Ob als Wettermoderatorin für einen Tag oder mitten drin in Castingshows: Mit verschiedenen Facetten nahmen behinderte Menschen an Medienspektakeln 2017 teil. Es könnte noch selbstverständlicher werden, dass sie Medien aktiv mitgestalten. Immerhin werden brennende Themen in Beiträgen behandelt. Lilian Masuhr mit einem Jahresrückblick.

Das Thema Vielfalt in den Medien erweitert sich langsam um den Aspekt Behinderung. Dies zeigten Veranstaltungen wie “Mit Vielfalt gegen Populismus” der ard.zdf medienakademie und der “Diversity Day” vom NDR, auf dem über die Vielfalt unter den eigenen Mitarbeiter*innen diskutiert wurde. Außerdem nutzten Radiosender Thementage, um sich mit Behinderung zu beschäftigen: Bei NDR 90,3 wurde der Stand der Inklusion in Hamburg mit Themen wie Mangel an Arbeit und Wohnraum diskutiert; bei Deutschlandfunk Kultur waren behinderte Talkgäste sowie Co-Moderator*innen zum Gespräch über “Behinderung? Enthinderung! – Zwischen Inklusion und Avantgarde” eingeladen.

Doch reicht es, wenn behinderte Menschen Star für einen Tag sein dürfen? Ja, es ist logisch, wenn an Welt-Tagen einer bestimmten Behinderung vermehrt berichtet wird (und Autist*innen auch schweigen dürfen). Ja, es ist toll, wenn eine Frau mit Down-Syndrom auch mal die Wetternachrichten moderiert, oder der Bundeskanzlerin Angela Merkel im Fernsehen eine Frage stellen darf. Und es ist wichtig, dass Menschen wie Sebastian Urbanski im Deutschen Bundestag zu den Verbrechen im Nationalsozialismus sprechen. Aber in vielen Bereichen der Öffentlichkeit – Moderation, Journalismus, Schauspiel –sind behinderte Menschen weiterhin unterrepräsentiert.

Disability Mainstreaming

Wenn behinderte Menschen zur Primetime im Fernsehen oder auf dem Cover einer Zeitung zu sehen sind, wenn sie selbstverständlich in Mainstream-Formaten vorkommen, ist es Disability Mainstreaming. In den USA gehören dazu zahlreiche US-Serien, und neuerdings der Auftritt einer ertaubten Sängerin bei “America’s Got Talent” und jener einer behinderten Frau bei einer Miss-Wahl (statt Rollstuhl-Miss-Wahl). In deutschen Medien war sicher die Teilnahme eines Paralympic-Sportlers beim Promi-Tanzwettbewerb “Let’s Dance” (RTL) ein Novum. Und in der Werbung sahen wir plötzlich behinderte Fotografen (Expedia, Osram).

Auch wenn sich in Beitragsreihen nicht alles nur um die Behinderung dreht, wird jene selbstverständlicher Teil einer Person. Beispiele waren die “Bekenner-Videos” von Bento über Lebenserfahrungen, die für andere schwer erscheinen und die “Barrierefreitag-Videos” der Aktion Mensch, bei dem Accounts bekannter Youtuber durch Menschen mit Behinderung übernommen wurden. Infolge der #metoo-Debatte über Sexismus in unserer Gesellschaft war der Journalist Enno Park in erster Linie als Mann im Deutschlandfunk und Autorin Laura Gehlhaar in erster Linie als Frau auf ZeitOnline. Poetry-Slammerin Ninia La Grande war im Magazin “Eltern” in erster Linie eine werdende Mutter und schrieb selbst über z.B. ihre Arbeit als PoetrySlammerin und die Bundestagswahl.

Themen: Wer keine Wahl hat, hat die Qual

Die Bundestagswahl war für Menschen mit Behinderungen besonders brisant, weil zunehmend Parteien gegen Inklusion im Schulsystem Wahlkampf machten und Belange behinderter Menschen in den Parteiprogrammen kaum vorkamen. Während gehörlose Menschen über ein TV-Duell zwischen Angela Merkel und Martin Schulz mit Untertiteln und Gebärdensprache endlich einbezogen wurden, blieben viele Menschen mit Behinderungen weiterhin ausgeschlossen. Denn 85.000 Menschen mit Behinderung dürfen gar nicht wählen – im Gegensatz zu 14 anderen EU-Staaten –, was zahlreiche Medien thematisierten (ZDF,Deutschlandfunk, tagesschau.de, taz). Mit dem neuen Bundesteilhabegesetz bleibt darüber hinaus die Gefahr, dass behinderte Menschen gezwungen werden, ins Behindertenwohnheim zu ziehen, statt Assistenz zu Hause anzustellen. Welche Missstände es teilweise in Wohnheimen gibt, zeigte das Heimexperiment von Raúl Krauthausen mit dem “Team Wallraff – Reporter undercover” (RTL). Übergriffiges Verhalten bis hin zu Gewalt in der Pflege betrifft vor allem Frauen mit Behinderung, und über sexualisierte Gewalt und körperliche Selbstbestimmung berichteten die taz und das Magazin Vice.

