Presseschau zum Film “Die Goldfische”

Presseschau zum Film “Die Goldfische”

Am 21. März startete das Roadmovie “Die Goldfische” in den Kinos. Leidmedien.de beriet im Vorfeld das Drehbuch und traf sich mit Schauspieler*innen und Produzent*innen zum Interview. Wie haben Medien über den Film mit behinderten Charakteren berichtet und was sagen die Darsteller*innen selbst? Jonas Karpa hat einige Beispiele gesammelt.

Behinderung – Leiden unter dem Schicksalsschlag?

Die mediale Berichterstattung über den Kinofilm “Die Goldfische” beschränkte sich auf wenige Elemente des Films. Eines davon ist der Unfall von Hauptfigur Oliver (Tom Schilling), der seitdem im Rollstuhl sitzt. Hier wird der Blick oft auf den vermeintlichen Schicksalsschlag gelenkt.

Dass dieses Abenteuer Wirklichkeit wird, dafür sorgt Oliver (Tom Schilling). Seit seinem Unfall ist der Banker in der Klinik und hadert mit seinem Schicksal als Querschnittsgelähmter.

abendblatt.de

Oliver ist nach einem Autounfall an den Rollstuhl gefesselt, das Leben des Yuppies auf der Überholspur hat sich einmal um 180 Grad gedreht.

glamour.de

Das Oliver wirklich gefesselt war, konnten wir nicht erkennen. Dafür war er viel zu agil und ist sogar mit seinem Rollstuhl durch ein Weizenfeld gefahren. Welche Begriffe z.B. beim Rollstuhlfahren passender sind, erfahrt ihr hier.

In dem Film geht es um einen Manager, der eine Gruppe Behinderter benutzt, um sein Schwarzgeld aus der Schweiz zu holen.

haz.de

Interessant ist, dass hier der Anschein erweckt wird, dass Oliver nicht zu der Gruppe von Menschen mit Behinderung zählt. Er ist zwar zu Beginn des Films kein fester Bestandteil der WG, wohnt aber im selben Umfeld der Reha-Klinik.

Im Fokus: Behinderung, die nicht im Fokus stehen soll

In der Berichterstattung wird – und das soll auch so sein – über die Charaktere und ihre Behinderung berichtet. Dabei wird nur oft der medizinische Blick angewendet, wodurch eine Stigmatisierung stattfindet.

Die Suche nach einem einigermaßen befriedigenden WLAN-Empfang führt ihn in die Räumlichkeiten der “Goldfische”, einer Wohngemeinschaft geistig und körperlich behinderter Menschen.

pnp.de

Down-Syndrom, querschnittsgelähmt, blind, stumm, autistisch – Menschen mit solchen Einschränkungen werden schnell als Behinderte bezeichnet. Viele Betroffene mögen diesen Begriff aber gar nicht, und auch die Charaktere aus „Die Goldfische“ sind alles andere als behindert.

Bild.de

Die Bild-Zeitung meint, dass Menschen mit Behinderung nicht „Behinderte“ genannt werden möchten. Das stimmt einerseits, denn der Mensch soll bei der Bezeichnung im Vordergrund stehen, wie es bei Mensch mit Behinderung oder behindert Mensch der Fall wäre. Andererseits haben betroffene Personen meist kein Problem mit dem Wort behindert, wenn man das soziale und medizinische Modell zugrunde legt.

Regisseur Alireza Golafshan hat eben jenes versucht: die Behinderung nicht in den Fokus zu stellen.

„Menschen mit Behinderung wollen nicht über ihre Behinderung definiert werden“, erklärt der Regisseur. Also kein Film darüber, wie man mit Autismus oder Down-Syndrom lebt. Das sei für die Betroffenen kein Thema. „Es ist einfach nur ihr Leben, das sie nicht unbedingt als ein Problem ansehen.“

saarbrücker-zeitung.de

Neben der Thematisierung der Behinderung gibt es auch Berichterstattungen, in denen betont wird, dass die Behinderung im Film nicht im Vordergrund steht.

“Die Goldfische” ist ein Feel-good-Movie. Behinderungen verschiedenster Art werden hier nicht als ausgrenzendes Stigma gezeigt, sondern als Bindeglied zwischen verschiedenen Menschen, die nunmal ein Schicksal – verschiedene Behinderungen – teilen. Hier wird nicht mit dem moralischen Zeigefinger ermahnt. “Die Goldfische” appelliert an die Zuschauer und deren Verständnis für den Text zwischen den Zeilen: Schauen Sie hin und fragen Sie nach, denn hinter jeder Behinderung steht vor allem ein Mensch mit einer eigenen Geschichte, eigenen Wünschen, Problemen und Bedürfnissen.

glamour.de

Neben ihrer Behinderung werden aber auch die Charaktereigenschaften der Rollen angesprochen:

Jan Henrik Stahlberg spricht in seiner Rolle als Michi kein einziges Wort und Luisa Wöllisch präsentiert Franzi als starke Frau, die trotz Downsyndrom ganz genau weiß, was sie will.

weser-kurier.de

Wir fragen uns: Warum sollte man mit  Downsyndrom nicht wissen, was man will?

