Ein politisch korrektes Blog? – Sprache schafft Bewusstsein für Inklusion

Nina Markart / www.jugendfotos.de, CC-Lizenz(by-nc)

„Und was macht das jetzt für einen Unterschied, ob ich »an den Rollstuhl gefesselt« sage oder »fährt im Rollstuhl«“? „Soll ich jetzt Behinderung schön reden?“ „Viele Menschen mit Behinderung sind doch wirklich benachteiligt. Darf ich das jetzt nicht mehr sagen?“

Wir behaupten nicht, dass Sprache die gesellschaftlichen Verhältnisse auf den Kopf stellen kann. Andere Ausdrucksweisen allein können nichts daran ändern, dass behinderte Menschen nach wie vor ökonomisch schlechter gestellt sind [pdf], oft in Sondereinrichtungen leben, in der Umwelt auf Barrieren stoßen und mehr Gewalt erfahren als Nichtbehinderte.

“Sprache schafft Bewusstsein für Inklusion”

Sprache kann Bewusstsein schaffen und veraltete Denkmuster aufschütteln – nicht weniger, aber auch nicht mehr. Als solche aber spielt sie eine wichtige Rolle im Prozess der Inklusion. Ziel dieses Prozesses ist eine Gesellschaft, in der alle Menschen von vornherein dazu gehören – egal welche Bedingungen Körper, Geist und Psyche mitbringen. Dafür braucht man eine barrierefreie Umwelt, aber auch eine „barrierefreie Kultur“. Oft ist die Sprach-Kultur noch geprägt von Stereotypen und Klischees wie dem behinderten „Opfer“ oder „Helden“, der „hilflosen Spastikerin“ oder dem „lustigen Zwerg“.  Eine nicht diskriminierende Sprache kann das Bewusstsein verändern hin zur Inklusion.

Wir wollen Bewusstsein schaffen für falsche Darstellungen, Klischees, Abwertungen und Reduzierungen. Dies verwechseln manche Leute mit dem Ruf nach Politischer Korrektheit. Wir wissen nicht, was „korrekt“ ist – weil sich das ständig verändert. Wörter, die einst als „korrekt“ oder „neutral“ erdacht wurden – wie zum Beispiel „Senioren“ oder „Ausländer“ – haben mittlerweile einen abwertenden Beigeschmack bekommen.

“Darf ich noch ‘behindert’ sagen?”

 Auch das Wort „Behinderung“ hat einmal als beschönigender Oberbegriff alte diskriminierende Bezeichnungen wie „Krüppelhaftigkeit“, „Lähmung“ oder „Schwachsinn“ abgelöst. Mittlerweile ist „behindert“ ein gern gebrauchtes Schimpfwort auf Schulhöfen. Dass vermeintlich neutrale Worte sich ins Gegenteil verkehren können (die sogenannte Euphemismus-Tretmühle) ist uns bewusst. Wörter kann man also nur in ihrem jeweiligen Kontext beurteilen – was heute neutral und wertfrei erscheint, kann morgen eine Diskriminierung sein. Was wir möchten, ist einen Blick auf diesen Kontext werfen – in seiner derzeitigen Form.

Wir behaupten nicht, dass unsere Hinweise absolut gültig sind. Und im Übrigen sollten immer die Betroffenen selbst entscheiden, wie sie genannt werden möchten oder mit welchen Worten ihr Leben beschrieben werden soll. Sie allein können wissen, was sie abwertet und was nicht.

Auch andere Autorinnen und Autoren machen sich Gedanken zum Thema Sprache und Behinderung. Zum Beispiel: Daniel Benedict „Darf man behindert sagen? Wie Sprache Menschen mit Down-Syndrom ausgrenzt – eine Antwort auf Leserbriefe zur Trisomie-Debatte” Neue Osnabrücker Zeitung; www.noz.de, 16.7.2012 Christine Adam: „Sprache als Falle” Neue Osnabrücker Zeitung; www.noz.de, 16.7.2012

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