Themen: Arbeiten für 1,50 Euro die Stunde

Solange die Wahl verwehrt bleibt, die Wohnform, genauso wie den Arbeitsplatz selbst zu wählen, bleiben behinderte Menschen unfrei. Auch 2017 blieb die Arbeitslosenquote unter behinderten Menschen hoch und ein Großteil landet in Behinderten-Werkstätten, zu einem Lohn von weniger als 1,50 Euro pro Stunde (Tagesschau). In den Medien wurde vielfach über die Problematik berichtet (ARD, DetektorFm), und vor allem bei Zeitonline: Erlebnisse einer Frau mit Epilepsie bei Bewerbungsgesprächen, Einkommen von behinderten Menschen und die Barrieren in den Köpfen.

Auch wenn Menschen mit Behinderung eingestellt werden, kämpfen sie mit Vorurteilen, etwa in Jobcentern (Rollingplanet), als Ärztin im Rollstuhl (New York Times) oder gehörlose Kindergärtner*innen (Sächsische Zeitung). Der Bonner Generalanzeiger berichtete über die erfolgreiche Einstellung eines Supermarkt-Angestellten mit Down-Syndrom, der Sender Puls vom Bayerischen Rundfunk über eine blinde Psychotherapeutin, die FAZ über einen blinden Referatsleiter im Bundesjustizministerium und der Deutschlandfunk über einen blinden Lehrer. Ein Beispiel für erfolgreiche Vermittlung gibt’s auch im Andersmacher-Video der Sozialhelden mit Fabio Liebig:

Bildung: das Recht auf Lernen

Auch in Sachen inklusiver Bildung liegt Deutschland im internationalen Vergleich unerwartet weit hinten. In den Medien werden weiterhin häufig die Nachteile gezeigt, aber es mehren sich auch Berichte von Tipps von Lehrer*innen und Eltern (SZ, Spiegel Online, FAZ). Über die Vor- und Nachteile unterschiedlicher Schulformen berichtete Deutschlandfunk Kultur im Porträt von zwei schwerhörigen bzw. gehörlosen Schüler*innen. Vom Ausland lernen könnte helfen, was Berichte wie über das Auslandsstudium in Italien zeigen (ze.tt). Außerdem lohnt der Perspektivwechsel: ob Grundschullehrer für Englisch (Aktion Mensch) oder Universitätsdozent für Lehramstudierende (Kieler Nachrichten).

Unterhaltung: Weder Spast, noch Zwerg

Wie Barrieren in der Sprache abgebaut werden können, zeigte humorvoll der Spot “Not Special Needs” der Vereinigung Coordown zum Welt-Downsyndrom-Tag. Menschen mit Behinderung wird häufig gesagt, sie hätten “besondere Bedürfnisse”, was viele von ihnen anders sehen, es seien einfach nur Bedürfnisse.

Doch einmal sensibilisiert, bedeutet nicht verstanden. Nachdem Moderator Oliver Polak sich mit Mickey Beisenherz ernsthaft mit Comedy über Behinderung in einer Sendung über kleinwüchsige Menschen beschäftigt haben muss, verwunderte seine neue Sendung “Applaus und Raus” (Pro7) doch sehr. Diese war mit dem Hashtag #GastOderSpast auf Twitter präsent, und bekam sogar einen Grimme-Preis, auch wenn der Jury-Vorsitzende und ein weiteres Jurymitglied sich öffentlich distanzierten und der Protest auf Social Media groß war (Tagesspiegel, Deutschlandfunk). Umso besser, dass bei den Grimme Online Awards einige Projekte rund um Inklusion ausgezeichnet wurden.

Ähnlich überraschend war eine Produktion der Bild und Ton Fabrik GmbH. Vermutlich waren die Produzent*innen anwesend, als die rollstuhlfahrende Autorin Laura Gehlhaar zu Gast bei Jan Böhmermann im NEO MAGAZIN ROYALE war. Dennoch ließen sie kurz darauf einen kleinwüchsigen Mann im Werbespot “Midget Spinner” (midget = Zwerg) bei “funk” rumtanzen. Nach Protest und Medienberichten (BILD und DWDL), entschuldigte sich “funk”. Komplizierterweise fand der im Clip mitwirkende Schauspieler, Peter Brownbill, das wiederum gar nicht lustig.

