Jahrgang 1957, betreut als leitender Redakteur die Reiseseiten der Schweizer SonntagsZeitung. Christoph Ammann engagiert sich im Stiftungsrat der Dunkel-Restaurants „blindekuh“ in Zürich und Basel, ist Mitglied der Selbsthilfegruppe „Adler“ in Winterthur und Präsident des Vereins „Bürgerforum Marthalen“.

Wie verlief Ihr beruflicher Werdegang?

Nach meinem Abitur und einer Zeit als freier Journalist während des Studiums habe ich ab 1983 die Ringier Journalistenschule besucht und parallel dazu mein Volontariat bei den Schaffhauser Nachrichten absolviert, für die ich anschließend als Redakteur tätig war.  Von 1986 bis 1996 habe ich – mit einer einjährigen Unterbrechung bei der Fachzeitschrift Travel Inside – beim SonntagsBlick gearbeitet. Im November 1996 bin ich dann zur SonntagsZeitung gewechselt, für die ich seit 1998 als Ressort- und Teamleiter Reisen tätig bin. Ich plane und koordiniere die Reiseberichterstattung, redigiere die Texte interner und externer Mitarbeiter, schreibe etwa 50 Texte pro Jahr selber und führe Sonderprojekte wie Beilagen durch.
Bei der Redaktionsarbeit unterstützt mich im administrativen Bereich eine Assistentin für ein bis zwei Tage die Woche. Meine Behinderung habe ich erst spät erworben, weshalb ich meinen Beruf lange ohne große Einschränkungen ausüben konnte. Mein Vater war ebenfalls betroffen, deshalb wusste ich schon früh, dass es irgendwann auf mich zukommen würde. Ab 2005 wurden die Augen nach und nach schlechter, der Sichtwinkel immer eingeschränkter, doch bis 2010 konnte ich noch relativ normal leben.

Ammann trägt eine Brille und lächelt. Er trägt ein graues Jacket und ein helles HemdWie gehen Sie mit Ihrer Behinderung am Arbeitsplatz um?

Ich bin von Anfang an, als die ersten Symptome einsetzten, offen damit umgegangen und habe mir selbst rechtzeitig Unterstützung geholt. Ich habe mich bei der Invalidenhilfe angemeldet und vom Blindenbund beraten lassen. Danach habe ich über die Schweizerische Sozialversicherungsanstalt (SVA) meinen Arbeitsplatz technisch umrüsten lassen – und zwar noch bevor ich ganz darauf angewiesen war. In der Schweiz herrscht zum Glück die Auffassung, dass es billiger ist, einen Menschen mit Behinderung im Beruf zu halten als ihn zu berenten. Jemand aus unserer IT hat sich in das Thema reingefuchst. Ansonsten kann ich auch auf einen externen Support zurückgreifen. Ich benutze auf meinem Notebook das Programm JAWS, mit dem ich mir Texte und E-Mails vorlesen lasse. Und ich habe den E-Kiosk abonniert, sodass ich nach wie vor jeden Morgen Tageszeitungen konsumieren kann. Auf Reisen benötige ich eine Assistenz, die mir alles rundherum ganz genau beschreiben kann. Das können Leute aus der Branche, dem Journalismus oder jemand aus der Familie sein. Ab und zu engagiere ich auch mal eine externe Assistenz.

Würden Sie eine Behinderung bei einer Bewerbung erwähnen?

Man sollte immer mit offenen Karten spielen. Ich bin für die Reiseseiten in den Zeitungen unseres Verlages zuständig. Letztens habe ich einem Autor, den ich persönlich nicht kannte, eine Reise vermittelt. Eine Woche später hat er sich gemeldet, er benutze einen Rollstuhl und ob die Teilnahme auch damit möglich sei. Das fand ich seltsam. Denn hätte ich es vorher gewusst, hätte man es gleich von Vorneherein organisieren können. Das wäre einfacher gewesen. Gleiches gilt aber auch für jemanden mit drei Herzinfarkten, der in den Himalaja reisen möchte. Das muss man vorher offen ansprechen und sachlich diskutieren, was möglich ist und was nicht. Denn was man nicht möchte, ist Mitleid. Dadurch wird man eine Stufe heruntergesetzt und nicht mehr so ernst genommen.

Was hätten Sie sich in Ihrem Arbeitsalltag gewünscht?

Was ich vermisse, ist eher gesellschaftlicher Natur. Ich finde es als Blinder schwierig, sich in eine Redaktion zu integrieren – gerade, wenn es sich wie bei uns um eine große Redaktion handelt, in der oft personelle Wechsel stattfinden. Es herrschen schon Berührungsängste. Die Kolleg*innen halten einem zwar die Tür auf, fragen aber selten, ob man mal gemeinsam in die Kantine zum Mittagessen gehen möchte. Da muss man schon aufpassen, dass man nicht zum Außenseiter wird. Ich wünschte mir, dass die Kolleg*innen diesbezüglich lockerer wären. Mein Problem ist, dass ich selbst nicht so gut auf andere zugehen kann, weil ich nicht sehe, wo sie überhaupt stehen.

Welches Feedback erhalten Sie auf Ihre Arbeit?

Ich möchte genau so beurteilt werden wie ein sehender Mensch. Intern habe ich keinen Bonus. Wenn ich Mist baue, werde ich genau so behandelt wie jeder andere. Und wenn ich etwas besonders gut gemacht habe, auch. Außerhalb bekomme ich schon sehr gutes Feedback, teilweise auch Bewunderung. Aber mir ist es am liebsten, wenn ich als ganz normaler Journalist wahrgenommen werde, der halt nichts sieht.

Was raten Sie Menschen mit einer Behinderung zum Berufseinstieg in den Journalismus?
Man muss einen Unique Selling Point haben, um eingestellt zu werden, etwa Know How. Wenn die blinde Person klüger ist und besser schreibt, nehme ich die. Mein Vorteil war, dass ich schon in fester Anstellung war, als meine Behinderung auftrat. Allerdings kann ich mich im Zuge der Zentralisierung im Tageszeitungsgeschäft nicht auf meinen Lorbeeren ausruhen. Man muss sich eben immer etwas mehr bemühen. Journalismus ist ein guter Beruf für Blinde, weil es für die Textverarbeitung gute Hilfsmittel gibt – anders als etwa beim Schreinern oder im Handwerk.

Porträtbild: privat