Begriffe über Behinderung von A bis Z

„Behindert“, „anders begabt“, „besonders befähigt“… was darf man sagen, was ist beleidigend? Ein Rezept haben auch wir nicht. Auch unter behinderten Menschen sind die Bezeichnungen umstritten. Dennoch haben wir einige Tipps gesammelt, und einige Begriffe, die definitiv “out” sind. Eins schon mal vorab: Wenn Sie sich unsicher sind, fragen Sie die Person selbst, wie sie gerne benannt werden möchte!

Beeinträchtigung, beeinträchtigt

Seit ein paar Jahren haben sich neue Begriffe etabliert „Menschen mit Beeinträchtigungen“ und „beeinträchtigte Menschen“. Viele sind verwirrt: „Ist ‘beeinträchtigt’ jetzt das neue ‘behindert’?“ Wir sagen: Jein. Die Disability Studies unterscheiden zwischen Beeinträchtigung und Behinderung: Die Beeinträchtigung ist die körperliche Seite der Behinderung, – das fehlende Bein oder Augenlicht, die chronische Krankheit. Bei „Behinderung“ kommt eine soziale Dimension dazu – Barrieren behindern und schließen aus, und das macht die Beeinträchtigung oft erst zum Problem.

Behinderung, behindert

„Darf ich Sie ‘behindert’ nennen?“ Diese Frage ist für viele behinderte Menschen Alltag. Seitdem Teenager sie auf Schulhöfen als Schimpfwörter benutzen, sind die Worte „Behinderung“ und „behindert“ in Verruf geraten. Zu Unrecht: „Behinderung“ und „behindert“ können auf vielfältige, auch nicht diskriminierende Arten gelesen werden. Beide Worte deuten an, dass es auf die Umwelt ankommt: Eine nicht barrierefreie Umwelt ist es, die behindert, – behindert ist man nicht, behindert wird man. Wie der Gesetzgeber wiederum Behinderung definiert finden Sie hier.

Behinderter Mensch, Mensch mit Behinderung

Diese Varianten unterstreichen, dass eine Behinderung nicht den ganzen Menschen ausmacht. „Behinderter Mensch“ zeigt zudem, dass oft die Umwelt eine Person mehr behindert, als die Beeinträchtigung selbst.

Chronisch krank

Ab wann eine Erkrankung als “chronisch” gilt, ist in der Medizin umstritten – manchen Fachleuten reichen vierzehn Tage, für andere beginnt es erst ab drei Monaten Krankheitsdauer. Allgemein sind Krankheiten chronisch, wenn sie andauern und es für sie keine Heilung gibt. Damit ist der Übergang zu Behinderung fließend: Chronische Krankheiten und dauerhafte Beeinträchtigungen wie zum Beispiel Multiple Sklerose (MS), manche Krebs- oder Herzerkrankungen können zu Behinderungen werden.

Die Behinderten, der/die Behinderte

In dieser substantivischen Form entsteht das Bild einer festen Gruppe, die in Wirklichkeit vielfältig ist. „Der/die Behinderte“ reduziert die Person auf ein Merkmal, das alle anderen Eigenschaften dominiert. Das ist auch der Fall, wenn von „den Blinden“,  „dem Spastiker“ oder „der Amputierten“ die Rede ist.

Die Gesunden und Kranken

Gesundheit ist genauso wie “Normalität” eine konstruierte Vorstellung  – jeder Mensch hat seinen eigenen Blick darauf. Krankheit heißt für die meisten Menschen, von einem Leiden befallen zu sein, von dem sie geheilt oder an dem sie schlimmstenfalls sterben werden. Behinderung hingegen ist in der Regel etwas Dauerhaftes, etwas, das nicht einfach weggeht, aber auch kein ständiges Leiden verursachen muss. Daher ist die Gegenüberstellung „gesund/krank“ keine gute Wahl, um Menschen mit und ohne Behinderung richtig zu bezeichnen.