Axel Stein ist als Rainman, den in stressigen Situationen nur das Lied „Self Control“ von Laura Branigan beruhigen kann, einfach nur liebenswürdig und Birgit Minichmayr sorgt als rotzig-grantige Magda, die auch nicht davor zurückschreckt, sich trotz fehlender Sehkraft hinters Steuer zu setzen, für die meisten Lacher im Film.

weser-kurier.de

Und überhaupt: warum wird davon geredet, dass man etwas trotz seiner Behinderung macht? Menschen mit Behinderung machen Dinge einfach mit ihrer Behinderung.

Lob für den (nicht ganz inklusiven) Cast

Luisa Wöllisch ist die einzige der Darsteller*innen, die eine Behinderung hat. Gerade deshalb stand sie im Vorfeld sehr im Fokus der Berichterstattung.

Die 22-jährige Schauspielerin mit Down-Syndrom (Luisa Wöllisch) ist ein selbstverständlicher Teil der bunt zusammengewürfelten Truppe

Stern.de

Das Alleinstellungsmerkmal, die einzige behinderte Schauspielerin am Set zu sein, brachte ihr eine Art Sonderrolle ein. Hier könnte der Eindruck entstehen, dass sie auch bei den Dreharbeiten eine Sonderrolle inne gehabt hätte und kein vollwertiges Mitglied des Casts gewesen sei. Ihre Kolleg*innen widersprechen diesem gezeichneten Bild und loben sie für ihre Leistung:

Luisa ist wirklich eine hervorragende Schauspielerin, die zufällig das Downsyndrom hat

Alireza Golafshan

Regisseur, zitiert bei haz.de

Es war so schön zu sehen, dass Luisa ein mega-intelligentes Mädchen ist. Sie war immer bestens vorbereitet auf ihren Text und hat ihre Rolle super gespielt. Ich würde mir wünschen, dass sie auf normale Rollen besetzt würde und nicht immer nur auf Rollen mit Behinderung.

Kida Khodr Ramadan

Schauspieler, zitiert bei Stern.de

Luisa Wöllisch war unter anderem in den Fernsehsendungen Volle Kanne und Markus Lanz zu Gast:

Leidmedien.de sprach mit Luisa Wöllisch und Tom Schilling, sowie dem Regisseur Alireza Golafshan und Produzentin Justyna Müsch über der Film “Die Goldfische”:

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Aussagen der Schauspieler*innen zu den Dreharbeiten von “Die Goldfische”

Tom Schilling musste im Gegensatz ja den Umgang mit dem Rollstuhl lernen. Für mich war es einfacher, weil ich das Down-Syndrom habe – und es nicht spielen muss.

Luisa Wöllisch

Schauspielerin, zitiert bei glamour.de

Für Luisa Wöllisch ist die Tatsache, dass sie die einzige Schauspielerin mit Behinderung ist, kein Problem. Sie selbst musste keine Behinderung spielen. Gleichwohl ist sie mit der Darstellung ihrer Figur nicht immer ganz einverstanden:

Nur dass sie im Drehbuch manchmal auf so kleinkindliche Art spricht, finde ich ein bisschen schwierig.

Luisa Wöllisch

Schauspielerin, zitiert bei haz.de

Das die Figuren auch von nicht behinderten Schauspieler*innen verkörpert werden, ist für Luisa Wöllisch kein Problem. Sie hat Zweifel, ob ein Film, nur aus Schauspieler*innen mit Behinderung bestehend, gut funktioniert hätte.

Ich finde es sehr spannend, dass in unserem Film eben zur Abwechslung keine Superhelden gezeigt werden, sondern ganz normale Leute, die auch eine Behinderung spielen können. Wir hätten den Film auch nur mit Behinderten besetzen können, aber ich glaube, das wäre nicht so gut angekommen.

Luisa Wöllisch

Schauspielerin, zitiert bei glamour.de

Hier wird auch sichtbar, wie unterschiedlich die Wahrnehmung der Figuren ist. Während Luisa Wöllisch froh ist, dass keine Heldengeschichte erzählt wird, war für ihre Kollegin Jella Haase gerade dies der Grund, bei dem Film mitzuspielen.

