Vom 24. bis zum 26. September fand die mehrtägige Konferenz Meeting Place in Alice Springs statt. Organisiert von Arts Access Australia, dem Dachverband australischer Künstler*innen mit Behinderung. Auch zwei Berliner Künstler*innen waren vor Ort. Annton Beate Schmidt befragte sie zu ihren Erlebnissen. 

Empowerment von behinderten Künstler*innen – Darum ging es vor allem bei Podiumsdiskussionen und verschiedensten Workshops beim Meeting Place. Außerdem wurde breit über künstlerische Positionen diskutiert; etwa mit Julia Hales, einer Darstellerin und Autorin, deren Show „You know we belong together“ beim diesjährigen Festival in Perth vor ausverkauftem Haus stattfand und durch die Partizipation speziell von Politiker*innen direkte Einflussname auf die Politik möglich machte.

Ebenso gab der bis dato Vorsitzende des australischen Council of Arts, Tony Grybovski bekannt, dass in den kommenden 3 Jahren über 750.000$, etwa 475.000€, in Form eines Mentoring-Programmes und zweier, neu ausgerufener Preise für Künstler*innen mit Behinderung bereitgestellt werden. Ein Verdienst der stetigen Arbeit des Dachverbandes Arts Access Australia und dem Engagement all seiner lokalen Unterverbände.

Während die Veranstaltung bisher von Jahr zu Jahr an immer wechselnden Orten des australischen Kontinents stattfand, reiste die Konferenz im vergangen Jahr zum ersten Mal außerhalb Australiens und richtete im Berliner Podewil den ersten internationalen Meeting Place aus. Die eintägige Veranstaltung bot mit Keynotes, interaktiven Workshops und Diskussionsrunden vielfältige Möglichkeiten, sich über die neuesten Entwicklungen der Kunst und Künstler*innen mit Behinderung zu informieren.

Erwartungen der Berliner Künstler*innen

In diesem Jahr hatten schließlich zwei bildende Berliner Künstler*innen, Dirk Sorge und Jovana Komnenic, die große Chance ihre Koffer zu packen und zunächst der Konferenz in Alice Springs beizuwohnen und sich im Anschluss daran auf den Weg nach Perth zu machen. Dort besuchten sie DADAA – Disability in the Arts Disadvantages in the Arts, eine Non-Profit Organisation, die sich besonders um künstlerische Entwicklungen auf kommunaler Ebene bemüht und präsentierten eine interaktive Ausstellung.  

Neben ihrer Arbeit als Künstler und Künstlerin, haben Dirk Sorge und Jovana Komnenic ebenfalls Berlinklusion mit gegründet. Berlinklusion ist eine Initiative, die sich zum Ziel gesetzt, hat Künstler*innen mit Behinderungen zu vernetzen und Institutionen, wie z.B. Museen für das Thema Inklusion zu sensibilisieren und sie dabei zu unterstützen, Menschen mit Behinderungen in ihre Konzeptionen einzubeziehen. In dieser Funktion war Berlinklusion 2017 auch einer der Partner des Berliner Meeting Place, den Jovana Komnenic und ihre Kollegin Kate Brehme wesentlich kuratierten. Gefördert wurde der Meeting Place von Diversity.Arts.Culture, dem Berliner Projektbüro für Diversitätsentwicklung und dem Förderband e.V.

Ein Klassenzimmer mit Schüler*innen ist zu sehen. Die Kinder sind von hinten und nur verschwommen zu sehen, im Vordergrund steht das Wort Inklusion.

„Ich wusste aus der Zusammenarbeit im Vorjahr, dass mich eine sehr professionelle und ausgesprochen warmherzige Zusammenarbeit erwarten würde,“ erzählt Dirk Sorge. Er selbst war bereits einmal in Australien und hatte eine ziemlich konkrete Vorstellung von dem Land und seinen Menschen. „Es war ein bisschen, wie zu einem alten Freund zu fahren“, meint der Künstler. Jovana Komnenic hingegen wusste nicht was sie, vor allem in Bezug auf die australische Gesellschaft, erwartete. Einem für sie unbekannten Gemisch aus junger Demokratie und alter, indigener Kultur. Und so machte sie sich mit „respektvoller Offenheit auf den Weg.“

Viel Zeit, um über die bevorstehende Erfahrung zu grübeln, hatten beide nicht. Neben den Vorbereitungen verschiedener Workshops für die dreitägige Konferenz in Alice Springs und der anschließenden Ausstellung für DADAA in Perth, galt es auch noch bis kurz vor der Abreise die Finanzierung des Austausches zu stemmen und Visahürden zu überwinden. Erst ganz kurz vor dem tatsächlichen Abflug war klar, dass sowohl Dirk Sorge als auch Jovana Komnenic sich auf die weite Reise nach Down-Under machen können. Ermöglicht wurde der Trip von Imke Bauman von Förderband e.V., dem Goethe-Institut und der deutschen Botschaft in Australien. „Im Vorfeld wirkt alles sehr, sehr anstrengend. Sobald diese Probleme gelöst waren, fiel sämtliche Anspannung von mir ab“, so Jovana Komnenic.

