Tatort „Totenstille“ – Reaktionen Medien und Twitter

Screenshot vom Titelbild des Tatorts "Totenstill". Kommissar Devid Striesow schaut besorgt in die Kamera. Hinter ihm die Waldhütte, wo gerade der Mord an der gehörlosen Frau passiert ist.

Screenshot: daserste.de

Der Tatort „Totenstille“ (ARD) zeigte, was im deutschen Fernsehen endlich möglich ist in Sachen Inklusion: Gehörlose Rollen werden mit gehörlosen SchauspielerInnen besetzt (und sie spielen Hauptrollen sowie vielschichtige Charaktere) und Barrierefreiheit wurde durch Untertitel und Gebärdensprache, sogar Audiodeskription, erreicht. Dennoch gab es viele Stimmen im Netz, die die Handlung des Krimis in Frage stellten – wobei andere wiederum meinten „ist der Tatort nicht immer etwas unglaubwürdig?“. Ein Überblick über Meinungen auf Twitter und den Leitmedien.

Medien

Süddeutsche Zeitung

Was diesen Tatort von Zoltan Spirandelli und Autor Peter Probst dann zunehmend zäh macht, ist einerseits die spezielle Kommunikation. Eine Dolmetscherin wird in den Gesprächen zwischengeschaltet, das bremst natürlich, und gerade bei dieser Konstellation braucht man eine umso klarere Geschichte. Diese hier aber franst aus, es geht schließlich um Afghanistan und Syrien und die Ukraine, die Welt steht in Flammen wie Stellbrinks großes Herz. Ein Tatort also über verschiedene Arten des Sich-Verstehens. Und am Ende schauen sich alle ratlos an.

Zeit Online

Gehörlos meint nicht sprachlos: Eigentlich soll dieser Krimi aus der Welt der Gehörlosen wohl die vielen Ausdrucksmöglichkeiten zwischen Lippenlesen und Gebärdensprache ausdrücken – und doch wirkt die Pädagogik schwerfällig und unfreiwillig komisch. Gut gemeint kann richtig schlimm sein. (Christian Buß)

Das Bemühen der Filmemacher, mit Vorurteilen gegenüber Gehörlosen aufzuräumen und dem Publikum deren Welt und Wahrnehmung näherzubringen, ist von Beginn an spürbar. Spannung und Charakterzeichnung bleiben dabei aber auf der Strecke. (Lars-Christian Daniels)

Zeitonline (Blog Stufenlos)

Er stellt gehörlose Menschen mit ihrer eigenen Kultur und Sprache realistisch dar. Man lernt so viel über die Kommunikation zwischen Menschen, die nicht die gleiche Sprache verstehen und auch, dass Lippenlesen lange nicht genug ist, um zu kommunizieren, oder ein Polizeiverhör über sich ergehen zu lassen. Und er feiert die Gebärdensprache als das, was sie ist: Eine ziemlich schön anzusehende Sprache, die es sich lohnt zu lernen. (…) Es ist eine alte Forderung von tauben Menschen, doch endlich auch gehörlose Schauspieler in entsprechenden Rollen einzusetzen. Dem Saarländischen Rundfunk ist es gelungen, exzellente taube Schauspieler wie Jessica Jaksa, Benjamin Piwko und Kassandra Wedel zu finden, die man hoffentlich nun öfter im deutschen Fernsehen sehen wird. Vor allem Benjamin Piwko spielt die Rolle ausdrucksstark und durch und durch überzeugend.

Spiegel Online

Leider vertraut dieser „Tatort“, der sich einfühlsam und verständig, lässig und sogar ein bisschen sexy gibt, kaum dem Repertoire an Ausdrucksmöglichkeiten, das ein Gehörlosen-Krimi bereithalten könnte. Es sei denn, man hält es für einen Beweis von großem Einfühlungsvermögen, wenn sich Kriminalhauptkommissar Jens Stellbrink (Devid Striesow) nachts auf seiner Dachterrasse die Ohren zuhält, um Taubheit zu simulieren. Klar, so fühlt sich Gehörlosigkeit für Klein-Doofi an: Nix verstehen! (…)

Ein paar spannende Momente, die den hörenden Zuschauer in die Welt der Nichthörenden reinzieht, gibt es immerhin. Etwa als auf einer Beerdigung der Sohn des Toten in Tiraden über diesen ausbricht und Gebärdendolmetscherin sämtliche Schimpfworte in Zeichen übersetzt. Da ist, der Trauerfeier zum Trotz, Leben in der Bude. Ansonsten erfüllt der sehr, sehr ungeschickt gewählte Titel „Totenstille“ leider sein Versprechen: schrecklich sprachlos, dieser „Tatort“.

