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„Teilzeit behindert“ – Ein Journalist erzählt von seiner Zeit mit dem Burnout

Von
Dunkler Holztisch mit aufgeschlagenem Buch, offenem Filzstift und ausgeblasenen Kerzen

Foto: Julius T. (jussbaer) / www.jugendfotos.de „da liegt’s“, CC-Lizenz(by-nc)

Der Job kickt mit immer neuen Aufträgen, das Geld stimmt und vor allem das eigene Selbstwertgefühl. Doch eines Tages bricht der freiberufliche Journalist Jens Brehl zusammen und erkennt: Ich bin „teilzeit behindert“ geworden. Auf Leidmedien.de erzählt er von seiner Erfahrung mit dem „Burnout“, über das er gerade ein Buch schrieb.

Krank und behindert waren für mich ausschließlich die anderen. Ich selber war jung, strotzte vor Energie und arbeitete am liebsten rund um die Uhr. 2008 war mein Jahr voller beruflicher Erfolge – bis zum großen Knall. Diagnose: depressives Erschöpfungssyndrom oder umgangssprachlich „Burnout“. Der vierte Zusammenbruch in einem Jahr war endgültig; in meinem Kopf ging das Licht aus. Auf einmal war ich es, der alles neu lernen musste, auf Hilfe angewiesen war und beispielsweise fast damit scheiterte, einen Geldautomaten zu bedienen. Plötzlich fühlte ich mich aufgrund meiner Krankheit an den Rand der Gesellschaft gedrückt. Im Sommer 2008 gelang es mir kaum noch meinem Selbstbild vom unfehlbaren Leistungsträger zu entsprechen. Warum, war mir zunächst schleierhaft und im Grunde auch egal. Ich fühlte mich schlapp, schlief schlecht und Magenschmerzen waren meine ständigen Begleiter.

Doch mein Auftragsbuch quoll über und meine wöchentliche Arbeitszeit hatte schon lange die 50-Stunden-Marke geknackt. Ich hatte schlicht keine Zeit, um mir Gedanken über meine Wehwechen zu machen. Außerdem gefiel es mir, müde und ausgelaugt zu wirken. In meinen Augen verdeutlichte es, dass ich ein erfolgreicher und gefragter Freiberufler war. Sämtliche Probleme konnte ich zu jeder Zeit im Alleingang bewältigen und ja, ich legte es sogar auf ausweglos erscheinende Situationen an. Hier halste ich mir Arbeiten auf, die einer alleine kaum bewältigen konnte, nur um hinterher als „Held“ dazustehen, wenn ich im letzten Moment meine Ergebnisse präsentierte. Kurz gesagt, ich brauchte den Kick. Doch leider hielt das Hochgefühl nie lange an. Im Alter von 28 Jahren befand ich mich in meinem bislang größten Schaffensrausch und die „Party“ konnte ewig so weitergehen.

Vom Gutverdiener zum Hartz-IV-Empfänger

Zu dieser Zeit war es für mich absolut unvorstellbar ernsthaft zu erkranken. Folglich traf ich keine Vorkehrungen. Obwohl ich so viel Geld wie noch nie in meinem Leben verdiente, konnte ich aufgrund von einem kleinen Schuldenberg keine Rücklagen bilden. Dies sollte sich als fatal erweisen, denn schon bald sollte ich vom Gutverdiener zum Hartz-IV-Empfänger absteigen. Ich begann einen Anfängerfehler an den anderen zu reihen, schrieb beispielsweise in einem Pressetext den Unternehmensnamen eines Auftraggebers falsch. Wenn das Telefon klingelte, packten mich Panikattacken. „Welche neue Katastrophe erwartet mich?“ Mein Herz schlug dann dermaßen heftig, als wolle es aus meiner Brust springen. Zudem ließ mich mein Gedächtnis immer häufiger im Stich. Es kam vor, dass ich den kompletten Inhalt eines Telefongesprächs in der Sekunde vergaß, in der ich den Hörer auflegte. Was sollte ich tun? Ich konnte doch kaum meinen Gesprächspartner anrufen und ihn fragen, was wir vor zehn Sekunden besprochen hatten. Mit allerletzter Kraft versuchte ich meine Fassade aufrecht zu erhalten. Schwäche konnte und wollte ich nicht zeigen, unter anderem aus Angst meine Auftraggeber zu verlieren.