Filme: Kinder-Serien und Rollen-Besetzung

Was US-Serien für Kinder und Jugendliche wie South Park und American Dad schon lange hinbekommen, nämlich Figuren mit Behinderung mitzudenken, hat 2017 die “Sesamstraße” mit der Autistin Julia geschafft. Die Medien (z.B. ze.tt) haben das gefeiert, und immerhin war auch die Puppenspielerin selbst Mutter eines autistischen Sohnes. Viele Autist*innen kritisieren aber, dass die Sesamstraße mit der Organisation Autism Speaks kooperiert hat, die unter anderem Autismus als zu heilende Krankheit begreift. Das “Sandmännchen” gibt es nun auch in Gebärdensprache (im Internet und der Sandmännchen-App). Die “Sendung mit dem Elefanten” (WDR) brachte immerhin ein Spezial mit einem Jungen mit Down-Syndrom und in Gebärdensprache, doch auch hier waren die Reaktionen gemischt.

Überhaupt wurden auch 2017 Figuren mit Behinderung meist mit nicht behinderten Schauspieler*innen besetzt (z.B. die Rolle der blinden Strafverteidigerin Pamela Pabst in ARD-Serie durch Lisa Martinek, Jacke Gyllenhaal in “Stronger”). Gegenbeispiele war die Rolle des Autisten Mickey Rowe im Stück “The Curious Incident of the Dog in the Night-Time” auf der Theaterbühne im Bundesstaat New York. Hierzulande könnte sich einiges ändern, wenn wie vom Deutschen Kulturrat gefordert, Menschen mit Behinderung einen Zugang zur regulären, künstlerischen Ausbildung bekommen. Was wäre, wenn bekannte Filme einfach mal mit behinderten Schauspieler*innen (in der Hauptrolle!) besetzt würden, hat die Aktion Mensch ausprobiert:

Neue Perspektiven in Sport und Mode

Während es bei der Para-WM Leichtathletik in London trotz deutscher Erfolge in den Medien sehr still blieb, war die Stille während der Spiele der Blindenfußball Europameisterschaft mitten in Berlin allein den Spielregeln geschuldet – und die Medien berichteten ausführlich (ZDF Sport, BR). Ob sich bei den Paralympischen Winterspielen in Südkorea das hält, was Sportler und Journalist Gerd Schönfelder beschreibt – ein zunehmender Fokus in den Medien auf die Leistung, nicht die Behinderung – wird sich zeigen. Erfreulich, dass zunehmend Sportjournalist*innen mit Behinderung aktiv werden, etwa die mit dem “German Paralympic Media Award” ausgezeichneten Nachwuchsjournalist*innen der Riomaniacs (Marcel Wienands) und David Hock.

So wie im Sport auf Leistung geschaut wird, soll auch die Qualität der Mode für behinderte Menschen gesteigert werden. Zu recht fragte Campaigner Michel Arriens: „Welcher Erwachsene möchte mit Winnie Puuh und Co. auf dem T-Shirt rumlaufen?“ im Bericht über das neue Modelabel “Auf Augenhoehe” für kleinwüchsige Menschen. Was Mode für Autist*innen bedeutet beschrieb Autorin Marlies Hübner und das Projekt “Beyond Seeing” zeigte Mode für blinde und sehbehinderte Menschen auf einer Fashionshow in Berlin. Ebenso erfreulich, dass das Model Madeline Stuart mit Down-Syndrom nicht nur einmal als Marketing-Kniff auf der New Yorker Fashion Week mitlief, sondern nun ihre eigene Modelinie dort präsentierte.

Sex und Elternsein mit Behinderung

Wenn Sex von Leute mit Behinderung in den Medien Thema ist, kommen oft vor allem Sexualassistentinnen zu Wort, und das in unterschiedlicher Qualität Sex im Treppenlift” (Express) im Vergleich zu “So arbeitet eine Sexualbegleiterin wirklich” (zett). Zunehmend werden auch behinderte Menschen selbst interviewt  etwa die Autorin Laura Gehlhaar in der YouTube-Serie “Auf Klo” oder der YouTuber Dominik Fels in der Reihe “Frag mich doch” der Aktion Mensch. Einfühlsam war auch das Porträt im Magazin Vice über Menschen, die nach einem Unfall ihr Sexleben neu ordnen müssen. Nacktheit und Triebhaftigkeit zeigten auch Theaterbühnen  etwa “Die Räuber” im Theater RambaZamba in Berlin (Nachtkritik) und “Fucking Disabled” im Pathos Ateliers in München mit Lucy Wilke der Band blind & lame (Süddeutsche Zeitung).

