Hilflose, Opfer und Sorgenkinder

Billy Bean traurig unter einer RegenwolkeDas „Leiden“ zieht sich wie ein roter Faden durch die Berichterstattung über behinderte Menschen. Zwar können Beeinträchtigungen Leid verursachen, doch das allein bestimmt nicht das Leben mit Behinderung. Durch eine Reduzierung auf die Defizite und durch die Dramatisierung des „Tragischen“ entsteht ein verzerrtes Bild, das verunsichert und Angst vor Behinderung fördert. Dennoch sind diese Erzählklischees in den Medien sehr beliebt. Wir haben einige von ihnen zusammengestellt.

Das „tragische Schicksal“

Behinderung ist in den Augen vieler Menschen nur vorstellbar als Leiden, als große Katastrophe und manchmal sogar als „nicht lebenswert“. Sie wird gleichgesetzt mit Schmerzen, Abhängigkeit und Pflegebedürftigkeit. Viele behinderte Menschen sehen sich jedoch nicht als leidend. Eine angeborene Behinderung, eine chronische Krankheit oder das Leben nach einem Unfall können großes Unglück bedeuten, dennoch geht das Leben weiter und ist vielfältig.

„Thomas Kahlau ist Mundmaler. So meistert er sein Schicksal als Querschnittsgelähmter – und hilft anderen.“

(Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.12.2008, S.11)

„Umso erschreckender ist es, wenn die Eltern erfahren müssen, dass ihr Kind taub zur Welt gekommen ist und wahrscheinlich niemals hören wird und somit keine Sprache erlernen kann. Alle Hoffnungen, die man sich als Eltern für den Lebensweg des Kindes macht, werden damit zunichte gemacht.“

(„Taubes Mädchen kann jetzt hören – Am Klinikum wurde Pionierarbeit geleistet“, osthessen-news.de, 7.6.2012)

Alternative: Eine Behinderung zu haben kann Werte und Ziele verändern – und kann somit nicht nur  „Schicksal“, sondern auch Gewinn bedeuten.

Jemand ist „Opfer“ einer Behinderung

„Opfer“ zu sein heißt, einer Macht hilflos ausgeliefert zu sein. Es stimmt zwar, dass man kaum beeinflussen kann, ob man körperlich beeinträchtigt wird oder nicht. Richtig ist auch, dass Beeinträchtigungen Leiden, Schmerzen und Abhängigkeit bedeuten können. Doch das Leben mit Behinderung hat auch viele andere Seiten. Auf die Perspektive kommt es an: Die meisten behinderten Menschen sehen sich nicht als Opfer, sondern als aktiv handelnde Menschen. In vielen Texten wird jedoch die „Katastrophe Behinderung“ einseitig hervorgehoben.

„Als Samuel Koch an diesem Dezembertag hinter der „Wetten, dass..?“-Bühne seine Muskeln dehnt, ahnt er nicht, dass sein Leben in wenigen Minuten aus den Fugen geraten wird. Dass er sich vermutlich den Rest seines Lebens nicht mehr selbst die Zähne putzen können wird. Dass er ohne fremde Hilfe verhungern, verdursten wird. Noch ist er ein athletischer, frohmütiger Schauspielschüler, der die Zusage für eine winzige Sprechrolle in einem „Tatort“ bereits in der Tasche hat.“

(„Glaube, Rollstuhl, Hoffnung“, Spiegel Online, 23.4.2012)

Alternative: Behinderung ist für viele Menschen ein selbstverständlicher Teil des Lebens. Nicht sie behindert, sondern die Einstellungen anderer und eine nicht barrierefreie Umwelt. Diese sollte man zum Hauptthema machen.

