Diskussionen im Büro: Ein Exoskelett bei der Fußball-WM

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Am 12. Juni ist es endlich soweit. In Brasilien startet das größte Event um einen kleinen Ball, der die ganze Zeit getreten wird. Auch bei uns im Büro ist die Fußball-WM ein Thema und neben den Spielen interessiert uns dieses Mal besonders die Eröffnungsfeier. Denn zum ersten Mal wird Fußball mit Behinderung verknüpft und die WM durch einen querschnittsgelähmten jungen Mann  im Exoskelett eröffnet. Aber was ist genau die Botschaft? Ein paar Gedankengänge aus dem Sozialhelden-Büro.

Das Exoskelett ist eine mechanische Hilfestellung für Menschen, um Körperbewegungen zu verbessern und zu optimieren. Eigentlich wurde es für das Militär entwickelt, damit Soldaten und Soldatinnen mehr Gewicht tragen können, wie man es in dem Film G.I. Joe sieht. Heutzutage werden Exoskelette aber auch entwickelt, um Menschen mit Behinderungen zu unterstützen, um beispielsweise wieder Treppen laufen zu können oder, wie bei der Eröffnungsfeier der Fußball-WM, einen Lederball zu kicken. Denn dieser Traum soll einem brasilianischen Jugendlichen erfüllt werden. Die Medizin beschäftigt sich schon seit Jahrzehnten mit technologischen Hilfsmitteln, die ein körperliches “Defizit” ausgleichen sollen. Eines der bekanntesten und umstrittensten Beispiele ist dabei wohl das Cochlea-Implantat, welches Menschen mit Hörbeeinträchtigungen “das Hören” erleichtern/ermöglichen soll. Ob das nun der richtige Weg ist, bleibt sehr diskussionswürdig. Befürworter sprechen von einer Hilfe im Alltag, um zu kommunizieren und Gegner sehen diese Technik als eine Art Manipulation, ein Ausweichen von den eigentlichen Barrieren (z.B. Gebärdensprache und Untertitelungen von Fernsehserien). Das Exoskelett geht in eine ähnliche Richtung, weil es nicht die Barriere abbaut, sondern den Menschen so anpasst, dass er eine Stufe überwinden kann. Was wäre nun aber besser: Eine Rampe oder ein Fahrstuhl, der für alle nutzbar ist, oder ein Exoskelett für ca. 100.000 Euro für einen Menschen?

Überholt der technische Fortschritt die Inklusion?

Die technische Entwicklung lehnen wir natürlich nicht ab, weil sie auch schon an anderen Stellen geholfen hat, wie einigen Kollegen und Kolleginnen aus dem Büro: Durch seinen elektronischen Rollstuhl kann Raul seine Arbeit und seinen Alltag flexibler gestalten; Adinas Rollstuhl ermöglicht ihr dank seines Restkraftverstärkers viel mehr Mobilität, die mit einem manuellen Rollstuhl nicht möglich wäre. In manchen Fällen kann ein Exoskelett auch eine gute Alternative zum Rollstuhl sein, weil es die Bewegungen bei gewissen Behinderungen besser unterstützt als das bloße Sitzen im Rollstuhl. Auf der anderen Seite führt der technische Fortschritt auch zu einem Glauben an die “Wunderheilung”. Das “normale Leben” kann wieder gelebt werden, weil der Mensch durch Technik an seine Umwelt angepasst wurde. Aber was ist mit Menschen, die vielleicht aus finanziellen Gründen oder aus persönlichem Anlass nicht auf diese Technik zurückgreifen möchten? Besteht nicht die Gefahr, dass der inklusive Gedanke verspielt wird, wenn die Gesellschaft davon ausgeht, dass ja jeder Mensch sich selbst durch Technik optimieren kann, anstatt dass die Gesellschaft sich dem Menschen anpasst? Der Glaube an Technik darf nicht vergessen lassen, dass es Barrieren gibt, die nur mit gesellschaftlichen Veränderungen überwunden werden können.

Zwei Welten prallen aufeinander

Zurück zur Eröffnungsfeier der Fußball-WM. Hier wird nun also ein querschnittsgelähmter junger Mann mithilfe des Exoskeletts nah bei seinen Fußball-Idolen stehen. Wir werden ihm zujubeln, weil er als behinderter Mann das Thema Behinderung weltweit auf die Mattscheibe bringt; weil er sich als junger Mann seinen großen Traum erfüllt. Wir fragen uns aber dennoch, ob die Mehrheit der Zuschauer und Zuschauerinnen ihm vor allem nur deshalb zujubeln, weil er es durch hochmoderne Technik geschafft hat, einen Schritt in die “Normalität” zu gehen? Im Applaus sollte nicht untergehen, dass wir viel mehr darüber diskutieren sollten, wie wir eine inklusive Gesellschaft gestalten könnten, die Barrieren auf allen Ebenen abbaut, statt die Heilung nur in der Technik zu suchen.

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