Wie rede ich mit einer gehörlosen Interviewpartnerin? Wie gebe ich einem Interviewpartner, der keine Arme hat, die Hand? Es gibt viele Fragen, die sich einer Journalistin oder einem Journalisten vor dem ersten Interview mit einem Menschen mit Behinderung stellen können. Dabei ist die Antwort meist sehr einfach: Verhalten Sie sich so wie in jedem anderen Interview auch. Welche Tipps Ihnen Ihre Unsicherheit nehmen können, finden Sie hier in der Übersicht.

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Die Recherche

Solltet ihr niemanden mit einer Behinderung in Ihrem Bekanntenkreis finden, gibt es die Möglichkeit, nach Interviewpartner*innen in organisierten Gruppen zu suchen. Manche Menschen mit Behinderungen arbeiten in Vereinen mit, die sich für ein selbstbestimmtes Leben mit Behinderungen auseinandersetzen, oder sind in Selbsthilfegruppen organisiert. Eine Liste von (überregionalen) Stellen haben wir für Euch zusammengestellt. Dort könnt ihr auch weitere Informationen zu den jeweiligen Lebensbedingungen von Menschen mit Behinderungen recherchieren.

Die Ängste

Vielleicht habt ihr Angst, im Interview etwas Unpassendes zu sagen oder nicht zu wissen, wie ihr euch verhalten sollt. Möglicherweise hattet ihr – wie leider die meisten nicht behinderten Menschen in Deutschland – weder in der Schule noch auf der Arbeit Kontakt zu behinderten Menschen und seid daher „ungeübt“ im Umgang. Das ist aber kein Problem, denn ihr könnt eure behinderte*n Interviewpartner*in einfach fragen, z.B. welche Themen in Ordnung sind. Wichtig ist, dass ihr die Haltung eures Gegenübers respektiert und auf dessen Grenzen achtet: Wenn ihr nicht wisst, ob ein Thema oder eine Handlung angemessen ist, fragt lieber vorher nach, als es „einfach so zu machen“.

Das Interview

1) Der Treffpunkt

Fragt eure*n Interviewpartner*in einfach nach Empfehlungen. Sitzt sie oder er im Rollstuhl, empfiehlt sich außerdem ein kurzer Blick auf wheelmap.org, einer Online-Landkarte mit rollstuhlgerechten Orten. Ist sie oder er schwerhörig oder gehörlos, wählt am besten einen Ort mit wenig Nebengeräuschen.

2) Die Begrüßung

Wie gewohnt könnt ihr eurer Interviewpartnerin bzw. eurem Interviewpartner die Hand zur Begrüßung ausstrecken. Sollte dies eurem Gegenüber aufgrund einer körperlichen Behinderung schwer fallen, wird sie bzw. er euch dies schon mitteilen und eine Alternative anbieten.

3) Die Hilfestellung

Vielleicht hat eure Gesprächspartnerin bzw. euer Gesprächspartner Probleme die Jacke auszuziehen, sich hinzusetzen oder kommt vielleicht nicht an ihr/sein Wasserglas. Vermeidet, die zu interviewende Person ungefragt anzufassen bzw. irgendwo hinzubringen, ohne vorher darum gebeten worden zu sein. Fragt einfach, wenn ihr unsicher seid.

Vermeiden Sie ungefragtes Helfen. Ihr Gegenüber wird es Sie wissen lassen, wenn er/sie Hilfe braucht. Warten Sie dann auf konkrete Anweisungen, da das, was Ihnen auf den ersten Blick richtig erscheint, nicht unbedingt die richtige Hilfe für Ihr Gegenüber ist. (…) Gehen Sie aufgrund der Behinderung nicht übervorsichtig mit Ihrem Gegenüber um. Es handelt sich um einen Menschen und nicht um ein rohes Ei.