Für mich war auschlaggebend, dass im Endeffekt die Menschen mit Behinderung am Ende die Helden sind. Ich fand das Drehbuch in ganz vielen Bereichen wahnsinnig ehrlich.

Jella Haase

Schauspielerin, zitiert bei NDR.de

Birgit Minichmayr, die die blinde Magda verkörpert, hatte einige Anpassungsschwierigkeiten beim Spielen einer blinden Figur:

Das ist schon eigenartig, wenn einem das Sehen genommen wird, wenn man gewohnt ist zu sehen. Das ist für eine Schauspielerin, als würde einem eine Form von Ausdrucksmittel fehlen.

Birgit Minichmayr

Schauspielerin, zitiert bei NDR.de

Unser Tipp: einfach die Rollen mit Schauspieler*innen mit Behinderung besetzten. Dann ist die Darstellung auch authentisch und der schauspielenden Person kommt es nicht so vor, als würde etwas fehlen. Schauspieler Axel Stein hat für seine Rolle des Autisten „Rainman“ viele Eigenschaften studiert und sich sein ganz eigenes Bild gemacht.

Autisten leben in ihrer eigenen Welt, jeder ist mit sich und seinem eigenen Umfeld beschäftigt. Es gibt Leute, die sind anfälliger für Anfeindungen und es gibt andere, die sind da offener. Ich würde mich zu letzteren zählen, also, Respekt hatte ich auch vorher schon.

Axel Stein

Schauspieler, zitiert bei focus.de

Es war interessant zu erfahren, womit Menschen mit Behinderungen schon glücklich sind. Und zwar, wenn man sich einfach mal eine Stunde mit ihnen beschäftigt. Weil sie von der Außenwelt abgeschottet sind –  das finde ich nicht gut. Egal, ob jemand im Rollstuhl sitzt oder Autist ist, jeder hat eine Daseinsberechtigung. Und da ist es nichts anderes mit Religion oder Hautfarben. Wir gehören alle zusammen, vollkommen egal, wo man herkommt oder wie man aussieht.

Axel Stein

Schauspieler, zitiert bei focus.de

Natürlich gehören wir alle zusammen. Deshalb ist es umso wichtiger, dass Menschen mit Behinderung nicht in Sondereinrichtungen wohnen oder abgeschotteten Werkstätten arbeiten. Nur so besteht die Möglichkeit, sich zu begegnen und auszutauschen.

Berührungsängste abgebaut?

Am meisten Spaß machen “Die Goldfische”, wenn sie sich jenseits jeder Political Correctness bewegen. […] “Die Goldfische” hätte durchaus noch eine Prise mehr Political Incorrectness vertragen können, ist aber auch so ein schön schillerndes Exemplar im oft eher trüben Teich der deutschen Tragikomödie.

NDR.de

Bei dem Thema Behinderung gibt es viele Berührungsängste. Es wird jedoch hier suggeriert, dass, wenn man unsicher im Umgang mit Menschen mit Behinderung ist, man Grenzen überschreiten soll. Ähnlich sieht es auch Schauspieler Tom Schilling.

Ich verstehe es natürlich, wenn man sagt, dass man ein bisschen auf die Sprache achten soll; sie ist ja auch ein großes Instrument. Aber wenn es dazu führt, dass die Leute total verunsichert sind, und verstummen, ist niemandem geholfen. Da sagt man lieber mal das falsche Wort, aber man sagt wenigstens etwas zueinander, denke ich.

Tom Schilling

Schauspieler, zitiert bei Stern.de

Generell sind sich die Berichterstatter*innen in dem Punkt einig, dass es gut ist, dass Menschen mit Behinderung im Film präsent sind.

Und wenn die Komödie bei dem ein oder anderen Zuschauer dafür sorgt, dass der Umgang mit Menschen mit Behinderung weniger durch Berührungsängste blockiert wird, wie es sich die Macher unisono wünschen, ist viel erreicht.

Stern.de

Trotzdem offenbarten sich viele sprachliche Unsicherheiten auf Seiten der Journalist*innen, die diese auch offen ansprachen.

 

Auch die Kinoblindgängerin Barbara Fickert hat sich in ihrem Blog mit dem Film auseinander gesetzt.

 

Wir als Leidmedien-Redaktion stehen auch in Zukunft für Fragen und Workshops zum Thema zur Verfügung.

Über den Autor

Jonas Karpa

wurde 1986 in Essen geboren. Studierte in Paderborn und Detmold Medienwissenschaften und Musikwissenschaften. Sammelte in dieser Zeit Erfahrung in verschiedenen Hörfunk- und TV-Redaktionen. Inzwischen lebt und arbeitet er in Berlin und unterstützt das Team von Leidmedien.de.

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