Wie wär’s denn mal so? Positivbeispiele aus den Medien über Behinderung

Nicht alle Medien sind “Leidmedien“ – also berichten nur einseitig über das “Leid“ behinderter Menschen. Bei unserem Streifzug durch Print, Online, TV und Hörfunk haben wir auch viele positive Beispiele entdeckt. Für gute Berichterstattung über behinderte Menschen haben wir versucht, einige Kriterien zu formulieren:

Perspektivwechsel: Es wird die Perspektive von Menschen mit Behinderung eingenommen. Behinderte Menschen kommen selbst zu Wort. Es wird nicht über Menschen mit Behinderung gesprochen oder nur mit ihren Stellvertreterinnen und Stellvertretern – Experten, Ärztinnen, Eltern usw.

Die behinderten Interviewten haben ein Anliegen, ein Projekt oder eine Idee – und das ist das Thema, nicht die Behinderung an sich. Wird nur über die Behinderung selbst berichtet, gerät die Geschichte leicht in die Mitleidsschiene oder wird zur „Freakshow“.

Soll der Schwerpunkt doch einmal die Behinderung selbst sein, sollten soziale und politische Aspekte mit einbezogen werden. Was sind Barrieren, auf die die Interviewten stoßen? Wie finanzieren sie beispielsweise ihre Assistenz? Welche Benachteiligungen erleben sie auf dem Arbeits- oder Wohnungsmarkt? Es sollte nicht nur der beeinträchtigte Körper und der medizinische Blick darauf thematisiert werden.

Das Thema Behinderung betrifft uns alle – das sollte man im Blick behalten. Nicht als moralisches Lippenbekenntnis, sondern ganz konkret: Wer hat auch etwas davon, wenn eine Rampe oder ein Fahrstuhl gebaut wird? Zum Beispiel ältere Menschen mit Rollatoren, Eltern mit Kinderwagen. Welche Erfahrungen teilen behinderte und nichtbehinderte Menschen? Zum Beispiel kann jeder zeitweise abhängig und ausgegrenzt sein oder Normen nicht gerecht werden. Das heißt nicht, dass „wir ja alle behindert sind“ und damit alle das Gleiche erleben – trotz vieler ähnlicher Erfahrungen sind die Lebensbedingungen von behinderten und nichtbehinderten Menschen oft sehr unterschiedlich.

Und schließlich: Eine möglichst neutrale Sprache, die nicht unnötig dramatisieren oder voyeuristische Sensationen schaffen will. Da behinderte Menschen mit ihren Beeinträchtigungen unterschiedlich umgehen, sollten Sie einen sachlichen Ton wählen. Auch eine neutrale, ausgewogene Geschichte über Behinderung wird gelesen oder gehört – es müssen nicht immer Drama und Sensation sein.

Aufgespürt und für gut befunden haben wir beispielsweise diese Beiträge:

  • Inklusion im Sport – es gibt zu wenig davon – Daniela Müllenborn berichtet über Angebote von inklusivem Sport in Fitnessstudios und Sportvereinen. Die Reporterin merkt an, dass es noch zuwenige solcher Möglichkeiten gibt und dass es häufig noch Berührungsängste gibt. Deutschlandfunk, 3.01.2016
  • Schnellster Mann auf keinen Beinen. Ein differenzierter Blick auf die Debatte um Olympioniken Oscar Pistorius und die Vor-und Nachteile seiner Carbonprothesen. Tagesspiegel.de, 4.8.2012
  • Mit fliegenden Händen im Gespräch vertieft Eine Journalistin lässt sich von gehörlosen Menschen deren Alltag zeigen. Südkurier, 16.6.2012
  • Hochschul-Alltag mit Hindernissen Die vielfältigen Hürden behinderter Studierender werden neutral dargestellt – und weder dramatisiert noch verleugnet. Mittelbayrische, 8.2.2012
  • Das Lieben der anderen Die Artikelserie der Süddeutschen Zeitung zeigt auf vielschichtige Art und Weise den Umgang behinderter Menschen mit ihrer Sexualität. Süddeutsche Zeitung / sueddeutsche.de, 18.5.2009
  • Dass es dich gibt Im ZEIT-Magazin schrieb Sandra Roth eindringlich und differenziert über ihr Leben mit ihrer behinderten Tochter, die Reaktionen der Umwelt und ihren neuen Blick auf Behinderung. DIE ZEIT, 12.1.2012
  • Was siehst du? Was hörst du? In der ZEIT tauschen sich eine blinde Frau und ein gehörloser Mann aus. Das Interessante: Es geht nicht bloß um Blindheit und Gehörlosigkeit, sondern darum, wie sie die durch das Internet und Handys sich verändernde Umwelt wahrnehmen. DIE ZEIT, 20.5.2009
  • Kleine Frau, große Kraft, viel Humor. Interview mit Tatort-Darstellerin ChrisTine Urspruch. (Originaltitel in der Print-Ausgabe: „Glauben Sie mir, das nervt“). Ein Gespräch, das die Behinderung nicht ausblendet sondern angemessen einbindet in Schauspielerei und Biographie. Frankfurter Rundschau/fr-online.de, 27./28. Juni 2012
  • Der Bogenschütze ohne Arme Trotz der „Freak-Show-Herangehensweise“ ein Beitrag auf Augenhöhe und ohne künstliche Sensationalisierung – auch Alltagsprobleme werden gezeigt. Gegen Ende geht es jedoch ins übertrieben „Heldenhafte“. Pro7, Galileo, 10.7.2012

Fragwürdige und negative Beispiele aus den Medien finden Sie hier.

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