Mit seiner Sehbehinderung und Spastik würde er nicht einmal in einer Werkstatt arbeiten können. Das wurde Henning Schmidt in seiner Grundschulzeit prognostiziert. Heute arbeitet der 38-jährige als Redakteur für den rbb in der Redaktion von radioeins. Ein Portrait über ihn und seinen Weg in den Journalismus von Jonas Karpa.

Eigentlich wollte Henning Schmidt gar nicht zum Radio. Vielleicht auch deshalb, weil ihm das keiner zugetraut hat. Das spiegelt sich auch in seiner, wie er sagt, „krummen Schulkarriere“ wieder. Wegen einer Entwicklungsverzögerung erst mit acht Jahren eingeschult, kam er auf eine Förderschule für sehbehinderte Menschen. „Die Schule war leider sehr schlecht ausgestattet“, erinnert sich Schmidt zurück. „Da sind alle möglichen Kinder mit Sehbehinderung und anderen Behinderungen hingegangen. Die Lehrer waren mit diesen Mehrfachbehinderungen total überfordert, sodass eine Förderung kaum stattgefunden hat.“

Henning Schmidt trägt Kopfhörer und schaut auf den Bildschirm vor ihmEine Zeit, die Schmidt bis heute prägt: „Wenn man sehr früh immer wieder gesagt bekommt ‘der Henning braucht mit seiner Spastik keine Förderung im Sport’, dann verliert man irgendwann auch die Lust daran.“ Gleichzeitig skurril empfand er die Tatsache, dass die Schule der Meinung war, dass die Schüler*innen insgesamt fünf Jahre bräuchten, um den Grundschulstoff zu erlernen. Da es in Baden-Württemberg aber nur vier Grundschuljahre gab, musste ein Jahr von allen Schüler*innen wiederholt werden. „Ich hatte ein Zeugnis in der dritten Klasse mit lauter Einsen und Zweien. Unten drunter stand: ‘Henning wiederholt freiwillig’“, schmunzelt er.

Ein Schulwechsel zur richtigen Zeit

Glücklicherweise erkannte eine Lehrerin, dass sein fotografisches Gedächtnis und das Interesse an Politik, Geschichte und Sachkunde gefördert werden müsse. Es folgte eine Empfehlung und schließlich der Schulwechsel nach Marburg, an die Deutsche Blinden-Studienanstalt. „Hier gab es ein viel besseres Konzept und die Schule wusste auch mehr mit meiner Mehrfachbehinderung anzufangen“, schildert Schmidt. „Auch wenn natürlich in meinen ersten Schuljahren schon viel versäumt wurde, da ich ja leider erst mit 15 auf diese Schule ging.“ Für ihn war es der Grundstein, etwas aus seinen Fähigkeiten zu machen und erfolgreich sein Abitur abzulegen.

Nach der Schule blieb er in Marburg und studierte an der Philipps-Universität Politikwissenschaften, Geschichte und Friedens- und Konfliktforschung. Eigentlich Fächer, die sich gut eignen würden, um später im Journalismus Fuß zu fassen. „Sympathisiert mit dem Berufsfeld des Journalisten habe ich immer“, verrät Schmidt. Auch viele seiner Kommiliton*innen haben während ihres Studiums Praktika, zum Beispiel beim ZDF, gemacht. „Ich wollte aber nicht irgendwo nur fürs Kaffeekochen da sein, da ich mir zum damaligen Zeitpunkt einfach nicht vorstellen konnte, dass die einen wie mich nehmen würden“, so Schmidt. Er habe bei sich auch nicht die Grundvoraussetzungen für eine “normale” Journalist*innen-Karriere gesehen: „Als angehender Lokalreporter über die Dörfer zu tingeln, am besten noch mit dem eigenen Auto und von verschiedenen Veranstaltungen zu berichten, das hätte ich mit meiner Sehbehinderung gar nicht bieten können.“ So blieb es dabei, dass er Texte für sein Blog schrieb – ohne journalistischen Ansatz und ohne Hintergedanken, irgendwann beruflich Artikel zu schreiben.

Nach dem Studium blieb nur eins: schreiben

Nach seinem Studium folgte die Promotion. Obwohl es eineinhalb Jahre relativ gut funktionierte, kam eine ernüchternde Prognose vom betreuenden Professor. „Er kam zu mir und sagte, dass ich zwar intelligent sei, aber das man mit so einer Behinderung an einer deutschen Universität nicht arbeiten könne. Als Feststellung, ohne es näher zu begründen“, sagt Schmidt nüchtern und ergänzt: „Das war dann die Initialzündung für mich.“ Denn nun, mit fast 33 Jahren stand er vor der Frage: Was mache ich mit meinem abgeschlossenen Studium? Das Schreiben von Texten hatte er nie aufgegeben.

Während seines Promotionsversuches hatte er angefangen, Rezensionen von wissenschaftlichen Sammelbänden zu schreiben. Letztendlich konnte er Teile seiner Magisterarbeit in der Fachzeitschrift INAMO über den nahen und mittleren Osten veröffentlichen. „Für mich war das die Bestätigung, dass ich gut schreiben kann. Mir fehlte nur die Idee, einen für mich geeigneten Position in einer Redaktion zu finden“, so Schmidt.

