Klamotten einkaufen, aber keiner ist in der Nähe, der mal sagt, ob das wirklich gut aussieht? Mit der App „Be My Eyes“ können blinde Menschen sich, wenn sie alleine unterwegs sind, Produkte und anderes beschreiben lassen. Philip Kretschmer hat die App mit Nutzer Peter Eisenach getestet.

„Quizduell, Vibrationsmemory, Pfeil und Bogen…“, es sprudelt nur so aus Peter Eisenach heraus, wenn das Thema auf seine Lieblingsspiele kommt. Seit zwei Jahren hat er ein iPhone und es ist für ihn mehr als ein Statussymbol: Wenn man sich ein so teures Gerät schon kaufe, müsse man es auch nutzen, findet Peter Eisenach. Und nicht nur Spiele interessieren den 50-jährigen Berliner, auch Apps, die in Alltagssituationen helfen, stehen bei ihm hoch im Kurs. Egal ob „Blindsquare“  oder „Greta & Starks“, Peter Eisenach kennt es schon. Auch die App „Be My Eyes“ hat er schon heruntergeladen. Bei „Be My Eyes“ können sich blinde und sehbeeinträchtigte Menschen die Augen von Freiwilligen auf der ganzen Welt „leihen“. Über die kostenlose App wird man mit einem Menschen verbunden, der sich als sehender Nutzer registriert hat und in diesem Moment online ist. Dann hält man seine Handykamera auf den Gegenstand oder die Szenerie, die einen interessiert. Die sehende Person sieht auf seinem Bildschirm das Bild und kann einem beschreiben, was zu sehen ist.

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Peter Eisenach hat sich entschlossen, die App heute zu testen. Er hat „Be My Eyes“ schon zweimal benutzt, einmal um sich das Etikett eines Elektroartikels vorlesen zu lassen – er hatte Angst, dass dieser nicht für Steckdosen in Deutschland ausgelegt wäre – und einmal, um die Farbe von Socken herauszufinden. Die elektronische Hilfe durch Fremde hat für ihn einen entscheidenden Vorteil: „Man muss nicht bei jeder Kleinigkeit sein Umfeld nerven. Bei denen frage ich schon oft genug nach.“ Außerdem könne man sich durch die Anonymität ganz auf den Informationsaustausch konzentrieren: „Wenn ich das meine Mutter frage, dann fragt sie zurück, warum ich mir die Farbe denn nicht im Geschäft habe sagen lassen.“ Doch vor einer intensiveren Nutzung von „Be My Eyes“ stellen sich Peter Eisenach auch viele Fragen: Gibt es immer jemanden, der gerade online ist, um zu helfen? Können ungeübte UnterstützerInnen überhaupt genau genug beschreiben? Ist die Übertragung zeitgleich, kann man also beispielsweise nach der Farbe der Ampel fragen oder ist die Verzögerung zu groß? Kann man sich auf die Aussagen der sehenden UnterstützerInnen verlassen? Schließlich gibt es außer der Anmeldung keine weitere Prüfung durch den App-Anbieter.

Der Test: Alleine einkaufen gehen

Peter Eisenach will nun herausfinden, ob er mithilfe der App auch spontan an einem ungewohntem Ort einkaufen gehen könnte. Dafür hat er sich den Hermannplatz in Neukölln ausgesucht, will dort nach Schuhen schauen und danach noch etwas essen. Normalerweise fährt er dafür zu einem großen Kaufhaus am Alexanderplatz. Dort kann man sich vorher anmelden und bekommt dann eine Verkäuferin zur Seite gestellt, die einen beim Einkauf begleitet. Heute will er testen, ob die App diese Person ersetzen könnte.

Der Test beginnt vor Peter Eisenachs Haustür. Und prompt kommt ihm die erste Idee, wofür er „Be My Eyes“ nutzen könnte. Zur Orientierung benutzt er nämlich gewöhnlich eine Säule, die nur wenige Meter von der Ampel entfernt steht. Eine Litfaßsäule, vermutet Peter Eisenach, doch heute will er es mit Hilfe von „Be My Eyes“ genau wissen. Der Verbindungsaufbau funktioniert einwandfrei, es dauert ungefähr 30 Sekunden, bis sich ein Unterstützer meldet. Peter Eisenach erklärt sofort, was er gerne wissen möchte, doch als er fertig ist, herrscht Stille. Dann ein zaghaftes: „Sorry, do you speak english?“; kurz danach hat der Unterstützer schon aufgelegt. Er hat entweder aus Versehen Deutsch angeklickt oder seine Fähigkeiten in dieser Sprache überschätzt. Denn jeder Unterstützer, der sich anmeldet, kann angeben, in welchen Sprachen er kommunizieren möchte beziehungsweise kann. Überprüft wird das jedoch offensichtlich nicht. Wäre es sein erster Versuch mit der App gewesen, wäre Peter Eisenach jetzt vielleicht abgeschreckt.

Ist die Ampel schon grün?