Annette Schwindt

Kommunikationsberaterin

Menschen mit Sehbehinderungen

Vielleicht fragt ihr euch zu Beginn des Interviews mit einer blinden Person, ob ihr eure Hand zur Begrüßung ausstrecken sollt oder nicht. Wartet einfach, ob die Person euch die Hand entgegen streckt, ansonsten genügt auch eine freundliche Begrüßung. Eine weitere Unsicherheit könnte sein, ob ihr euer Aussehen beschreiben sollen. Das braucht ihr nicht, da für blinde Menschen häufig andere Faktoren zur Einordnung ihres Gegenübers wichtiger sind – wie die Sprache, Stimme oder auch der Geruch.

Wenn ihr euch des Weiteren fragen, ob ihr die blinde Person führen sollt, wenn ihr zum Beispiel den Raum wechselt: Fragt einfach, ob ihr euren Arm anbieten dürft. Falls die Person lieber eigenständig mit Stock oder Hund gehen möchte, gebt eine klare Wegbeschreibung und bleibt in der Nähe der Person. Findet das Interview in vertrauter Umgebung statt (z. B. Zuhause oder am Arbeitsplatz des blinden Menschen) könnt ihr davon ausgehen, dass sich die Person eigenständig orientieren kann. Bei einer Fotoaufnahme kann es sein, dass ein sehbehinderter Mensch euch bittet, ihn in die richtige Position zu drehen.

Autistische Menschen

Viele autistische Menschen telefonieren nicht gern, daher empfiehlt sich für das Interview eine Kontaktaufnahme per Email. Manche bevorzugen generell schriftliche Kommunikation und reden sehr wenig oder gar nicht. Am besten klärt ihr daher spezielle Wünsche zur Kommunikation vorher. Einfach anzurufen oder ohne „Vorwarnung” vorbeizuschauen solltet ihr jedenfalls vermeiden.

Es empfiehlt sich außerdem, dem Interview eine klare Struktur zu geben, also einen abgemachten Zeitrahmen und eindeutige Fragen, so dass Überraschungen vermieden werden. Des Weiteren ist es für eine entspannte Interviewführung förderlich, wenn die Umgebung ruhig ist – ein lautes Café oder Büro ist daher eher ungünstig. Manche Autist*innen führen Gespräche lieber in einer vertrauten Umgebung – auch das solltet ihr vorher nachfragen. Generell gibt es nicht den Autismus, wissenschaftlich spricht man vom „autistischen Spektrum” – das heißt, die Wünsche von autistischen Menschen für das Gespräch können sehr unterschiedlich sein.

4) Die Augenhöhe

Ein Gespräch auf Augenhöhe ist im doppelten Sinn angebracht. Zum einen, wenn euer Gegenüber im Rollstuhl sitzt oder kleinwüchsig ist. Dafür könnt ihr selbst wählen, in welcher Position ihr euch am wohlsten fühlen. Ist ein Stuhl in greifbarer Nähe, ist dies wohl die bequemste Variante, sich zu platzieren.

Mein letzter Beitrag über Menschen mit Behinderung war über eine Gruppe blinder Funkemariechen im Alter zwischen 12 und 16. Zum Interview habe ich mich zu ihnen auf die Turnmatte in die Turnhalle gesetzt und erzählt wer ich bin. Sie haben mir alle ihre Namen genannt und ich habe jedem Mädchen gesagt, wann ich das Mikrofon vor sie halte, so dass sie wissen wer dran ist und in welche Richtung sie sprechen müssen.

Marijke D.

Radioreporterin

Zum anderen ist es wichtig, dass ihr Menschen mit Behinderungen ernst nehmt und ihnen genauso begegnet wie anderen nicht behinderten Menschen. Dass jemand kleinwüchsig ist, Lernschwierigkeiten oder eine „geistige Behinderung“ hat, sollte euch nicht dazu verleiten, ihn zu duzen oder mit dem Vornamen anzusprechen. Vermeidet es auch, die Sätze des Interviewten vorweg zu nehmen, wenn die Person langsamer sprechen sollte. Auch Kopf- oder Armstreicheln, oder andere Verhaltensweisen, die eurem Gegenüber den Status eines Kindes zuweisen, sind völlig unangemessen.

