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Die Medien enthindern – warum behinderte Journalistinnen und Journalisten wichtig sind.

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Eine Wendeltreppe von unten nach oben. (Foto: Christian Laukat / www.jugendfotos.de, CC-Lizenz(by-nc))

Foto: Christian Laukat / www.jugendfotos.de, CC-Lizenz (by-nc)

Was wäre, wenn in den Redaktionen Menschen mit Behinderungen sitzen würden? Wären die Beiträge zum Thema Behinderung dann automatisch besser? Nicht zwingend, meint Rebecca Maskos – denn Journalistinnen und Journalisten mit Behinderungen sind nicht auf das Thema Behinderung festgelegt. Dennoch können behinderte Medienschaffende zu einer inklusiven Öffentlichkeit beitragen.

„Wenn sie moderiert muss ich wegschalten, sonst bekommt mein Kind Albträume!“ Solche Beschwerden von Eltern bekam die BBC, als sie im Jahr 2009 die Moderatorin Cerrie Burnell im Kinderprogramm auf Sendung brachte. Denn Cerrie Burnell hat nur eine Hand, von Geburt an fehlt ihr der rechte Unterarm. Eine Kontroverse entspann sich im sonst so liberalen Großbritannien: Sind körperbehinderte Moderatorinnen eine Zumutung für das Publikum, besonders wenn Kinder darunter sind? Am Ende blieben die ablehnenden Stimmen in der Minderheit. Die BBC stand zu ihrer Mitarbeiterin – sie moderiert auch heute noch im BBC Kinderkanal „CBeebies“.

Auch das südkoreanische Staatsfernsehen sieht kein Problem in der Behinderung ihrer Nachrichtensprecher. Seit kurzem präsentiert Lee Tschang Hoon dort die Nachrichten. Hoon ist blind und liest seine Texte von einem deutlich sichtbaren Lesegerät für Blindenschrift ab, seine Behinderung wird nicht versteckt. Bislang sind die Reaktionen der Zuschauer positiv.

Behinderte ModeratorInnen höchstens im „Behindertenfernsehen“

Von einer Haltung wie der der BBC und des Südkoreanischen Fernsehens sind wir in Deutschland weit entfernt. Moderatorinnen und Moderatoren mit Behinderung sind hier nach wie vor eine Seltenheit – und wenn sie vor die Kamera dürfen, dann höchstens im Nischenprogramm des „Behindertenfernsehens“. Dessen Sendeplätze findet man meist in Spartenkanälen zu unattraktiven Zeiten wie zum Beispiel sonntagvormittags. Zur Hauptsendezeit, in ARD, ZDF oder bei den großen Privatkanälen, erscheinen nach wie vor ausschließlich genormte Körper. Zu sehr scheuen deutsche Funkhäuser Reaktionen wie die der britischen Eltern auf Cerrie Burnell, zu viele Bedenken gibt es bei einer sichtbaren körperlichen Besonderheit. Das zeigte auch die Debatte um die Rückkehr von Monica Lierhaus ins Programm der ARD im Jahr 2011. Denn im Journalismus sind Menschen mit Behinderungen generell immer noch exotisch.

Hürden für JournalistInnen mit Behinderungen

Egal ob Print, Hörfunk, Online oder TV – behinderte Menschen arbeiten dort kaum, und wenn, dann zumeist in redaktionellen oder zuarbeitenden Jobs im Hintergrund. Die Gründe sind vielfältig. Vor allem der Zugang zu Berufen in den Medien ist für behinderte Menschen schwer. Von Journalistinnen und Journalisten wird heute eine Menge erwartet. Zunächst einmal normalerweise ein Studienabschluss – allein das ist für die meisten Menschen mit Behinderungen schwer zu realisieren. Schließlich ist für sie schon die Chance auf das Abitur im „Land der Sonderschulen“ bislang gering. Weiter geht es mit den unverzichtbaren Praktika. Viele Redaktionen sind nicht barrierefrei.

„Können wir jemanden mit Behinderung zu einem Presse-Termin schicken?“

Und darüber hinaus gibt es dort oft grundsätzliche Bedenken: Können wir jemanden mit Behinderung zu einem Presse-Termin schicken? Wie schnell und kurzfristig geht das? Wie belastbar ist ein Mensch mit Behinderung? All das sind Vorbehalte, die in vielen Unternehmen auftauchen. Im Bereich Medien sind die Anforderungen an Belastbarkeit und Flexibilität der Mitarbeitenden zudem besonders hoch. Dass trotzdem eine Reihe von behinderten Menschen erfolgreich in den Medien arbeitet zeigt jedoch, dass all das kein grundsätzliches Problem sein kann. Wie in allen Organisationen sollte es in Redaktionen bald ein „lösungsorientiertes“ Umdenken geben: Statt von vornherein ihre Mitarbeit auszuschließen könnte man behinderte Bewerberinnen und Bewerber auch einladen und zusammen nach Wegen suchen: „Wie können Sie hier mitarbeiten?“, „Was brauchen Sie?“, „Welche Tätigkeiten sind für Sie machbar, welche nicht?“ So ein Gespräch wäre einfach zu führen.Doch in vielen Redaktionen sind die Berührungsängste noch genauso groß wie überall sonst in Deutschland. Schließlich kennen die meisten Journalistinnen und Journalisten kaum Menschen mit Behinderungen persönlich, schon gar nicht beruflich – ein Teufelskreis.

Behinderte JournalistInnen bereichern um neue Perspektiven

Auch als ich anfing, als Journalistin zu arbeiten, begegneten mir viele Bedenken. Zum Glück traf ich immer auf genug angstfreie Kolleginnen und Kollegen, die meine Qualitäten sahen und die sich von ihrem berufseigenen Wagemut und Interesse am Neuen leiten ließen. Diese Haltung sollte Schule machen. Nicht nur, dass behinderte Menschen wie alle ein Recht darauf haben sollten, ihren Berufswünschen nachgehen zu können. In diesem Sinne haben die Medien genau wie andere Bereiche die Aufgabe, Inklusion auch in ihren Häusern umzusetzen. Journalistinnen und Journalisten mit Behinderung könnten außerdem einen Beitrag leisten zu einer inklusiven Öffentlichkeit. In der könnte es normal werden, behinderte Menschen zu hören, zu sehen und ihre Texte zu lesen – das könnte Unsicherheiten abbauen helfen.

Genauso wichtig wäre aber auch der inhaltliche Gewinn. Man stelle sich vor: eine Redaktion wäre ausschließlich mit Männern besetzt. Wie viele Blinkwinkel, Themenvorschläge, Einwände würden da fehlen – das Produkt wäre wahrscheinlich ziemlich einseitig. Beim Thema Behinderung ist es ähnlich: Vielen Texten über Behindertenpolitik, Gleichstellung und bioethischen Fragen merkt man an, dass die Schreibenden nicht selbst betroffen sind und sie ihre Außenperspektive auf das Thema projizieren. Vielleicht wäre das mit einem behinderten Kollegen in der Redaktion anders. Der würde vielleicht nicht automatisch immer über Behinderung berichten – möglicherweise schreibt er viel lieber über Fußball und Finanzkrise. Aber er hat eine Meinung in der Redaktionssitzung, er hat einen Alltag, von dem die nichtbehinderten Kolleginnen und Kollegen etwas mitbekommen. Und es kann eine Normalität entstehen, die sich auf eine ausgewogene Berichterstattung zum Thema Behinderung auswirken könnte.

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