Manchmal braucht man auch einfach etwas Glück. Denn er erfuhr von der “Frankfurter Stiftung für Sehbehinderte”, die in Kooperation mit der Journalistenakademie in München Onlinejournalist*innen ausbildeten. „Für mich war zu diesem Zeitpunkt klar: dass ist das, was ich machen möchte“, sagt Schmidt.

Was er nicht ahnte war, dass es kompliziert werden würde, diesen Wunsch auch bei der Arbeitsagentur durch zu setzen. Diese wollte zunächst keine Weiterbildung finanzieren, da er ja bereits Politologe sei und nun auch in diesem Job arbeiten solle. „Ich habe dann versucht zu erklären, dass ich das die letzten Jahre vergeblich versucht habe. Ich fand, dass mehr als Politologe an einem politologischen Lehrstuhl zu arbeiten ja nicht ginge.“ Erst als Schmidt seine ebenfalls vorhandene bipolare Störung anspricht, wird die Arbeitsagentur hellhörig. „Da haben sie auf einmal die Vermutung gehabt, dass sich mein Gesundheitszustand bei Ablehnung meines Antrags verschlechtern könne und so haben sie nach zähem Ringen meinem Weiterbildungswunsch doch zugestimmt“, so Schmidt. Eine Trumpfkarte in diesem Fall für ihn, die er aber nur widerwillig ausspielen wollte. „Ich finde, dass psychische Erkrankungen erstmal keinen etwas angehen.“ Auch bei Bewerbungen habe er das nicht erwähnt, da es keine Auswirkungen auf seine Arbeitsleistung habe, wie er sagt.

Wunschmedium Radio

Die Weiterbildung zum Onlinejournalisten fand für Henning Schmidt an der Journalistenakademie Dr. Hofacker in München statt. „Die ersten sechs Monate waren sehr kompakt“, erinnert er sich. „Die Grundlagen wurden in Windeseile durchgegangen, quasi drei Tage ‘Was ist eine Nachricht?’, drei Tage ‘Was ist eine Reportage?’, drei Tage Photoshop, und so weiter. Also ein grober Überblick.“ Im Anschluss folgten zwei Praktika, von denen Schmidt eines bei hr-online (heute hessenschau) absolvierte. „Hier wurde wirklich viel für mich getan. Ich bekam die Hilfsmittel bereitgestellt, die ich zum arbeiten benötige. Gleichzeitig waren sie in der Redaktion in Frankfurt froh einen zu haben, der sich mit den Geschehnissen aus Mittelhessen auskannte“, so Schmidt. Während dieses Praktikums konnte er auch zwei Wochen in die Redaktion von den hr1-Nachrichten reinschauen. „Das war meine allererste Berührung mit Radio und hat mir gut gefallen.“

Das er später auch beim Radio landet, war wieder eine Mischung aus Glück und Zufall. Insgesamt 28 Bewerbungen schickte Henning Schmidt initiativ an alle erdenklichen Online-Redaktionen, darunter die FAZ, die taz oder auch die Hilfsorganisation Amnesty. „Ich habe das initiativ gemacht, weil ich dachte, dass es eh keine, auf mich und meine Behinderung zugeschnittene, Stellen gibt“, erklärt Schmidt. Volontariate seien zum Beispiel häufig trimedial und leistungsorientiert ausgerichtet, was Bewerber mit Einschränkungen abschrecken würde. Ein Volontariat nur für Radio und Zeitung hätte er, rückwirkend betrachtet, gerne gemacht. Seine Behinderung habe er auch immer bewusst in der Bewerbung genannt.

„Das liegt zum einen daran, dass die Weiterbildung durch die Stiftung für Sehbehinderte gefördert wurde und es dadurch eh transparent war und das ich glaube, dass es spätestens beim Vorstellungsgespräch auffällt, wenn man es verheimlicht.“ Die Chance beim rbb war dann fast eher ein „Versehen“. „Ich hatte mich in der Online-Redaktion beworben, wusste aber nicht, dass dort zwischen Online-Fernsehen und Online-Nachrichten unterschieden wird“, erklärt Schmidt. „Ich bin dann beim Fernsehen gelandet, obwohl ich eigentlich zu den Nachrichten wollte.“ Knapp ein Jahr lang arbeitete er dennoch in der Redaktion, die das Online-Zusatzangebot zu Fernsehsendungen zusammenstellt.  

Doch ihm und auch der Redaktion wurde klar, dass dies nicht der optimale Arbeitsplatz sei. Durch seine Sehbehinderung schlichen sich immer wieder kleine orthographische Fehler, wie Buchstabendreher oder doppelte Leerzeichen ein, die er auch trotz mehrfachen Lesens nicht erkannte. Außerdem war es für ihn schwer, durch den Einsatz von Vergrößerungssoftware das Gesamtdesign von Bild und Text einer Seite anzupassen. „Man hätte quasi ständig einen Redakteur benötigt, der meine Arbeit noch einmal korrigiert. Und das macht dann wenig Sinn“, gibt er zu. Der Redaktionsleiter habe aber erkannt, dass er mit seinen Fähigkeiten Teil einer Redaktion sein sollte, nur ein anderer Aufgabenbereich gesucht werden müsse. „Es hat zwar etwas gedauert, aber ich durfte dann mit meiner Stelle vom Fernsehen zum Radio umziehen, was pures Glück war.“ Radioeins habe sich als eine von sechs Radiowellen des rbb bereit erklärt, ihn zu übernehmen.