Die Person kommt nicht allein?

Wenn behinderte Menschen in Begleitung kommen, erleben sie oft, dass über ihren Kopf hinweg geredet und nur die Begleitperson angesprochen wird. Daher ist wichtig, dass wenn ihr einen Menschen mit Behinderung zum Interview einladet, dann auch diese Person der Ansprechspartner für eure Fragen ist – und nicht die Begleitung, Assistenz, die Gebärdensprachdolmetscherin oder der begleitende Elternteil.

5) Die Sprache

Ihr braucht mit Menschen mit Behinderungen nicht anders zu sprechen als mit anderen Personen – also nicht etwa besonders laut oder überdeutlich. Bedenkt, dass eine überbetonte Sprechweise so wirken kann, als nähmt ihr euer Gegenüber nicht ernst.

Gehörlose Menschen

Für ein Interview mit gehörlosen Menschen brauchen beide Gesprächsparteien häufig ein*e Gebärdensprachdolmetscher*in. Dies solltet ihr vorher mit dem gehörlosen Menschen abklären, z.B. per Email oder SMS. Fragt schwerhörige Menschen am besten am Anfang des Interviews, ob eure Sprechweise gut verstanden wird. Denn nicht alle Menschen mit einer Hörbehinderung hören gleich. Etwas langsamer und deutlicher zu sprechen ist nicht verkehrt, aber während es manchen schwerhörigen Menschen hilft, wenn ihr lauter sprecht, erschwert es anderen sogar, euch zu verstehen. Gegebenenfalls könnt ihr auch über einen Laptop oder Schreibblock kommunizieren.

Menschen mit Lernschwierigkeiten (bzw. „geistigen Behinderungen“)

Auch Menschen mit Lernschwierigkeiten (bzw. „geistigen Behinderungen“) brauchen keine überdeutliche oder extra laute Sprechweise. Sie selbst fordern seit einiger Zeit ein: Behandelt uns nicht wie Kinder, sondern sprecht mit uns in Leichter Sprache. Das bedeutet: Kurze Sätze, keine Fremdwörter, klare Struktur. Vermeidet thematisch hin- und herzuspringen. Versucht Zusammenhänge ganz grundlegend zu erläutern – wenn ihr unsicher seid, fragt nach, ob euer Gegenüber euch verstanden hat. Auch wenn ihr selbst sie bzw. ihn nicht verstanden haben – scheut euch nicht nachzufragen.

Falls ihr euch Gedanken macht, ob ihr im Gespräch mit behinderten Menschen bestimmte Begriffe wie „gehen“, „stehen“ oder „sehen“ nicht benutzen dürft – diese Sorge ist unbegründet:

Es ist nicht nötig, Wörter zu vermeiden, die vermeintlich im Gegensatz zur Behinderung Ihres Gegenüber stehen. So können Sie einen Rollstuhlfahrer durchaus fragen ‘wie es läuft’ oder zu einem sehbehinderten Menschen sagen ‘Wir sehen uns dann’.

Annette Schwindt

Kommunikationsberaterin

6) Die Fragen

Seid euch der Tatsache bewusst, dass euer Gegenüber vielleicht nicht über alle Details der Behinderung sprechen möchte, wenn z.B. die Behinderung noch nicht lange besteht oder fortschreitend ist. Fragen, die die Intimsphäre verletzen (z.B. wie der Interviewpartner sich ins Bett legt, Geschlechtsverkehr hat, auf die Toilette geht etc.) sind in den meisten Fällen unangemessen – also meidet alle Fragen, die ihr auch keiner anderen Interviewpartnerin bzw. keinem anderen Interviewpartner stellen würdet. Abgesehen davon: Möchte euer Gegenüber keine Themen aussparen und hat sie oder er keine Vorbehalte über die Begleitumstände der Behinderung zu sprechen (zum Beispiel nach dem Alltag – Einkaufen, Arbeiten Kochen, soziale Situationen usw.), dann fragt ruhig.