Handicap

Dieser oft als progressiv verstandene Begriff wird im britischen und angloamerikanischen Sprachraum kaum noch verwendet. Zu sehr erinnert er an „cap-in-hand“, das heißt an die Verknüpfung von Behinderung und „Betteln“. In Deutschland wird das Wort oft rein euphemistisch gebraucht, als Ersatz für „behindert“. Dann verzichtet man aber auf die soziale Bedeutung, die das Wort „behindert“ enthält – eine Person wird von der Umwelt behindert, nicht von ihrem Körper. Deutsch-englische Wortfusionen wie „gehandicapt“ sollte man ohnehin vermeiden.

Idiotie, Schwachsinn und Debilität

Bis vor einigen Jahrzehnten waren dies gängige Bezeichnungen für „geistige Behinderungen“. Mittlerweile sind diese Begriffe oft benutzte Schimpfwörter geworden für Menschen, die sich falsch, “dumm” und unverständlich verhalten. Kein Wunder, dass viele Menschen sie als beleidigend empfinden.

Invalide/Invalidität

„Invalide“ leitet sich aus dem Lateinischen ab und bedeutet soviel wie „kraftlos“, „schwach“ und „hinfällig“. Verwandt ist der Begriff mit Wörtern romanischer Sprachen, die zum Beispiel „unwert“, „ungültig“ oder „untauglich“ bezeichnen. Allein deswegen sollte man auf „invalide“ und „Invalidität“ verzichten – abgesehen davon sind diese Begriffe veraltet.

Geistige Behinderung

Der Begriff “geistige Behinderung” ist momentan umstritten. Vielen gilt er nach wie vor als neutrale Bezeichnung für Menschen, die große Probleme mit dem Lernen und Schwierigkeiten haben, abstrakte Dinge schnell zu verstehen. Viele der so bezeichneten Menschen aber lehnen den Begriff „geistige Behinderung“ ab und nennen sich lieber Mensch mit Lernschwierigkeiten. Sie finden, dass nicht ihr “Geist” behindert ist, und dass “geistige Behinderung” sie als ganzen Menschen schlecht macht.

„Krüppel“

Behinderte Menschen als “Krüppel” zu bezeichnen war bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts normal, gilt aber heute als sehr beleidigend. Einige behinderte Menschen haben sich diesen Begriff jedoch positiv angeeignet: Sie nennen sich selbst „Krüppel“ – nicht abwertend sondern selbstbewusst. Angelehnt ist diese Praxis an andere Minderheiten – homosexuelle Männer beispielsweise definierten die einstige Beleidigung “schwul” erfolgreich um. Im Gegensatz zu „schwul“ ist „Krüppel“ aber noch kein neutraler Begriff und kann positiv nur innerhalb der Gruppe behinderter Menschen verwendet werden.

Mensch mit besonderen Fähigkeiten oder Bedürfnissen

Da viele befürchten, allein mit dem Wort „Behinderung“ zu beleidigen oder zu stigmatisieren, hat sich eine Reihe von beschönigenden Alternativ-Ausdrücken, wie z.B. “besondere Bedürfnisse” oder “andersfähig” etabliert. Ganz abgesehen davon, dass nur wenige behinderte Menschen selbst diese Ausdrücke gebrauchen: Sie treffen einfach nicht zu. Die Fähigkeiten und Bedürfnisse behinderter Menschen sind nicht „besonders“, sondern genauso vielfältig wie die nichtbehinderter Menschen.

Mensch mit Lernschwierigkeiten

Viele Menschen, die “geistig behindert” genannt werden, finden diese Bezeichnung diskriminierend. Sie bevorzugen den neutraleren Begriff Menschen mit Lernschwierigkeiten, da er besser auf ihre Situation passt als “geistige Behinderung” und weniger abwertend ist.

„Mongoloid”, „Mongo”

„Mongo“ ist die Kurzform von „mongoloid“, eine veraltete Bezeichnung für Trisomie 21 (früher auch Down-Syndrom genannt). „Mongo“ oder „mongoloid“ ist behindertenfeindlich und rassistisch zugleich: Die Bezeichnung ist eine Anspielung auf die angeblich „asiatische“ Augenform von Menschen mit Trisomie 21.