Im Dezember 2008 war mit einem Schlag alles vorbei und mein Leben lag in Trümmern zu meinen Füßen. Meine Aufgabe war simpel. Ich sollte einen Pressetext schreiben, wobei ich über alle nötigen Informationen verfügte, es eine ausführliche Besprechung gab und ich die ersten Formulierungen bereits im Kopf hatte. Doch ich konnte sie nicht tippen. Es erschien ein völlig wirrer Text auf dem Monitor. „So fühlt es sich also an verrückt zu werden“ war mein einziger „klarer“ Gedanke. Hilflos fiel mein Blick auf das Telefon. Ich fragte mich ernsthaft, ob ich die Polizei oder doch lieber die Feuerwehr anrufen sollte. Irgendjemand musste ich ja Bescheid sagen, oder?

Schließlich wandte ich mich an eine Kollegin, der ich mit Tränen in den Augen gestand, am Ende zu sein. Meine Situation empfand ich als ausweglos und ich erkannte keinen Sinn mehr in meinem Leben. Die ganze Welt nahm ich nur noch in Grautönen wahr. Wenn ich einen lustigen Film sah, dachte ich „jetzt musst du lachen“ und verzog dennoch keine Miene. Ich bewegte mich wie durch einen zähen Wackelpudding. Jegliche Tätigkeit kostete immense Kraft. Kurz gesagt, befand ich mich in einer schweren depressiven Phase. Ich konnte nicht arbeiten und fühlte mich daher wie ein nutzloser Esser. Meinen Platz in der Gesellschaft schien ich verloren zu haben. Mit 28 Jahren war mein Leben also vorbei und ich dachte ernsthaft an Selbstmord. Einmal legte ich es darauf an, tödlich zu verunglücken.

Zurück auf Null und die Frage nach dem Warum

Der Neurologe bestätigte, was ich schon längst wusste. Er konnte mir nicht helfen. Er wies mich in eine Psychosomatische Klinik ein, in der ich im Frühjahr 2009 sieben Wochen verbringen sollte. Hier erkannte ich erstmals meine Arbeitssucht und begab mich auf die Suche nach meinem wahren Selbst. Wer bin ich überhaupt, was sind meine Fähigkeiten und was meine Wünsche? Zurück in meiner Heimatstadt Fulda folgte ein weiterer langer Abschnitt meiner Genesung. Alle Menschen um mich herum bewegten sich scheinbar so schnell, als würde ein Film vorgespult. Ich war noch lange nicht arbeitsfähig und in vielen Momenten schlicht überfordert. Es folgten in den nächsten Monaten noch mehrere depressive Phasen. Bewusst verzichtete ich die ganze Zeit auf Medikamente, die mich betäuben und meine Probleme nicht lösen würden.

Meine temporären Behinderungen äußerten sich meist während der bereits erwähnten emotionalen Tiefpunkte. Dann war mein Kopf voller Watte, ich war ungeschickt und unsicher. Beim Geldabheben fiel es mir schwer mich an meine Geheimnummer zu erinnern. Ich vertippte mich zwei Mal, drückte anstatt „Korrektur“ auf „Abbruch“. Hinter mir bildete sich eine Schlange und ich begann am ganzen Körper zu schwitzen. Nach der Hürde mit der Geheimnummer wollte ich 30 Euro abheben. Dazu musste ich hoch konzentriert vor meinem inneren Auge die Zahl visualisieren. „Eine 30 besteht aus einer 3 und einer 0“, betete ich mir im Stillen vor, „erst die 3 und dann die 0“. Am liebsten hätte ich geheult, weil mir ein im Grunde banaler Vorgang solche Schwierigkeiten bereitete. Ich fühlte mich wie ein Schlaganfall-Patient, der mühsam alles neu lernen muss.

