgendwo in Iowa”, in dem der (dafür natürlich mit dem Oscar nominierte) Leonardo DiCaprio auf Grund seiner Behinderung nur für Probleme und Einschränkungen der anderen ProtagonistInnen sorgt. Oder, noch aktuell: “Ziemlich beste Freunde” – ein Film, der trotz schöner Geschichte, immer noch den Fokus auf die Behinderung des Hauptdarstellers legt. Es geht aber auch besser: Laura Gehlhaar hat den Film “Der Kotzbrocken” (ARD) gesehen, der sie dann doch überrascht hat.

Meine Theater-AG war inklusiver als die Filmbranche 

Das bedeutet für mich im Umkehrschluss, dass SchauspielerInnen mit Behinderung viel, viel mehr in die Branche eingebunden werden müssen. Das fängt damit an, dass Schauspielschulen in den meisten Fällen nicht inklusiv sind – außer z.B. in Ulm -, und auch Hollywood sich für SchauspielerInnen und ProduzentInnen mit Behinderung öffnen sollte, wie es die Regisseurin Jen McGowan schon fordert.

Ich habe, als ich noch viel mehr Flausen im Kopf hatte, auch darüber nachgedacht, Schauspielerin zu werden und war, so lange ich denken kann, Mitglied der Theater-AG. Ich habe die letzten drei, vier Jahre immer die weibliche Hauptrolle gespielt. Wir haben alle nicht darüber nachgedacht, dass ich über einen halben Meter kleiner bin als die „Prinzen“ und „Helden“, die sich um mich bemühten. Wir haben es einfach gemacht. Und deshalb war dieser Gedanke in meinem Kopf, das mal beruflich zu machen, gar nicht so abwegig. Bis ich bei genaueren Recherchen darauf kam, dass ich bei einer Oscar-Jury, die so vielfältig ist wie ein Wald voller Fichten, niemals eine Auszeichnung bekommen hätte. Auch heute noch würde niemand eine kleinwüchsige Julia besetzen. Außer, das Haus „wagt“ mal was. Und letztendlich würde ich dann wieder nur den Zwerg spielen. Also habe ich mich dann doch umentschieden.

Stinknormale Rollen sind für alle da

Wenn also ein Eddie Redmayne eine Auszeichnung für eine Rolle bekommt, die neben vielen anderen Eigenschaften auch eine Behinderung hat, und er diese Rolle sehr gut verkörpert hat, wie auch Stephen Hawking bestätigt hat, dann ist das aus meiner Sicht völlig ok. Wenn er für diese Rolle nominiert wird, weil er sie gut gespielt hat, ist das auch ok. Wenn er aber nur in den Fokus der Academy kommt, weil er jemanden spielt, der vermeintlich „anders“ ist, dann ist das todtraurig und peinlich.

Screenshot: https://www.facebook.com/stephenhawking/posts/787167211370378

Quelle: Facebook.com

Wir haben das Jahr 2015. Es wird endlich Zeit, dass wir auch stink“normale“ Rollen mit SchauspielerInnen mit Behinderung besetzen. Dass irgendein Typ in irgendeinem Film vielleicht Apotheker ist, Federn sammelt und im Rollstuhl sitzt. Oder dass irgendeine Frau in irgendeinem Film gerne Ringelstrumpfhosen trägt, als Chemikerin arbeitet und einen Arm hat. Und dass wir uns über die Besetzung und Auszeichnung von SchauspielerInnen, die das Leben mit Behinderung nicht kennen, überhaupt nicht mehr aufregen müssen, weil es genug andere, präsente SchauspielerInnen mit Behinderung gibt, die gleichberechtigt in die Branche eingebunden sind.

Weitere Stimmen zum Thema

Guardian 

There’s a theory of why non-disabled actors playing disabled characters leads to success: audiences find it reassuring. Christopher Shinn, a playwright who had a below-the-knee amputation, describes the act of watching a disabled character being played by an actor who we know is really fit and well as allowing society’s “fear and loathing around disability” to be “magically transcended”. When it comes down to it, Shinn says, “pop culture is more interested in disability as a metaphor than in disability as something that happens to real people”.

Slate.com, Scott Jordan Harris

When disabled characters are played by able-bodied actors, disabled actors are robbed of the chance to work in their field, and the disabled community is robbed of the right to self-representation onscreen. Imagine what it would feel like to be a woman and for the only women you ever saw in films to be played by men. Imagine what it would feel like to be a member of an ethnic minority and for the only portrayals of your race you ever saw in films to be given by white people. That’s what it’s like being a disabled person at the movies.

Telegraph, Rob Crossan:

Because, even if an actor with a genuine disability were to play the role of Hawking in The Theory of Everything they would still have to deal with the quite horrifyingly sentimental script which climaxes in a dream sequence where Hawking stands up and walks across a lecture theatre to retrieve a pen from the ground. (…) What we’re expected to believe here is that, for all the quite devastatingly advanced discoveries made by Hawking about the universe, and our role in it, we are supposed to believe that the best thing that could possibly ever happen to him is not to make another scientific breakthrough about black holes, but to simply stand up and have a stroll around the room.

Indiatoday, Ananya Bhattacharya

A few months back, ALS was quite the hot topic, thanks to the various versions of the Ice Bucket Challenge doing the rounds of the internet. Six months down the line, we have a contender for popularity, as far as ALS is concerned – the Hawking story. Acknowledging lives and families broken by disease and disability is something that the Oscars needs to be thanked for. And the filmmakers, and the actors, too, who shed their own selves and faced the cameras as an Alice or a Stephen, and helped the world sit up and realise the art of creating art that imitates life, something that they did so well.

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  • Melina Perez
  • Frank Spanderuska

    Es geht nicht nur um stinknormale Typen – es geht auch um Klassiker der Weltliteratur: warum kann Hamlet nicht von einem Kleinwüchsigen oder einem Rollstuhlfahrer verkörpert werden!? Und warum keine kleinwüchsige Julia!? Wenn ich nur ausgesuchte Normalorollen spiel, brauch ich auch gar nicht mehr ans Theater gehen (dort geht es ja vor allem auch um die Klassiker). Ich, kleinwüchsig selbst hab nicht nur einen der sieben Zwerge in einem Kurzfilm verkörpert, sondern auch einen Gemüseladenbesitzer in einem anderen Kurzfilm gespielt. Präziser gesagt bräuchte es nicht nur mehr Schauspieler mit Behinderungen sondern auch Drehbuchautoren und Regisseure mit Behinderungen (denn wer denkt denn über einen Schauspieler mit Einschränkung nach, solang jener oder jene nicht aussergewöhnlich gut ist). By the way, es gibt schon ein Beispiel für einen Behinderten, der einen Normalo spielt: Michael J. Anderson in Mullholland Drive. P.S.: Der Satz zu Drew Barrymore ist a bisserl deplaziert.

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