„Die Normalen”

Sicher gibt es mehr Menschen die laufen, gut sehen oder hören können als solche, die das nicht gut können. Dennoch ist die Vorstellung einer fixen Normalität fragwürdig. Wo genau das „Normale“ anfängt und wo es aufhört – dazu gibt es viele Meinungen. Deswegen sind die Kategorien „normal“ oder „anormal“ auch nicht besonders geeignet, Menschen mit und ohne Behinderung zu beschreiben.

Pflegefall

Behinderte Menschen als „Pflegefall“ zu bezeichnen reduziert sie auf Pflegebedürftigkeit, die wahrscheinlich nur ein Teil eines vielfältigen Lebens ist. Wenn Menschen zu „Fällen“ werden, wird ihnen ein Stück des Mensch-Seins abgesprochen und sie werden als Objekte und Last für die Allgemeinheit wahrgenommen. Sogenannte „Pflegefälle“ bekommen vielleicht auch Persönliche Assistenz: Eine Form der alltäglichen Unterstützung, in der behinderte Menschen selbst Entscheidungen treffen können. Die Form der Pflege oder Assistenz, die ein behinderter Mensch bekommt, kann also unterschiedlich sein.

„Der Rollstuhl”

Dass behinderte Menschen mit ihren Hilfsmitteln gleichgesetzt werden, kommt immer wieder vor. Besonders „gut“ darin sind manche Mitarbeiter der Bahn: „Hier steigt noch ein Rollstuhl ein“heißt es zuweilen beim Service-Personal auf dem Bahnsteig. Der darin sitzende Mensch  wird dabei unwichtig. Dass sie als geschlechtsneutrale Objekte wahrgenommen werden passiert behinderten Menschen sowieso häufig – gut, wenn das nicht noch alltagssprachlich untermauert wird.

„Spasti”, Spastiker“, „Spacko“ und „Wasserkopf“

Solche Ausdrücke lösen negative Assoziationen aus, und auch der „Spasti“ hält schnell bei einem Wutausbruch hin und ist immer abwertend gemeint. Vielen behinderten Menschen ist daher eine neutrale Bezeichnung lieber, zum Beispiel der Fachausdruck. Der Mensch mit „Wasserkopf“ wird so zum Mensch mit „Hydrocephalus“, und der „Spastiker“ zum Mensch mit „Cerebralparese“. In jedem Fall gilt – fragen Sie die Betroffenen selbst, wie sie bezeichnet werden wollen.

„Taubstumm“

Gehörlose Menschen sind nicht „stumm“ oder „taubstumm”, sondern können genauso wie Hörende sprechen, entweder lautsprachlich oder in der Gebärdensprache (die übrigens auch keine „Zeichensprache” ist). „Gehörlos sein“ bzw. Gehörlosigkeit sind neutralere Begriffe, die deshalb von vielen nicht hörenden Menschen bevorzugt werden. Viele von ihnen stören sich aber auch an dem Begriff der Gehörlosigkeit, weil er zu defizitär wirkt. Sie nennen sich weiterhin „taub“ und zeigen damit, dass das Taub-Sein eine ihrer vielen Eigenschaften ist. Beachten sollte man allerdings, dass das Wort „taub” auch oft synonym verwendet wird für „Ignoranz“ oder „Nicht-hinhören-wollen“ – eine Metapher, die man vermeiden kann. Menschen, deren Hörvermögen eingeschränkt ist, bevorzugen Begriffe wie “schwerhörig” oder “hörbeeinträchtigt”, manchmal auch “hörbehindert”.

„Zwerge“ und „Liliputaner“

Von „Zwergen“ oder „Liliputanern“ sprach man früher – aber genauso wie sich Zwei-Meter-Menschen ungern Riesen nennen lassen, empfinden viele Menschen mit geringer Körpergröße diese Bezeichnungen als diskriminierend. Zwerge, Riesen und Liliputaner gehören ins Reich der Märchen. „Kleinwüchsig“ ist da neutraler, meinen die Bundesselbsthilfe Verband Kleinwüchsiger Menschen e.V. und der Bundesverband Kleinwüchsige Menschen und ihre Familien e.V.

Zum Ausdrucken:

Tabelle: Wie man gängige Sätze anders formulieren kann. (pdf) Beater Firlinger: “Buch der Begriffe. Sprache, Behinderung, Integration.” Integration:Österreich, 2003 (pdf)

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