Henning sitzt an einem Schreibtisch mit SchnittmonitorenHenning Schmidt arbeitet seitdem als Redakteur für das Tagesprogramm von radioeins, recherchiert Themen und Gesprächspartner*innen, bereitet Interviews vor und arbeitet den anderen Redakteur*innen zu. Die Themenauswahl ist breit gefächert. Wenn er eigene Themen für eine Sendung aufbereitet, geht es allerdings immer um das Thema Behinderung oder Inklusion. „Viele meiner Kolleg*innen trauen sich nicht an das Thema Behinderung heran, weil sie Angst haben, die falschen Begriffe zu benutzen“, sagt er. Als Mensch mit Behinderung sei es Fluch und Segen zugleich: durch ihn werden diese Themen im Radioprogramm abgedeckt, aber leider auch nur durch ihn.

Da für Schmidt die Arbeit des Radioredakteurs ein komplett neues war, war auch die Frage nach Möglichkeiten und Einschränkungen im alltäglichen Arbeitsablauf für ihn und auch für die Redaktion eine große Unbekannte. „Glücklicherweise bin ich auf eine sehr offene Redaktionskultur gestoßen, in der ich alles fragen konnte und mit Rat und Tat unterstützt wurde.“

Zu Interview-Terminen zu gehen, die in einem kleineren, geschlossenen Raum stattfinden, sei für ihn kein Problem. Anders sieht es bei großen Veranstaltungen aus. „Hier kann ich immer einen Praktikanten als Unterstützung mitnehmen, dem ich dann sagen kann ‘Sei meine Augen’ und der mich zu potentiellen Gesprächspartnern führt“, erklärt er.

Das Erkennen der kleinen Tasten am Aufnahmemikro löste er, indem er sich kurzerhand ein eigenes barrierefreies Aufnahmegerät kaufte. Etwas, was der rbb noch im Lager hatte, waren Headset-Mikrofon für das Sendestudio. Durch seine Sehbehinderung muss Henning Schmidt sein ausgedrucktes Manuskript nah vor das Gesicht halten um den Text zu erkennen. Genau an dieser Stelle wäre aber sonst das Mikro im Weg. „Die Lösung war einfach wie genial“, schwärmt Schmidt. „Durch das Headset-Mikrofon kann ich ganz normal zum sogenannten ‚Kollegengespräch‘ als kundiger Reporter zu den Moderatoren ins Studio gehen.“ Anfangs wurden diese Gespräche noch aufgezeichnet, aber seit einigen Wochen dürfe er auch live in der Sendung seine Themen präsentieren. Seine Behinderung würde dabei, auch wenn die Zuhörer*innen ihn natürlich nicht sehen können, nicht verheimlicht. „Bei den Themen Behinderung und Inklusion bekomme ich dadurch einen zusätzlichen Expertenstatus., weil ich selbst betroffen bin“, so Schmidt.

Wenn er einen beruflichen Wunsch frei hätte, dann wäre es der, in Zukunft immer mehr aus dieser Expertenrolle heraus zu wachsen. „Ich würde gerne zeigen, dass ich noch mehr kann. Ich bin Politologe, Zeitgeschichtler und Friedens- und Konfliktforscher“, so Schmidt. Generell rät er anderen Bewerber*innen dazu, ihre Behinderung zwar nicht zu verleugnen, aber gleichzeitig auch mit anderen Interessen und in Fachgebieten Expert*in zu sein. „Ich höre zum Beispiel unglaublich viele Hörbücher und könnte mir sehr gut vorstellen, Rezensionen zu machen“, verrät er. Das Gefühl, ein wichtiges Redaktionsmitglied zu sein, wurde ihm auch noch einmal gegeben, als der Sender seinem Antrag auf Weiterbildung zustimmte. Er besuchte daraufhin die ARD.ZDF Medienakademie zum Thema „Radio für Ein- und Umsteiger“, wodurch er einen tieferen Einblick in den Radiojournalismus bekam.

Ihm sei aber auch klar, dass es Grenzen für ihn gäbe. Er würde bestimmt niemals ‘CvD’ (Chef vom Dienst) werden, meint er, da er von der Schnelligkeit und Übersicht her nur schwer ganze Sendestrecken überblicken könne. „Aber auch hier gilt: sag niemals nie. Denn vor zwei Jahren hätte ich auch nicht gedacht, dass ich hier stehe, wo ich nun bin.“ Sein aktueller Job, das tägliche Radioprogramm von radioeins mitzugestalten, sei für ihn auf jeden Fall eine Art „Lottogewinn“. Und das, obwohl er ja eigentlich gar nicht zum Radio wollte.

Porträtfoto: Jörg Pitschmann