Zur Navigation Zum Inhalt

„Das ist doch was für Dich“

Von

Bloggerin und Autorin Annette Schwindt gehörte zu einer der Ersten, die Leidmedien.de mit einem Beitrag unterstützt haben. Auch schon in den Jahren zuvor hatte sie das Thema Berichterstattung über Menschen mit Behinderung beobachtet und selbst einen Leitfaden für Journalisten entwickelt. In ihrem zweiten Artikel für Leidmedien, beschreibt sie, wie es zu der Zusammenarbeit kam und was für andere Projekte Annette Schwindt und Leidmedien verbinden. schwindt

Nachdem bei einer Veranstaltung neulich Leidmedien.de vorgestellt wurde, erhielt ich via Twitter die begeisterte Empfehlung einer meiner Leserinnen, dass ich mir das unbedingt mal ansehen müsse, das würde mich doch bestimmt interessieren. Dass ich bei Leidmedien nicht unwesentlich beteiligt bin, hatte sie gar nicht mitbekommen. Als ich Andi Weiland und Raúl Krauthausen davon erzählte, beschlossen wir, mal in einem eigenen Artikel festzuhalten, was ich eigentlich mit Leidmedien zu tun habe.

Los geht‘s: Wer sich mit dem Thema Behinderung und Medien auseinandersetzt, stößt früher oder später auf Raúl Krauthausen. Er wiederum kannte meinen Namen durch 2sames.de und so befreundeten wir uns unter anderem auf Facebook. Dort postete Raúl Ende Oktober 2011 den Link zum Mitschnitt seines Auftritts bei Frank Elstners „Menschen der Woche“. Dabei wurde schnell deutlich, dass der Moderator doch einige Schwierigkeiten hatte, Raúl wie jeden anderen Gast zu behandeln. Also schlug ich Raúl vor, beim nächsten Auftritt das Infoblatt mitzunehmen, das ich zu diesem Thema verfasst hatte. Das zweiseitige Infoblatt war bereits 2004 entstanden, als ich die Öffentlichkeitsarbeit für den Kölner Rollstuhltischtennisspieler Holger Nikelis machte. Holger stand damals gerade vor seiner ersten Paralympics-Teilnahme und wir beobachteten immer wieder, dass Journalisten sich auf das vermeintlich „tragische Schicksal“ des „an den Rollstuhl Gefesselten“ bezogen. Bei einem Gespräch mit Mitarbeitern des Internationalen Paralympischen Komitees (IPC) entdeckten wird deren „Guidelines on reporting about persons with a disability“. Nur leider gab es die nicht auf Deutsch. Also fragte ich, ob ich sie übersetzen und verändern dürfe, und das IPC sagte ja. Das Ergebnis meiner Arbeit stellte ich dann auf meiner Website zum kostenlosen Download online.

Als ich 2011 Raúl davon erzählte, reagierte er begeistert und berichtete mir, dass die Sozialhelden gerade etwas in der Art erarbeiten wollten, um im Hinblick auf die 2012 anstehenden Paralympics die Aufmerksamkeit von Journalisten auf das Thema Darstellung von Menschen mit Behinderung in den Medien zu lenken. Also setzten wir uns online zusammen und diskutierten über die im Infoblatt genannten Punkte. Da das Infoblatt wie gesagt auf dem Papier des IPC beruht, bezieht es sich vor allem auf Menschen mit körperlichen Behinderungen. Menschen mit Lernschwierigkeiten kommen darin nicht explizit vor.

Statt mein Infoblatt aber umzustricken, entwickelte das Redaktionsteam von Leidmedien.de auch darüber hinausgehende Tipps, anderes wurde von meiner Liste übernommen. Im August 2012 ging das Ganze dann unter Leidmedien.de mit Hinweis auf mein Infoblatt online. Zusammen mit anderen Autoren steuerte ich auch einen ersten Artikel zu der neuen Website bei und blieb mit Raúl weiter im Gespräch. Inzwischen arbeiten wir nicht nur via Leidmedien zusammen, sondern Raúl unterstützt mich auch bei 2sames.de.

Durch eine chronische Erkrankung erlebe ich es inzwischen oft auch am eigenen Leib, wie hilflos viele Menschen auf Anderssein reagieren. Und so klammern sie sich an Floskeln von Leid und Hilflosigkeit, statt einfach nur den Menschen zu sehen. Mein Infoblatt kann weiterhin kostenlos heruntergeladen werden. Manche, die es heruntergeladen haben, melden sich bei mir und erzählen, wozu sie es nutzen: Die wenigsten von ihnen sind Journalisten. Natürlich gibt es viele Behindertenbeauftragte, die es für ihre Arbeit nutzen. Aber da sind auch Lehrer, Stadtführer oder einfach interessierte Privatleute, die mir danken, weil sie endlich jemand mit ihrer Angst, etwas falsch zu machen, erhört. Viele von ihnen schreiben mir, dass sie sich schon beim ersten Punkt auf der Liste erleichtert fühlten. Dieser Punkt lautet:

„Was einen Menschen ausmacht, sind nicht seine körperlichen Fähigkeiten, sondern seine Persönlichkeit, sein Denken, Fühlen und Handeln. Definieren Sie einen Menschen daher nach diesen Kriterien, nicht über seine Einschränkungen. Denn Einschränkungen hat jeder, auch nicht behinderte Menschen. Bei Menschen mit Behinderung ist nur eine besondere Einschränkung sofort sichtbar. Diese mag für Sie ungewohnt sein, macht Ihr Gegenüber jedoch nicht automatisch zu einem bemitleidenswerten Menschen.“

Print Friendly