Faz

Weniger konventionell wird in „Totenstille“ aber vom Scheitern der Kommunikation der verschiedenen Menschen miteinander erzählt. Nicht jeder, der hören und sprechen kann, ist willens und in der Lage – wie Kommissar Stellbrink (Devid Striesow) auch in dieser Folge immer wieder unerbittlich lächelnd vorführt –, sich auch mitzuteilen; die Verständigung zwischen Tauben und Hörenden kann trotz Tablets und Gebärdensprachdolmetschern an kulturellen Barrieren hängenbleiben. (…)

Der Ausflug der Geschichte in das Leben gehörloser Menschen hält dagegen für die Zuschauer einige Überraschungen bereit, beispielsweise den vor dem Bildschirm Gebärden einstudierenden Kommissar Stellbrink, der bei der Vernehmung plötzlich empört stutzt, weil er meint, vom gehörlosen Verdächtigen mit der Geste für „Bullenschwein“ belegt worden zu sein. (…)

Auch die Entscheidung der Saarbrücker „Tatort“-Redaktion, die Rollen der Gehörlosen tatsächlich mit tauben Schauspielern und einer echten Gebärdensprachdolmetscherin zu besetzen, schafft in einigen Szenen eine bemerkenswert dichte Atmosphäre.

Vor allem der verzweifelte Ausbruch des gehörlosen Schreiners Ben Lehner (Benjamin Piwko), der entdeckt, dass seine Freundin ermordet wurde, wäre in dieser Radikalität von einem hörenden Darsteller kaum zu spielen gewesen. Dass die Auflösung des Mordfalls am Ende nur angedeutet und etwas klischeehaft irgendwo zwischen Syrien und der Ukraine im Söldnermilieu angesiedelt wird, nimmt man angesichts der Vorzüge dieser „Tatort“-Folge leicht resigniert hin.

Merkur

Dabei sprengen die Verhöre und Befragungen die üblichen Sehgewohnheiten – man verfolgt fasziniert die Gebärdensprache, taucht ein in eine Welt, in der Verständigung anders funktioniert als im „normalen“ Dialog. Man merkt dem von Devid Striesow gespielten Kommissar Jens Stellbrink die Freude an, mit der lernen will, seinen Horizont zu erweitern, ohne dabei seine Autorität als Polizist zu gefährden. „Ich will die Wahrheit wissen“ – einer seiner wichtigsten Sätze in der neuen „Sprache“.

Schade daher, dass Autor Peter Probst und Regisseur Zoltan Spirandelli über die Herausforderung, die die Einbeziehung Gehörloser in eine Krimihandlung darstellt, die Figurenzeichnung gänzlich außer Acht gelassen haben. Ob es sich um das tragisch endende Schäferstündchen im Hotel handelt, um die Stimmung im Hause des verstorbenen Gehörlosenschulleiters oder um den Mord am See – echte Gefühle sind nicht spürbar in diesem Film, alles wirkt wie aufgesagt.

Morgenpost

Der Tatort zeigt die Welt der Gehörlosen zwischen Selbstbewusstsein, Selbstverständlichkeit und Verzweiflung: Bens Hände sagen an anderer Stelle: „Wir sind eh immer die Verarschten. Wenn wir uns nicht wehren, dann können wir uns gleich erschießen.“ Der echte Ben lernte bereits als Kind Judo. (…) Das Zitat des Films liefert die Gebärden-Dolmetscherin. Sie sieht den Blick des Kommissars auf ihren Babybauch, als sie erzählt hat, dass ihr Mann gehörlos ist. „Sie fragen sich jetzt, ob ich Angst haben könnte, dass mein Baby auch taub sein könnte? Hauptsache, es ist gesund!“

Tatort-Blog

Nicht, dass wir uns falsch verstehen: Der Einblick in die Welt der Gehörlosen war durchaus interessant und lehrreich. Doch allzu oft kam das Gefühl auf, es werde eine Checkliste mit Aspekten abgearbeitet, die es zu beachten gilt. Das führte zu steifen Dialogen und unglaubwürdigen Szenen, getoppt nur noch von der naiv-kitschigen Annäherung Kommissar Stellbrinks (Devid Striesow) an Gebärdensprache sowie die Verbrüderung von Ben (Benjamin Piwko). Dass die Gehörlosen auch wirklich von nicht Hörenden dargestellt wurden, ist toll – sollte aber eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein.

Wörter in Gebärdensprache zum Tatort

Reaktionen auf Twitter

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