Meine Krankheit war unsichtbar, denn ich trug weder einen Arm im Gips, noch saß ich im Rollstuhl. Einerseits gefiel es mir unauffällig zu bleiben, andererseits erschwerte es aber auch den Umgang im Alltag. Ich wollte zu keiner Zeit wie ein Kleinkind oder wie ein rohes Ei behandelt werden, doch mitunter benötigte ich Hilfe, mehr Aufmerksamkeit oder schlichtes Verständnis. Viele Menschen haben im Falle von psychischen Erkrankungen Berührungsängste, die ich gut nachvollziehen kann. Doch was als „normal“ oder „verrückt“ empfunden wird, ist reine Definitionssache. Ich empfinde mittlerweile Teile unserer auf Lichtgeschwindigkeit beschleunigte Leistungsgesellschaft als verrückt. Und Hand aufs Herz: Nahezu jeder Mensch durchlebt Ängste und fühlt sich (zeitweise) überfordert. Es wird im Allgemeinen darüber aber nicht geredet. Raul Krauthausen sagte, jeder Mensch sei im Laufe seines Lebens einmal behindert und auf Hilfe angewiesen. Wie recht er damit hat.

Das Stigma wandelt sich zum Gewinn

Im Dezember 2010 gelang es mir ein neues Denken zu etablieren: Mein ehemaliges Kranksein sah ich nicht mehr als Makel, sondern als wertvolle Erfahrung an. Zudem veröffentlichte ich meinen ersten Artikel „Und plötzlich ging das Licht aus“, in welchem ich mich öffentlich mit Klarnamen von meinen Erlebnissen berichtete. Es war und ist ein kleiner Tabu-Bruch. Einige Zeit später fand ein Rollenwechsel statt: In meinem Wohnzimmer saß Melanie Stein vom NDR. Ein Kameramann und ein Tontechniker waren ebenfalls anwesend. Für das Medienmagazin Zapp entstand der Beitrag „Journalisten am Limit“ und ich sprach über meine ehemalige Arbeitssucht. Schon in den Vorgesprächen klärten wir ab, inwieweit die Journalistin mir persönliche Fragen stellen durfte – schließlich redeten wir auch über meine damaligen Selbstmordabsichten. Durch das behutsame Vorgehen entstand Vertrauen, was für mich die ungewohnte Interviewsituation erleichterte. Erst einmal zuvor hatte ich dem regionalen Nachrichtenportal Osthessennews ein Video-Interview gegeben. Auch hier nahm mir die Journalistin geschickt einen großen Teil meiner anfänglichen Nervosität.

Durch das Erlebte machte ich mir viele Gedanken darüber, wie ich mit meinem Mitmenschen privat und beruflich umgehe. Ich versuche aufmerksamer zu sein und meine empathischen Fühler auszustrecken. Wir begegnen immer wieder eigenen Berührungsängsten, die uns vielleicht zuvor gar nicht bewusst waren. Als ich Maria Langstroff im Gießener Pflegeheim interviewte erging es mir ebenso. Wie die junge Frau, habe ich meine Erlebnisse in einem Buch verarbeitet. In „Mein Weg aus dem Burnout – Der Stress-Falle entkommen, Lebenskunst entwickeln“ gebe ich weitere tiefe Einblicke in meine damaligen Gefühlswelten. Wenn wir eventuelle Unsicherheiten beim Namen nennen, tragen wir viel zum Miteinander auf Augenhöhe bei. Als verbindendes Element empfinde ich heute Verständnis für andere Lebenssituationen. Ob mit oder ohne Behinderung: Jeder Mensch hat schwache und starke Momente.

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