Australische Professionalität und Leichtigkeit

Besonders beeindruckt war Dirk Sorge, der unter anderem Computerprogramme kreiert, die selbstständig Kunst generieren, von dem The Other Filmfest, organisiert von DADAA in Perth. Dieses stach für ihn besonders durch seine hohe Professionalität und auch durch die breite internationale Filmauswahl heraus.

„Allgemein legen Institutionen in Australien ihren Fokus weniger auf die Behinderungen von Künstler*innen, sondern auf deren Arbeiten. Es wird sich mehr an Kund*innen orientiert und es gibt laute Forderungen nach Mainstream. Die Arbeiten von Künstler*innen mit Behinderungen sollen an den gleichen Orten und innerhalb des gleichen Spektrums stattfinden, wie die ihrer nichtbehinderten Kolleg*innen.“ Darüber hinaus fiel Dirk Sorge auf, wie mit sehr viel Humor und Spaß gearbeitet wird und darüber hinaus die Vernetzung untereinander wesentlich dichter ist. Innerhalb des deutschen Kulturbetriebes wurschteln viele so vor sich hin und es gibt nicht einmal Erhebungen darüber, wie viele Künstler*innen mit Behinderungen professionell tätig sind. 

„Mich haben in erster Linie die Leichtigkeit und Freundlichkeit sehr inspiriert, das Verständnis füreinander und der Umgang mit Problemen, der grundsätzlich lösungsorientiert war. Kolleg*innen zu betrachten, deren Grundhaltung Respekt und Demut sind, und wie sie diese in ihre Arbeit implementieren, war wirklich beeindruckend“, bemerkt Jovana Komnenic. Alleine die Umgangssprache sei wesentlich weniger gewalttätig und viel höflicher, als die mit der wir zum Beispiel täglich in Berlin umgingen.

Jovana Komnenic verwendet in ihrer künstlerischen Arbeit zu einem großen Anteil das Medium der Zeichnung bzw. Formen des künstlerischen Ausdruckes, die sich jeweils aus der Thematik der Arbeit ergeben. Sie ist fest davon überzeugt, dass es in Australien nicht die Künstler*innen sind, die im Vergleich zu Deutschland eine andere Professionalität an den Tag legen. Für sie macht maßgeblich eine andere Umgebung den Unterschied aus. Eine grundsätzlich inklusivere Unterstützung der Umwelt, verändert das Selbstverständnis von Menschen mit Behinderung. „Ich wünsche mir, dass wir es schaffen, mehr offene Räume zu gestalten, die allen einen respektvollen Zugang ermöglichen. Dass Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen in Räume kommen können, wo wir schlicht alle sind, wie wir sind.“

Behinderungen als Qualifikationen zu betrachten – ein Perspektivwechsel

Einig sind sich Dirk Sorge und Jovana Komnenic vor allem darin, dass die Verbände australischer Künstler*innen mit Behinderungen, seien es Arts Access Australia oder DADAA in Perth, den Inklusionsbegriff wesentlich breiter interpretieren, als wir das in Deutschland allgemein tun. Hier fällt der Begriff hauptsächlich im Zusammenhang mit schulischen Strukturen und der Integration von Kindern und Jugendlichen mit Behinderung in Regelschulstrukturen. Dort ist der Anspruch, allen Menschen in sämtlichen Bereichen den Zugang zu erschließen, die sich in irgendeiner Weise ausgeschlossen fühlen. Sei es aufgrund etwa von Armut, Ethnie, von Geschlecht oder Bildung.

Einer der wichtigsten Perspektivwechsel, den die beiden Berliner Künstler*innen auch für sich ganz persönlich mit nach Hause genommen haben, war eine deutliche Ansage von Mallika Macleod, der Managerin für DADAA in Midland. Sie geht in Bewerbungsgesprächen davon aus, dass Behinderungen eine zusätzliche Qualifikation bedeuten. „Wen es mit Behinderung bis hierher geführt hat, die oder der besitzt gegenüber den nicht behinderten Kandidat*innen zusätzliche Fähigkeiten. Fähigkeiten die es braucht, um auch mit Einschränkungen in einer bei weitem noch nicht inklusiven Ausbildungs- und Arbeitswelt ihren oder seinen Platz zu finden.“

Dies ist ein deutlicher Gegenentwurf weg vom vertrauten Narrativ „er oder sie hat es trotz einer Behinderung soweit geschafft“, hin zu einem Ansatz, der Behinderung zu dem macht, was sie eigentlich immer sein sollte: Ein Mosaikstein in einem großen und vielfältigen Gesamtbild.

Bis zum nächsten Meeting Place, vom 1. bis 3. Dezember 2019, welcher in Canberra stattfinden wird, soll der Austausch zwischen Berlin und Australien intensiviert und nach gemeinsamen Formen gesucht werden, um eben dieses Gesamtbild weiter vielfältig zu bereichern.

Alle Fotos: Arts Access Australia