Jemand leidet an etwas

„Gabi leidet an Multipler Sklerose (MS)“ – „leidet an“ ist eine Standardformulierung in fast jedem Text über behinderte Menschen. Und so leicht sie aus der Feder fließt, so falsch ist doch die darin enthaltene Unterstellung. Ob Gabi wirklich an ihrer Krankheit „leidet“ kann nur sie wissen – doch das wird  stillschweigend vorausgesetzt. Gabi hat mal gute, mal schlechte Laune, ist mal glücklich oder unglücklich, wie alle anderen Menschen auch.

„Zuhal Soyhan ist einen Meter und dreißig groß, sie leidet an der Glasknochenkrankheit und sitzt im Rollstuhl. ‚Ich bin ein Glückspilz‘, sagt die 46-jährige TV-Journalistin.“

(„Zuhal Soyhan: Ich bin keine Heldin“, evangelisch.de, 5.5.2012)

Alternative: Dass ihnen ihre Behinderung dauerndes, konstantes Leiden bringen würde, bestreiten die meisten behinderten Menschen. Gabi hat MS oder lebt mit MS  – solche Formulierungen kommen der Realität deutlich näher.

An den Rollstuhl gefesselt

Auch wenn die Vorstellung, Rollstuhlfahrende seien „gefesselt“,  absurd scheint – dieser Ausdruck ist immer noch nicht aus der Welt. Und mit ihm lebt ein Bild von Passivität, Ohnmacht und Hilflosigkeit weiter. Das macht auch die abgeschwächte Form „an den Rollstuhl gebunden“ nicht besser. Dabei befinden sich Rollstuhlfahrerinnen und -fahrer gar nicht permanent im Rollstuhl, sitzen zum Beispiel auch mal auf dem Sofa oder laufen (!) auf Krücken herum. Der „Rolli“ bedeutet für viele genau das Gegenteil von „Gefesselt-Sein“: Er ermöglicht Bewegungsfreiheit und Teilhabe.

„Schäuble, der zuvor jede Minute seiner Freizeit mit Tennis, Fußball oder Laufen verbrachte, bleibt mit einer Querschnittslähmung ab dem dritten Brustwirbel abwärts, für den Rest seines Lebens an den Rollstuhl gefesselt.“

(„Attentat auf Wolfgang Schäuble. Der blutige Wahlkampf“,  Spiegel Online, 18.11.2009)

„Im Stadion sitzt sie mittendrin. Claudia Neun ist an den Rollstuhl gefesselt. Die Spiele der Eintracht Frankfurt lässt sich die Vorsitzende des Fanclubs „Ohne Grenzen“ trotzdem fast nie entgehen.“

(Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.1.2011)

Alternative: Statt gefesselt zu sein „nutzen“, „benutzen“ oder brauchen Rollstuhlfahrende einen Rollstuhl, „sitzen“ in ihm, sind „auf ihn angewiesen“ oder sind einfach mit ihm „unterwegs“. Falls Sie doch mal einen Menschen treffen sollten, der an einen Rollstuhl gefesselt ist – binden Sie ihn sofort los!

Sorgenkinder und Schützlinge

Zwar hat sich die „Aktion Sorgenkind“ im Jahr 2000 auf Druck behinderter Menschen in „Aktion Mensch“ umbenannt, dennoch tauchen „Sorgenkinder“ immer noch in den Medien auf: Als Unmündige, um die man sich kümmern und vor allem sorgen muss. Sorgenkinder und „Schützlinge“ brauchen Sondereinrichtungen und Geldspenden. Damit können sich viele behinderte Menschen nicht identifizieren.

„Christian, das ‚Christkind von Pöttmes‘ ist ein Sorgenkind und Glückskind zugleich. Meist liegt der heute Dreijährige einfach nur da, er kann nicht selbständig sitzen, trinken oder essen.“

(„Christkind, Sorgenkind, Glückskind“, Süddeutsche Zeitung, 23.12.2011)

„Seit elf Jahren trainiert Bauer in Ingolstadt mit Behinderten. Bei den Spielen in München werden seine Schützlinge je nach Behinderung in drei verschiedene Wettkampfgruppen eingeteilt.“

Alternative: Keine. Nehmen Sie Ihre Interviewpartner ernst. Auch wenn sie mehrfachbehindert sind oder Lernschwierigkeiten haben, sind sie Erwachsene, die Verantwortung für sich übernehmen und eigenständige Entscheidungen treffen wollen.

