Jahrgang 1966, ist seit 20 Jahren beim Bayerischen Rundfunk als feste Freie und für den Talk der täglichen Fernseh-Sendung „Wir in Bayern“ zuständig. Alle zwei Monate moderiert sie ihre eigene Sendung „Alpha Forum“. Sie war auch schon bei der Süddeutschen Zeitung tätig und arbeitete für eine Produktionsfirma.

Wie war Ihr bisheriger Werdegang?

Ich habe Politikwissenschaften studiert und im Studium das erste Praktikum beim BR gemacht, in einer Jugend-Talk-Sendung. Es hat mir so Spaß gemacht, dass ich mich anschließend für die Deutsche Journalistenschule bewarb. Um mich herum haben alle gesagt ‘jetzt ist sie größenwahnsinnig geworden – Rollstuhl und Journalist, das geht gar nicht’. Ich hatte aber auch das Glück, dass ich an Menschen geraten bin, die mich machen ließen und nicht gleich der Meinung waren ‘das kann doch nicht gehen’.

Von den Räumlichkeiten war es aber sehr schwierig. Schwere Türen, keine Rolli-WCs, Aufzugknöpfe, an die ich nicht reichte – die Liste könnte ich beliebig fortsetzen. Aber ich war wild entschlossen, meinen Weg als Journalistin zu machen – egal wie. Ich musste mich einfach nur perfekt organisieren.

Zuhal Soyhan lächhelt an der Kamera vorbei. Sie trägt ein blaues Oberteil mit silberner Kette.Haben Sie die Behinderung bei der Bewerbung für das Praktikum erwähnt?

Spätestens beim Antritt hätte man es ja gesehen, dass ich im Rollstuhl sitze – also die Behinderung nicht zu erwähnen, wäre in meinem Fall unsinnig gewesen. Man muss dazu auch sagen, vor 20 Jahren war es schier undenkbar, dass behinderte Menschen auch Journalisten werden. Das hatte damals schon für Erstaunen gesorgt.

Wie sind Sie mit Barrieren am Arbeitsplatz umgegangen?

Der Hörfunk war zwar einigermaßen barrierefrei, aber eher zufällig. Ein WC für Rollstuhlfahrer beispielsweise gab es aber trotzdem nicht. Auch beim Fernsehen war es erstmal schwierig und wenn man nur Praktikantin ist, dann ist niemand bereit, irgendwelche Baumaßnahmen durchzuführen. Ich war immer auf den guten Willen anderer angewiesen. Es war anfangs wirklich nicht leicht, meine Kollegen von meiner Arbeit zu überzeugen. Sie sahen meine Behinderung und zogen daraus ihre Schlüsse…

Auch bei der Deutschen Journalistenschule war das Haus nicht barrierefrei. Ich war darauf angewiesen, dass mich meine Kommilitonen die 5, 6, 7 Stufen hinauftrugen. Im Haus gab es dann einen winzig kleinen Aufzug und die Räumlichkeiten waren auch eher beengt, aber meine Kommilitonen und die Schulleitung haben mir geholfen, wo sie konnten. Das war so unkompliziert und so selbstverständlich, wie ich es später nie wieder erfahren habe.

Was hätten Sie sich von Ausbilder*innen oder Chef*innen gewünscht?

Ich hätte mir mehr Fragen gewünscht: „Wie ist die Ausstattung?“ oder „Wie kommst Du zurecht?“ Ich habe durchsetzen können, dass ich jetzt ein- bis zweimal die Woche Homeoffice machen kann. Ich arbeite jetzt seit 20 Jahren als Journalistin und merke langsam, dass ich natürlich nicht mehr ganz so viel Energie habe wie noch vor Jahren.

Haben Sie Tipps an die Bewerber*innen?

Man muss immer daran denken, dass man den Job macht, weil man gut ist und ihn machen möchte und machen kann. Man sollte offen über die Behinderung sprechen – was geht, was geht nicht, wo man Unterstützung braucht, wie der Arbeitsplatz gestaltet sein muss. Ich habe anfangs den Fehler gemacht und gesagt, ‘das geht schon irgendwie’. Offene Kommunikation ist einfach hilfreich und kann viele Vorurteile oder Unsicherheiten erst gar nicht entstehen lassen. Außerdem habe ich immer darauf geachtet, auch andere Themen als Behinderung zu bearbeiten. Ich bin keine Expertin für sämtliche Behinderungsarten dieser Welt, das wird aber manchmal erwartet.

Im Bewerbungsprozess könnte man sich vorab mit dem Behindertenbeauftragten in Kontakt setzen. Alle öffentlich-rechtlichen Sender haben eine/n Behindertenbeauftragte/n, und ihr oder ihm die Unterlagen im Vorhinein zu schicken, kann hilfreich sein. Man muss sich Verbündete schaffen.

Porträtbild: Inge Prader