Der Beitrag

1) Die Behinderung

Die Behinderung eures Gegenübers kann das ausschließliche Thema ihres Beitrags sein – meistens aber ist die Behinderung völlig nebensächlich für den Inhalt des Beitrags. Überlegt euch daher vorher, welche Botschaft ihr übermitteln wollt und welche Rolle die behinderte Person dabei spielt – das heißt, ob es überhaupt notwendig ist, die Behinderung zu thematisieren. Auch bei medizinischen Berichten, deren Fokus vor allem auf der Behinderung einer Person liegt, raten wir euch, euch in euren Beschreibungen nicht zu sehr auf die Beeinträchtigung zu konzentrieren. Statt lediglich einen Voyeurismus zu bedienen, erzählt von eurer Interviewpartnerin bzw. eurem Interviewpartner als einem gesamten Wesen mitsamt seiner Persönlichkeit.

Bei Wolfgang Schäuble thematisiert man den Rollstuhl logischerweise auch nicht in den Beiträgen. Das ist bei ihm ja völlig egal und hat nix mit dem Thema Finanzen zu tun.

André Z.

Radioreporter

2) Die Bezeichnung

Verwendet Begriffe, die für das Thema wichtig sind und eure*n Interviewpartner*in respektieren. Versucht Personenbeschreibungen zu verwenden, die nicht ausschließlich die Behinderung thematisieren, sondern die allgemeine Lebenssituation bzw. Berufstätigkeit (z.B. Mutter, Ingenieur, Politikerin…). Vermeidet Sorgenkind- und Helden-Metaphern. Schaut euch zum Thema „korrektes Wording“ unsere Begriffe von A-Z und die anderen Beiträge in der Rubrik „Journalistische Tipps“ an.

Was einen Menschen ausmacht, sind nicht seine körperlichen Fähigkeiten, sondern seine Persönlichkeit, sein Denken, Fühlen und Handeln. Definieren Sie einen Menschen daher nach diesen Kriterien, nicht über seine Einschränkungen. Denn Einschränkungen hat jeder, auch nichtbehinderte Menschen. Bei Menschen mit Behinderung ist nur eine besondere Einschränkung sofort sichtbar. Diese mag für Sie ungewohnt sein, macht Ihr Gegenüber jedoch nicht automatisch zu einem bemitleidenswerten Menschen.

Annette Schwindt

Kommunikationsberaterin

3) Die Tonalität

Auch wenn euch eine Geschichte nahegehen sollte: Überlegt euch, in wie weit eine Emotionalisierung oder sogar Dramatisierung eures Themas wirklich notwendig ist – dies kann dazu führen, dass Klischees bedient werden oder unterstellt wird, dass das Leben behinderter Menschen sich grundlegend von dem anderer unterscheidet. Eine „Helden-“ oder „Opfergeschichte“ ist oft nicht hilfreich, sondern führt meist eher dazu, behinderte Menschen als „anders“ zu markieren.

Wenn Sie über eine Leistung eines Menschen mit Behinderung berichten, stellen Sie diese nicht als außergewöhnlich oder gar rührend dar. Dies unterstellt, Ihr Gegenüber wäre eigentlich nicht dazu in der Lage und habe es nun „trotzdem“ geschafft. Ein Mensch mit Behinderung hat nicht „trotz“ sondern „mit“ seiner Behinderung etwas erreicht. So wie andere mit ihren blonden Haaren oder Schuhgröße 42.

Annette Schwindt

Kommunikationsberaterin

Tipps für die Begegnung mit behinderten Menschen (Englisch):

Fotos: Andi Weiland, Gesellschaftsbilder.de