Doch er lässt sich nicht entmutigen. Schon hat er den nächsten Unterstützer in der Leitung und der spricht auch deutsch. Der junge Mann wirkt zu Anfang ein wenig irritiert, als sich Peter Eisenach von ihm detailliert die Litfaßsäule und die darauf abgebildeten Plakate beschreiben lässt. Aber zunehmend taut er auf und als Peter Eisenach ihn noch nach der Ampelfarbe gegenüber fragt, ergibt sich sogar ein kleiner Plausch, denn der Mann erkennt, dass sich Peter Eisenach in Berlin befindet. So wird auch der Ampel-Test erfolgreich abgeschlossen. Auch wenn es natürlich mutig ist, sich bei Ampfelfragen auf einen Fremden zu verlassen, technisch klappt es: Die Ansagen per Handy erfolgten nur mit minimaler Verzögerung, wie Peter Eisenach an den Motorengeräuschen der stehenden Autos und der Schritte der Fußgänger erkennt.

Die positive Erfahrung motiviert Peter Eisenach noch mehr. Die nächste Herausforderung ist U-Bahnfahren. Peter Eisenach will am Gleis über die App erfahren, ob seine Bahn tatsächlich dort abfährt und wann sie kommt. Doch wegen der schwachen Internetverbindung im U-Bahnschacht kommt keine Verbindung zur App zustande. Die Live-Übertragung seines Videos braucht ein großes Datenvolumen – dieses gibt sein Netz unter der Erde nicht her. Also muss er wie üblich einen Menschen auf dem Bahnsteig um Auskunft bitten.

Schuhkauf mit Alltagstipps

Am Hermannplatz führt der Weg dann in einen Schuhladen. Dort fragt Peter Eisenach die Verkäuferin nach Schuhen, die denen ähneln, die er selbst gerade trägt. Schnürsenkel zugebunden, Telefon gezückt und direkt hat er einen älteren Herrn aus Bern in der Leitung. Mit leichtem Schweizer Akzent erklärt dieser ihm, wie die Schuhe aussehen. Nur die genaue Farbe kann er aufgrund der Lichtverhältnisse nicht erkennen. Doch trotzdem bekommt Peter Eisenach noch einen praktischen Tipp: „Er konnte mir nicht genau sagen, ob das jetzt cremefarben ist oder etwas anderes, aber er meinte, dass die Schuhe schnell dreckig werden.“ Die Schuhe bleiben im Geschäft.

Nach dem Einkauf möchte Peter Eisenach noch etwas essen gehen. Er weiß, dass es am Hermannplatz eine bekannte Fastfood-Filiale gibt, aber nicht, wo genau sich diese befindet. Sein Unterstützer ist diesmal ein Däne, Peter Eisenach schwenkt seine Kamera über den Platz, aufgeregt fängt der andere sofort an zu beschreiben: „Da ist eine große Straße, mit Autos…“ Peter Eisenach unterbricht ihn freundlich: „Keine Angst, ich gehe jetzt nicht einfach los.“ Er fragt, ob ein Schnellrestaurant zu sehen sei und schwenkt die Handykamera nochmal langsamer. Der Mann wirkt ein bisschen verloren, denn der Hermannplatz ist voll mit Menschen, Marktständen und Lieferwagen, bis er schließlich auf der anderen Seite das gesuchte Schnellrestaurant entdeckt. Peter Eisenach ist sich zwar nicht sicher, ob der Däne ihm auch schnell und präzise den Weg zu anderen unbekannteren Restaurants hätte zeigen können und sein Deutsch war auch nur gerade so verständlich. Aber, er findet es gut, dass sich viele Menschen aus anderen Ländern als UnterstützerInnen anmelden: „So lernt man Menschen aus der ganzen Welt kennen. Und es hat ja auch funktioniert.“

„Be My Eyes“ hilft auch sehenden Menschen

Alles in allem ist Peter Eisenach am Ende des Tages sehr zufrieden. Die App funktioniert bei ihm technisch einwandfrei, nur das Datenaufkommen ist mit 80 MB während des Tests erheblich. Schade findet er es allerdings, dass es die App nur für das iPhone gibt und noch nicht für Android oder Windows-Smartphones.

Aber die Beschreibungen von den wildfremden Menschen waren präzise und haben gestimmt und die sehenden Unterstützer wurden auch lockerer, je länger er sich mit ihnen unterhalten hat. So könne die App helfen, Unsicherheiten im Umgang mit blinden und sehbeeinträchtigten Menschen abzubauen. Die Erkenntnisse, wo Unterstützung notwendig ist, können die Unterstützer auch im Alltag anwenden: Wenn sie beispielsweise einen blinden Menschen auf der Straße treffen, fällt es ihnen sicherlich leichter auf diesen zuzugehen und Hilfe anzubieten. Sie wissen aber auch, dass blinde Menschen in vielen Fällen gut alleine zurecht kommen. Aber für Peter Eisenach soll die App den direkten menschlichen Kontakt nicht ersetzen. Seine Einkäufe will er weiter lieber im Kaufhaus am Alexanderplatz erledigen: „Dort kenne ich die Verkäuferin ja mittlerweile richtig, die sagt mir auch mal, dass ich das Hemd gleich wieder ausziehen soll, weil es meiner Freundin sowieso nicht gefallen wird.“

Nicht nur Peter Eisenach ist Fan von „Be My Eyes“: 

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Titelbild: Emil Jupin & Thelle Kristensen, Bemyeyes.org