Der Mut, frühere Tabuthemen anzugehen, zeigte sich auch in Berichten über Familien: mit Frauen, die genauso frei über das Leben mit einem behinderten Kind schreiben (zeitonline), als auch über den Schwangerschaftsabbruch erzählen (taz, funk), und Menschen mit Behinderung, die selbst Eltern wurden (Missy Magazin, ZDF). Die Reportage “Vererbte Behinderung: Mama?” auf SPIEGEL ONLINE bekam sogar den 2. Preis beim Reportagepreis für junge Journalisten, wobei hier sprachlich leider der Schwerpunkt auf den Defiziten lag. Gehörlose Eltern eines gehörlosen Kindes gelangten in die Schlagzeilen, weil ein Arzt die Operation des Cochlea-Implantats gegen ihren Willen verlangte (Spiegel Online).

Barrierefreiheit: Deutsche Sprache, Leichte Sprache!

Dass es die Wahlprogramme zur Bundestagswahl in Leichter Sprache gab (wie auch die Jahre davor), veranlasste einige Journalisten generell die Verwendung von Leichter Sprache in Frage zu stellen. Anne Leichtfuß klärt auf, warum wir Leichte Sprache brauchen, ein Kommentar in Leichter Sprache erschien auch bei “taz.leicht”. Spätestens seit der Studie zur Mediennutzung der TU Dortmund war klar, dass behinderte Menschen sich auch Sendungen im Privaten Fernsehen wie “Bauer sucht Frau” barrierefrei wünschen. Jetzt werden 2018 RTL, RTL 2 und Vox voraussichtlich ihre Primetime-Sendungen und Fußballspiele zumindest mit Untertiteln ausbauen. Für blinde Menschen tat sich Einiges auf Social Media: sowohl das ZDF als auch der Deutschlandfunk fingen an, ihre Bilder auf Twitter mit Alternativtexten zu beschreiben. Das funktioniert selbsterklärend über die Einstellung “Barrierefreiheit”.

Im öffentlichen Raum bleibt Barrierefreiheit ein wichtiges Thema. Erst nach Protesten wurde  2017 gehörlosen Menschen der Zutritt zu Achterbahnen im Phantasialand erlaubt (Petition) und Nutzer*innen von Rollern, wie Michel Arriens, die Busfahrt in Hamburg ermöglicht.

Tschüss 2017, hallo 2018!

Im nächsten Jahr wird sich zeigen, was die neue Regierung für behinderte Menschen bereit hält und inwiefern dies ihre Situation vom Wohnen und Arbeiten beeinflussen wird. Für die Medien stellt sich die Frage, wie lange noch der Alltag von behinderten Menschen als interessant genug gilt, sodass er alle anderen brennenden Themen überdeckt. Auch wird das Thema Intersektionalität zunehmen  etwa der Blick auf Menschen mit Behinderung, die sich gleichzeitig der LGBTQI-Community zugehörig fühlen, wie gehörlose schwule Väter, oder Menschen mit Behinderung, die aus Krisengebieten nach Deutschland geflohen sind. Der Blick über den Tellerand ins Ausland, was Medien und Gesellschaft zum Thema Inklusion anbelangt (siehe Inklusionstage BMAS, Studie Österreich, Sozialhelden in Kanada), wird 2018 sicher weiterführen. Doch solange hierzulande noch Menschen mit Down-Syndrom in den Medien als “Mongos” bezeichnet werden (BILD) und Barrierefreiheit im Museum als “inklusiver Schnickschnack” (Welt) abgetan wird, gibt es noch eine Menge zu tun.

Bilder 2017

In der Bildsprache über Behinderung kommen die Medien langsam voran, und der Wunsch, merkwürdige Stockfotos zu umgehen wird hoffentlich größer. In der taz machte sich Franziska Seyboldt Gedanken über die bildliche Darstellung von psychischen Beeinträchtigungen. Bei Blendle wurden Momentaufnahmen von Menschen gezeigt, kurz bevor sie stottern. Das Projekt “para-normal-lifestyle” möchte mit Fotos und Kurzgeschichten eine andere Sicht auf ein Leben mit Querschnittslähmung geben. Unser Schwesterprojekt Gesellschaftsbilder.de, eine Fotodatenbank mit klischeefreien Bildern zu Behinderung, mit einem Einblick in die Bilder 2017:

In unserer Linkliste 2017 findet ihr Projekte, Filme und Texte, die von Menschen mit Behinderung berichten, von ihnen angestoßen und gemacht wurden sowie Kurioses aus dem Alltag.

Titelbild: Andi Weiland

Bildergalerie: Andi Weiland, Daniela Buchholz