Der Film “Körper und Seele” gewann bei der Berlinale 2017 den Goldenen Bären. Darin träumt die Hauptfigur Mária metaphorisch von einer Liebschaft. Nun ist der Film auf DVD erschienen. Marlies Hübner mit einer Filmkritik.

Eine Frau, allem Anschein nach autistisch, verliebt sich am Arbeitsplatz in einen Kollegen – das hat sowohl in der Realität, als auch im Film Potenzial. Die ungarische Regisseurin und Drehbuchautorin Ildikó Enyedi erkannte das und brachte 2017 den Film „Körper und Seele“ in die Kinos, eine Liebesgeschichte, die aus dem Kanon der üblichen Hollywood-Lovestories ausbricht.

Klare Bildsprache

Blut spritzt gegen weiße Kacheln, Haut wird abgezogen, Gliedmaßen entfernt. Mit einer Säge wird der Leib der an einem Bein hängenden Kuh in zwei Hälften geteilt und von Mária beurteilt. Sie urteilt streng. Viele Rinderhälften genügen nicht ihren Ansprüchen und erhalten nicht das Siegel, das sie ihnen als Qualitätsprüferin verleihen soll. Ganz zum Ärger des Chefs. Ein Auge zudrücken? Kann sie nicht, ebenso wenig wie den Small Talk mit den Kolleginnen und Kollegen, das Einfügen in bestehende Gruppen und die Flirts mit dem Mann, der ihr gefällt.

Im Traum gibt es keine Barrieren

Nach einem Diebstahl im Schlachthof wird eine Psychologin gebeten, die schuldige Person ausfindig zu machen. In den Gesprächen mit ihr werden ausgerechnet die gemeinsamen Träume von Mária und Endre, dem Mann, den sie begehrt, enthüllt. Sie treffen sich jede Nacht als Hirschkuh und Hirsch auf einer Lichtung im Wald – eine idyllische Szenerie, die nicht gegensätzlicher sein könnte zu ihrem Alltag.

Mária wirkt, als sei sie aus der Zeit gefallen. Sie kann Endres ihre Telefonnummer nicht geben, aber nicht aus Desinteresse, sondern weil sie kein Telefon besitzt. Unglaublich? Ja, zumindest für Endre. Sie erforscht die Haptik verschiedenster Objekte, Gespräche übt sie vorab, im Nachgang werden sie analysiert. Dabei stellt sie die Gesprächsszenen mal mit Salzstreuern, mal mit Lego-Figuren nach. Das Gesagte ist ihr Wort für Wort im Gedächtnis geblieben. Ihr Handeln wirkt häufig verkopft, taktisch, beinahe seelenlos.

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Ob Mária Autistin ist wird trotz ihrer Auffälligkeiten nie thematisiert. Auch die Regisseurin schreibt ihrer Protagonistin diese Neurodiversität nicht offen zu. Mit Mária schuf Ildikó Enyedi eine Figur, die ihrem früheren Selbst ähnelt, sagte sie in einem Interview, ohne genauer auf eine eventuelle seelische Behinderung einzugehen. Auch Endre hat eine Behinderung; sein einer Arm ist gelähmt.

Der Film bedient sich sehr klarer Farbwelten. Mária, die Helle, Reine, Unwissende fühlt sich ohne erkennbaren Grund hingezogen zum dunklen, verbitterten Endre, und doch ist das, was eine große Liebesgeschichte sein könnte, am Ende ernüchternd. Schon das stark sexistische Umfeld im Schlachthaus ist schwer zu ertragen: die zotigen Herrenwitze, die Affären, die plumpen Annäherungen. Und der Film endet dann auch mit einer körperlichen Annäherung, einer gemeinsamen Nacht von Mária und Endre.

Stimmen aus der Presse

Die Presse gab sich im Zusammenhang mit dem mutmaßlichen Autismus angenehm zurückhaltend. Mit dem sprachlichen Fauxpas, dass sie unter einer “leichten Form von Autismus leide” bildete die Süddeutsche eine Ausnahme. Der Standard erkannte in Mária lediglich „autistische Züge“, eine Formulierung, die unter den doch alles recht wörtlich nehmenden Autist*innen immer wieder für Lacher sorgt. Jene verstehen bei dieser Formulierung gern einmal Bahnhof und fragen sich, wie ein Zug denn autistisch sein kann. Bei den meisten Medien, wie beispielsweise bei filmstarts.de, ist der mutmaßliche Autismus höchstens eine Randnotiz.

Prädikat sensibel?

Körper und Seele, das kann die Vereinigung zweier Liebender bedeuten oder auch die körperliche und die seelische Behinderung der beiden Hauptfiguren. Eine sensible Liebesgeschichte ist der Film nicht.