Du statt Sie

Menschen mit Behinderung über 18 sind volljährig. Auch wenn sie Lernschwierigkeiten haben oder kleinwüchsig sind – Erwachsensein bedeutet, Respekt erwarten zu können und ein Gespräch auf Augenhöhe. Dennoch streicheln ihnen manche Menschen über den Kopf oder sprechen nur mit ihren nichtbehinderten Begleitpersonen. Dass sie gesiezt und mit dem Nachnamen angesprochen werden ist nicht selbstverständlich – sollte es aber sein.

„Daniel: Ich habe den Bundespräsidenten gewählt“

(evangelisch.de, 21.3.2012 (Die frühere Variante dieses Textes nannte noch nicht mal den Vornamen, sondern bezeichnete Daniel Theman lediglich als „Behinderten“))

„Hannah hat eine Lernschwäche. Und sie sagt, sie sei psychisch „nicht ganz fit“. Das Gesicht der kleinen, etwas rundlichen Frau ist ständig in Bewegung, wenn sie spricht: Sie blinzelt, lächelt, presst die Lippen aufeinander. Die Rentnerin wirkt beinahe jugendlich mit ihren Jeans und dem bunten Strickpullover. Eine Haarspange hält ihr den Pony aus den Augen, ihr naturgewelltes blondes Haar reicht gerade bis über die Ohren“

(„Wo die Liebe hinfällt. Partnersuche für Menschen mit Behinderung“, stern.de, 2.6.2012)

Alternative: Gleichberechtigung braucht Ernstnehmen, Achtung und auch ein „Sie“ – und das fordern behinderte Menschen zunehmend ein.

Was behinderte Menschen alles nicht können…

Behinderung ist, wenn jemand etwas nicht kann – so denken viele. Und konzentrieren sich auf die vermeintlichen Defizite: „Schleppender Gang“, „ein Blick, der ins Leere geht“ oder die „spastisch verkrampften Hände“. Das Bild des „schweren Lebens“ voller Entbehrungen soll Mitleid wecken. Was oft fehlt sind die Fähigkeiten behinderter Menschen und der Blick auf das, was sie können. Das jedoch scheint vielen Schreibern keine Geschichte zu sein – da fehlen Drama und Sensation.

„Natürlich nervt dieser Körper, schief wie er ist, in großen Teilen unbrauchbar. Wie ein verbogener Metzgerhaken liegt er im Rollstuhl. Die linke Schulter hängt an ihm wie eine Rutschbahn. Die rechte sieht aus, als würde sie irgendwo am Ohr beginnen. Ein Fuß ist so weit zur Seite gedreht, es sieht aus wie die Position einer Balletttänzerin. Ausgerechnet.“

(„Krumm und stark. Werner Schwarz leidet an einer spastischen Lähmung – und meistert sein Leben dennoch souverän“, Süddeutsche Zeitung, 22.5.2009)

„Er hört, worum ihn der Fotograf bittet, und nickt. Die Antwort auf die Frage, ob er den Zuruf auch versteht, kann er nicht artikulieren. Denn der Spitzensportler von einst ist geistig und körperlich ein Wrack. Ein Mann, der kaum sprechen kann, der gebadet und gefüttert werden muss.“

(„Dreißig Jahre danach ist der frühere Turner Jürgen Bischof auf Vater und Sohn angewiesen“, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.3.1999, S. 47)

Alternative: Konzentrieren Sie sich nicht nur auf die Defizite sondern vor allem auch auf das, was behinderte Menschen können – wahrscheinlich ist das mehr, als Sie denken.

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