Am 12. Mai war das Finale vom Eurovision Song Contest in Lissabon, und wie seit ein paar Jahren wurden die Auftritte auch wieder in Gebärdensprache übersetzt. Wille Felix Zante erzählt, wie sich die Übersetzung von Musik in Gebärdensprache entwickelt hat.

2015 wurde der Eurovision Song Contest erstmals in Gebärdensprache gezeigt. Der österreichische Rundfunk hatte dazu gehörlose Menschen beauftragt, die Lieder vorab einzustudieren und dann live kreativ umzusetzen. Seither gibt es ein Bündnis namens Eurovision Signs, dem unter anderem Österreich und viele skandinavische Länder angehören. Das Ziel ist, möglichst eine internationale Version der Lieder abzuliefern.

In Deutschland gibt es seit 2016 für die Ausstrahlung eine deutsche Übersetzung durch die Dolmetscherin Laura M. Schwengber. Parallel gibt es immer wieder Angebote in anderen teilnehmenden Ländern die leidenschaftliche Arbeit von Tommy Krångh ging um die Welt. Aber es geht auch anders: Die Ukraine bot einfach gar keine Übersetzung an, als sie 2017 den europäischen Gesangscontest ausrichteten. Doch so oder so ist Gebärdensprache ein fester Bestandteil von Eurovision, selbst wenn es keine einheitliche oder fest vorgeschriebene Umsetzung gibt. Der niederländische Sender Avrotros bot 2018 beispielsweise vorab Versionen der ESC-Musikvideos in Gebärdensprache an, als Beispiel hier das Gewinnerlied:

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Finale Eurovision Song Contest 2018

Allerdings waren nicht alle teilnehmenden Länder mit Gebärdensprache dabei (Liste mit weiteren 15 Liedern in Gebärdensprache), und das Finale wurde offensichtlich nicht offiziell in Auftrag gegeben. Daher improvisierten die Dolmetscher*innen kurzerhand einen YouTube-Stream. Dieser war nicht so professionell wie der vom NDR, aber besser als nichts. Die beiden Streams lassen sich im Nachhinein ganz gut nebeneinander vergleichen. Ein großer Vorteil der gemischten Teams wie in den Niederlanden ist die Abwechslung der verschiedenen Stile der Dolmetscher*innen, dafür ist sie bei nur einer Dolmetscherin, wie beim NDR, deutlich einheitlicher. Beides hat seine Vor- und Nachteile.

Gebärdensprach-Videos als PR-Gags

Die britische Teilnehmerin 2018, SuRie, machte von sich reden, indem sie selbst eine Gebärdensprachversion ihres Liedes einstudierte — anhand derer sich gut vergleichen lässt, wie wichtig es ist, die Sprache trotzdem gut zu beherrschen: Auch wenn sie für einen Menschen, der die Gebärden nur auswendig gelernt hat, die Aussprache ganz gut hinkriegt, wirkt ihre Umsetzung steif.

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Das erinnert stark an das Musikvideo von Paul McCartneys „My Valentine“ mit Natalie Portman und Johnny Depp oder Sarah Connors „Kommst du mit ihr“. Steif einstudiert und vor allem PR-Gags, die darauf abzielen, Punkte zu sammeln. Wenn die Übersetzungen wenigstens Sinn — etwa in der Handlung des Videos oder des Liedes — ergeben würden. Aber nein, meist ist die Gebärdensprache nur ein dekoratives Element, die in ihrer Umsetzung an die Gestik erinnern, die manche Musiker auf der Bühne ohnehin machen. Fun Fact am Rande: „Kommst du mit ihr“ ist ein Lied von Sarah Connors Album „Muttersprache“. Wie wichtig wirkliche sprachliche Kompetenz ist, zeigt schon, dass das Wortspiel („kommen“ im Sinne von ankommen oder sexuell kommen) überhaupt nicht übersetzt wird.

Musikdolmetschung durch gehörlose Menschen

Dabei hat es schon immer gehörlose Menschen gegeben, die Lieder in Gebärdensprache übersetzt haben: Etwa B. Storm, der Marilyn Mansons „This is the new shit“ und Gnarls Barkleys „Crazy“ in eine Gebärdensprachfassung umsetzte. Berühmtestes und erfolgreichstes Beispiel ist sicher der Rapper Signmark aus Finnland, der mit einem Hörenden als Sänger auf Tour geht. In Deutschland sind vor allem Kathrin Wolke alias Deaf Kat Night und Okan Seese bekannt, allerdings vor allem für ihre sporadischen Live-Auftritte.

Deutlich mehr Erfolg hat da Kassandra Wedel, die bei der ProSieben-Talentshow „Deutschland tanzt“ gegen Oliver Pocher gewann. Dabei ist sie keine typische Gebärdenmusikerin, sondern Tänzerin. Auch so bricht sie mit dem Vorurteil, dass gehörlose Menschen nicht tanzen können: Sie spürt, wie viele andere gehörlose Menschen auch, einfach die Vibrationen und orientiert sich an ihnen. Ihr Haupt-Tanzstil ist Hip Hop, aber bei „Deutschland tanzt“ zeigte sie auch andere Stile. Reinen Hip Hop bot Tobias „Tobiz“ Kramer, der um 2012 herum auf keiner größeren Gehörlosenveranstaltung fehlen durfte, doch bald wieder von der Bildfläche verschwand.

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(Ein Zusammenschnitt der verschiedenen Dolmetscher*innen 2015 in Österreich)

Gemeinsam haben alle diese Musikbegeisterten, dass sie eine einfache Brücke schlagen zwischen hörenden und gehörlosen Menschen. Beide Seiten kennen einen Teil der Performance bereits, die Hörenden die Musik, die Gehörlosen die Gebärden, und so entsteht eine Verbindung zwischen zwei völlig unterschiedlichen Wahrnehmungsarten. Es geht tatsächlich nicht so sehr darum, Musik zugänglich zu machen, sondern eher darum, Verbindungen herzustellen. Wie auch der Eurovision Song Contest eingeführt wurde, um Europa nach zwei Weltkriegen wieder zusammenzubringen und die europäische Union zu stärken, so verbindet Musik mit Gebärdensprache verschiedene Menschen. Vor allen Dingen ist die Umsetzung in Gebärdensprache ein Zeichen: Ihr seid willkommen, ihr seid mitgemeint.

Wenn diese Willkommenskultur aber konsequent sein soll, müsste eigentlich die Ausstrahlung im regulären Fernsehen stattfinden – nicht nur die Ausstrahlung des ESC, sondern auch anderer Sendungen wie des Sandmännchens. Aktuell findet Inklusion nur versteckt im Stream statt, doch auch Hörende sollten als Zielgruppe verstanden werden. Der Öffentlichkeitseffekt wäre enorm und würde ein Millionenpublikum mit Gebärdensprache in Berührung bringen.

Titelbild: Andres Putting Eurovision.tv