Ein kleines Fischerdorf am Schwarzen Meer wird zum barrierefreien Paradies für Wintersportler. Es soll ein Russland „ohne Barrieren und Stereotypen “ zeigen. Das ist Putins Plan für Sotschi 2014. Seit 2010 wird getestet und gebaut. Besonders während der Olympischen Spiele soll Sotschi für alle Menschen, auch für Menschen mit Behinderung, ein Ort der Begegnung sein. Doch wie barrierefrei ist Sotschi besonders vor der Eröffnung der Paralympischen Spiele?

Russland ist stolz auf sein Olympisches Dorf. Im Olympia-Park sind alle Sportstätten innerhalb von fünf Minuten zu Fuß erreichbar. Im Olympiastadion Sotschi verfolgten 40.000 Zuschauer die Eröffnungsfeier der Spiele. Es soll nach den Olympischen Spielen für die Fußball-Weltmeisterschaft 2018 genutzt werden und ist  auf diese Weise doppelt wertvoll für die „russische Riviera”, wie Sotschi oft betitelt wird. Das Stadion und die fünf weiteren kleineren Sportstätten bieten 80. 000 Wintersportfans Platz. Das Dorf sei selbstverständlich barrierefrei und über Shuttlebusse gut zu erreichen, heißt es auf der offiziellen Internetseite zu Sotschi 2014. Doch wie steht es wirklich um die Barrierefreiheit und die Situation von Menschen mit Behinderungen in der Olympiastadt?

Behindertsein in Russland

Bei Menschen mit Behinderungen spricht man in Sotschi heute ganz offiziell von „Menschen mit eingeschränkter Mobilität” oder von „Menschen mit besonderen Bedürfnissen”. Der Ausdruck „Menschen mit besonderen Bedürfnissen” klingt in unseren Ohren wie ein neues Stigma, da hier Bedürfnisse nur aufgrund von Behinderung besonders werden. Aus russischer Sicht ist es ein Schritt in Richtung „Russland ohne Barrieren und Stereotypen“, denn bisher war ein behinderter Mensch einfach ein „Invalide”. Im Volksmund spricht man noch immer von „Invaliden”. Diese haben in Russland in der Regel keinen Arbeitsplatz, sondern leben von einer kleinen Rente und ihre Mobilität ist auf die meist sehr kleine Sozialwohnung beschränkt. In Russland leben 2.800.000 Menschen mit Behinderung, 32.520 davon in Sotschi.

Rollstuhlfahrer leben mitunter jahrelang im fünften Stock in einem Haus ohne Aufzug. Bei einem Urlaubsaufenthalt 2013 traf ich einmal einen Mann aus Moskau, der nach einem Unfall in seiner Wohnung gefangen war, weil das Haus keinen Lift hatte. Ich war damals, wie er auch, in einer Kurklinik auf der Krimm und sah ihn sehr oft draußen auf dem Hof stehen. Als ich ihn fragte, warum er auch bei Wind und Regen draußen ist, sagte er: „Ach weißt du, wenn ich Pech habe bekomme ich wieder zwei Jahre keine Kur. Dann sitze ich in meiner Wohnung und komme nur raus, wenn mich Freunde die Treppe runter tragen. Da muss ich hier jede Minute draußen nutzen.“ So wie diesem Rollstuhlfahrer geht es sehr vielen Menschen in Russland. Doch auch bei einer Wohnung im Erdgeschoss sind Menschen mit Behinderung nicht sehr mobil. Es gibt kaum abgesenkte Bürgersteige oder Rampen und manchmal nicht einmal befestigte Straßen. Deshalb ist ein „Invalide” in Russland auch so gut wie unsichtbar.

Mehr Teilhabe durch Hilfsmittel reicht nicht

In Sotschi soll nun alles anders sein. Die Bürgersteige sind abgesenkt und an Geschäften und Cafés gibt es Rampen. Außerdem fahren 80 bis 100 Busse mit Rollstuhlrampe und es gibt Markierungen für sehbehinderte Menschen an den U-Bahnstationen. Auch am kulturellen Leben können Menschen mit Behinderungen jetzt teilhaben, dass zeigt man auch gerne in den Nachrichten. Am Kunstmuseum in Sotschi gibt es jetzt einen Außenaufzug, um die Treppen vor dem Haus zu überwinden. Ein einfaches Knopfdrücken reicht. Schon kommt eine Mitarbeiterin mit dem Schlüssel und ab geht die Fahrt. Solche kleinen Hebelifte gibt es auch an deren Stellen in der Stadt. Dort kann man aber leider niemanden rufen, der einen Schlüssel hat und so bleiben diese Hilfsmittel unbenutzt, erzählt Rollstuhlfahrer Vitali dem Reporter.

Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch fand Ende 2013 auch noch einige Barrieren in Sochi. Ein Rollstuhlfahrer sagte im Interview: „Dort drüben bauen sie ganz neue Wohnhäuser. Alle nicht barrierefrei.“ Auch die neu abgesenkten Bürgersteige hätten Mängel und könnten nicht ohne Hilfe genutzt werden. Viele Cafés wären nicht zugänglich, auch wenn das von der Regierung so gewünscht sei, erzählte der Mann weiter. Da bliebe noch viel zu tun.

Im Rollstuhl durchs Station – das geht!

Im Juni 2013 durfte eine Gruppe Rollstuhlfahrer das Olympiastadion auf seine Barrierefreiheit prüfen. Das Urteil: Sehr gut! Ein Interviewter sagte: ”Davon kann man nur träumen. Es ist alles im wahrsten Sinne des Wortes erreichbar. Ich bin wirklich beeindruckt. Jeder, der hierher kommt, kann neue Horizonte erfahren.

Ohne Frage hat Russland beim Bau des Olympia-Parks vieles richtig gemacht. Besucher und auch Sportler werden sich wohlfühlen. Doch welche neuen Horizonte erfährt der Mensch, der aufgrund seiner eingeschränkten Mobilität in den eigenen vier Wänden bleiben muss? Diese Frage bleibt wohl noch zu beantworten auf dem Weg zu einem Russland ohne Barrieren und Stereotypen. Besonders in den Teilen Russlands, die keine Finanzspritze bekommen, wie Sotschi zu den Olympischen Spielen.

Eine Meinung zur Barrierefreiheit in Sotschi aus der Huffingtonpost

Titelbild: Screenshot von einem Artikel bei der Huffington Post