Die Bloggerin Julia Probst liest nicht nur von den Lippen ab, sondern auch viele Artikel. Dabei fällt ihr im Zusammenhang mit Gehörlosigkeit auf, dass Journalist*innen die Protagonist*innen manchmal viel „stummer“ beschreiben, als diese eigentlich sind. Für Leidmedien.de hat Julia Probst einen ihrer Blogbeiträge zur Verfügung gestellt.

 

Liebe Medienschaffende, mir ist aufgefallen, dass ich einige Zugriffe aus der Medienbranche auf meiner Seite habe – danke dafür! Ich dachte mir, dass dies eine gute Gelegenheit sein könnte, mal ein Wort für die Medienbranche auf die „Blacklist“ zu setzen, damit es nicht mehr verwendet wird. Es handelt sich um das Wort „taubstumm“, welches leider immer noch in Berichten verwendet wird, wenn es sich um Gehörlose handelt.

Dazu muss ich folgendes sagen: Gehörlose sind nicht stumm. In keinster Weise. Der Anteil der Gehörlosen, die wirklich nicht lautsprachlich kommunizieren können, ist verschwindend klein. Dennoch sind diese Gehörlosen ohne lautsprachliche Kommunikationsfähigkeit nicht stumm – sie haben immer noch die Gebärdensprache. Das Wort stumm sagt doch aus, dass man ohne jede Sprache ist, was in dem Fall und auch auf lautsprachliche Gehörlose nicht zutreffend ist. Gehörlose können in der Regel lautsprachlich kommunzieren, doch ist ihre Stimme je nach Hörfähigkeit nicht melodisch, sondern eher monoton und grell. Anders eben. Aber die Sprache ist vorhanden. Über das Niveau dieser Sprache zu urteilen, ist wieder ein anderes Thema, aber es bessert sich dank des besseren Bildungsniveaus für Gehörlose.

Verwendet doch besser den Begriff „gehörlos“ oder „taub.“ Damit kann man sich besser identifizieren und empörte Leserbriefe an die Redaktion bleiben auch aus. Ich würde mich freuen, wenn es ein Anstoß für den einen oder den anderen war!

Nachtrag: Fast ein Jahr später erlaube ich es mir, noch einen anderen Hinweis einzubauen! Oft liest man in den Artikeln von einem „Gebärdendolmetscher“, was so nicht stimmt. Die Sprache der Gehörlosen heißt Gebärdensprache, also heißt der/die Dolmetscher*in auch Gebärdensprachdolmetscher*in!

Und noch ein Nachtrag: Hier der Kauf und Lese-Tipp Hinweis zum Duden, der auch die Empfehlung ausspricht, statt „taubstumm“ das zutreffendere „gehörlos“ zu verwenden! Und im Dialog mit meinen Followern habe ich gelernt, dass „taub“ bei den meisten Menschen Erinnerungen an „taube Nuss“ weckt, was eher negativ besetzt ist. Bei den meisten Gehörlosen aber ist das Wort „taub“ neutral besetzt, weil es nur sagt: „Man kann nicht hören, fertig.“ Also ist es eigentlich kein schlimmer Fettnapf, aber die Assoziation unter Hörenden mit „taub“ ist negativer besetzt als unter Gehörlosen. Völlig fettnapffrei in der Berichterstattung wäre also „gehörlos“. Nur zu, verwendet ihn, seit mutig und fortschrittlich, liebe Medien!

Ein letzter Nachtrag: Da in der Kürze die Würze liegt:

  • No Gos: Taubstumm, Taubstummensprache, Gebärdendolmetscher, Zeichensprache
  • Gos: taub, gehörlos/Gehörlose, schwerhörig/Schwerhörige, hörbehindert, Gebärdensprache, Gebärdensprachdolmetscher…

Titelbild: Liv Stephan / www.jugendfotos.de, CC-Lizenz (by-nc-nd)